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Alphabet-App: So will der IS schon kleine Kinder manipulieren

Der Islamische Staat hat längst erkannt, wie wichtig das Heranziehen der nächsten Generation von Kämpfern für sein langfristiges Überleben ist. Dafür haben die Terroristen jetzt eine Kinder-App entwickelt.

Von Marc Drewello

Alphabet-App des Islamischen Staates

Buchstaben lernen unter der Flagge des IS: Die Kinder-App der Terrorgruppe wurde Anfang der Woche unter den Namen "Alphabet" und "Huruf" im Internet verbreitet

Die Terrorgruppe Islamischer Staat hat eine Android-App veröffentlicht, mit der Kinder das arabische Alphabet erlernen können. Der Wortschatz, der den Jungen und Mädchen dort vermittelt wird, zeigt allerdings, dass die Islamisten ihnen mehr als nur Arabisch beibringen wollen.

Die in fröhlichen Farben gehaltene interaktive Anwendung arbeitet mit bunten Karten, auf denen die arabischen Buchstaben vorgestellt werden und Beispielbilder deren Anwendung illustrieren. Dabei hat die Propagandaabteilung des IS zwischen harmlose Bildchen von Blumen, Wolken, einem Fahrrad oder einem Park auch immer wieder Abbildungen militärischer Ausrüstung gestreut. So lernen die Kleinsten gleich von Anfang an Begriffe wie Panzer, Rakete, Schwert oder Gewehrkugel kennen.

Bilder aus der Kinder-App des Islamischen Staates
Panzer (auf Arabisch: Dabbaba)

Panzer (auf Arabisch: Dabbaba)


Die App beinhaltet außerdem einen Nasheed, ein gesungenes Lied, das den Kindern beim Lernen des Alphabets helfen soll. Das Lied ist durchsetzt mit dschihadistischer Terminologie, wie das Internetblog "Long War Journal" berichtet.

Experte von IS-App beeindruckt

Verbreitet wurde die Applikation Anfang der Woche über Twitter und den Messenger-Dienst Telegram unter den Namen "Alphabet" und "Huruf". Es ist nicht die erste App, die der Islamische Staat für seine Propagandazwecke entwickelt hat. Aber es ist die erste, die sich an kleine Kinder wendet. Ob sie den Terroristen tatsächlich dabei helfen kann, schon die Jüngsten zu indoktrinieren, ist unter Experten umstritten. "Sie ist interessant, und irgendwie beeindruckend, aber ich denke nicht, dass irgendjemand durch sie radikalisiert oder rekrutiert werden wird", zitiert das Internetportal "Vocativ" den auf den IS spezialisierten Terrorismusexperten Charlie Winter.

Anders sieht das Nicholas Glavin vom U.S. Naval War College, einer Bildungseinrichtung der US-Marine. Die Reichweite der App sei ihre wichtigste Eigenschaft, denn diese Art von Technologie könne verwendet werden, um Kinder außerhalb des Einflussgebietes der Gruppe zu erreichen, erklärt Glavin gegenüber "Vocativ". "Im Zusammenhang mit Alphabet muss festgehalten werden, dass dieser Unterricht jetzt nicht ausschließlich Kindern in vom IS kontrolliertem Territorium zur Verfügung steht, sondern Eltern in London, Rom und anderswo, die mit ihren Familien in den Irak oder nach Syrien reisen wollen oder denen es nicht möglich ist, das Land zu verlassen." Aufgrund ihrer begrenzten Verfügbarkeit werde die App aber wohl keine große Verbreitung in den Haushalten von IS-Sympathisanten finden, glaubt Glavin. Da sei die Vor-Ort-Indoktrination von Kindern durch die Islamisten deutlich effektiver.

Und die betreibt der Islamische Staat seit Langem mit unglaublicher Brutalität. So halten die Terroristen Kinder in Trainingscamps gefangen, wo diese eine harte militärische und ideologische Ausbildung durchlaufen müssen. Sie zwingen sie, Hinrichtungen beizuwohnen oder sogar selbst Gefangene zu erschießen oder zu köpfen.

"Aufgrund der routinemäßigen Durchführung solcher Spektakel halten sie es schon bald für normal, wie der IS mit jenen umgeht, die Regelverstöße begehen", stellten John Horgan und Mia Bloom, Dozenten an der Georgia State University und Autoren des Buchs "Small Arms: Children and Terrorism", schon im Juli vergangenen Jahres fest. "Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Islamische Staat die Notwendigkeit, die nächste Generation unter seine Kontrolle zu bringen und zur Loyalität zu erziehen, erkannt hat." 

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