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Bewegender Zuspruch: 9/11-Waisen trösten Hinterbliebene in Paris

Als 2001 das World Trade Center einstürzte, verloren viele Kinder einen Elternteil. Eine französische Journalistin hat vier der heute jungen Erwachsenen nach den Attentaten im November interviewt. Sie fanden erstaunliche Worte des Trostes für Paris.

"Habt keine Angst, euer Leben zu leben." Die Kinder, die 2001 durch die Terroranschläge in New York zu (Halb-)Waisen wurden, finden kraftvolle Worte des Trostes für die Hinterbliebenen in Paris.

"Habt keine Angst, euer Leben zu leben." Die Kinder, die 2001 durch die Terroranschläge in New York zu (Halb-)Waisen wurden, finden kraftvolle Worte des Trostes für die Hinterbliebenen in Paris.

Die Solidarität mit den Menschen in Paris bewegt die französische Journalistin Eléonore Hamelin: Sie lebt in New York und berichtet für Vox.com, wie es für sie war, so weit weg von zu Hause von den Attentaten zu erfahren. Sie möchte selbst ein Zeichen setzen, dass ihre Solidarität mit ihrer Heimatstadt zeigt und kommt auf die Idee, dazu New Yorker zu befragen, die Hinterbliebene des Terrors sind. Kinder, die ihre Eltern bei den Anschlägen des 11. September verloren haben. Sie dreht ein Video mit ihnen. Die bewegenden Worte, die die heute Erwachsenen finden, sollen den Hinterbliebenen der Opfer von Paris Trost spenden und zeigen, dass der Terror sie nicht kleingekriegt hat. Hamelin erinnert sich mit folgenden Worten, die wir freundlicherweise übersetzen durften, an Freitag, den 13. November 2015:

"Kurz nachdem ich von den Anschlägen in Paris gehört hatte, saß ich mit einem Freund in der U-Bahn. Wir sind beide Franzosen, die in New York leben, und sprachen darüber, was da gerade zu Hause passiert war und wie befremdlich es sich anfühlt, so weit weg zu sein.

Irgendwo zwischen der 96. und 72. Straße hörte uns ein junger Amerikaner im Hawaiihemd und kam direkt zu uns herüber. Er sagte, dass ihm leid täte, was geschehen sei. Er sagte, er liebe Paris und umarmte uns daraufhin. In der Nacht wurde die Spitze des Freedom Towers, des heutigen One World Trade Centers, das nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 errichtet worden ist, in den Farben der französischen Flagge angestrahlt.

Diese Zeichen der Solidarität rührten mich. Als französische Journalistin in New York wollte ich meine Verbundenheit ebenfalls ausdrücken. Ich bin 2011 von Paris nach New York gezogen, zehn Jahre nach den Anschlägen von 9/11. Mir wurde bewusst, dass in New York kein Tag vergeht, der uns nicht an das furchtbare Ereignis erinnert. Wir können Tragödien nicht vergleichen, aber wir können ganz sicher daraus lernen.

Als ich die Kinder von 9/11-Opfern fragte, ob sie daran interessiert wären, eine Botschaft nach Paris und an die dortigen Terroropfer zu schicken, sagten sie ja. Sie wollten den Menschen in Paris zeigen, dass sie nicht allein sind. Dass man, egal wir schwer es ist, Furcht und Terror überwinden kann. Obwohl die meisten dieser Kinder belastbar sind, wurden die 9/11-Anschläge Teil ihrer Identität. Durch das Annehmen ihrer Identität wurden diese inzwischen jungen Erwachsenen zu Symbolen für Hoffnung und Durchhaltevermögen."

Als Terroristen 2001 New York angriffen, war Terrease Aiken, heute 22, acht Jahre alt; Juliette Candela war damals sechs und ist heute 21. Francesca Picerno war neun und ist heute 23 Jahre alt, Joseph Palombo, damals zwölf, ist heute 26. Dies ist ihre Nachricht an die Hinterbliebenen in Paris: 

 (Sie können in den Einstellungen deutsche Untertitel auswählen.)

"Ihr solltet nie Angst vor Terroristen haben, denn ich sage euch, dass die Terroristen mehr Angst haben als ihr", versichert Francesca Picerno. "Niemand kann sich vorstellen, was ihr gerade durchmacht, was euer Herz fühlt. Aber ihr wollt euer Leben nicht voller Hass verbringen oder in Wut", sagt Joseph Palombo. Die vier erinnern sich, wie sie als Kinder von dem Verlust des Elternteils erfahren haben und wie wenig sie es begreifen konnten. Kein Unfall, keine Krankheit war für den Tod des Vaters verantwortlich, sondern ein geplanter, vorsätzlicher Terroristenangriff. Je älter sie wurden, je mehr begriffen sie, was geschehen war – und litten ein weiteres Mal. "Ich weiß, wie es ist, wenn der eigene Vater im Fernsehen getötet wird", "Es ist nicht länger dein eigenes Erlebnis, du teilst es nun mit Hunderttausenden Menschen. Und das nimmt dir die Möglichkeit zu trauern und weiterzuziehen, dein Leben weiterzuleben", erklären sie die besonders perfide Begleiterscheinung ihres Verlusts. Aber: "Heute bin ich mit mir im Reinen" und "Ihr müsst weiterhin Hoffnung haben, denn ihr seid wichtig für die Gesellschaft", heißt es weiter – und zeigt, dass es auch nach einer solchen Tragödie eine Zukunft gibt. Dass die Wunden heilen. Dass diese vier Menschen vor allem eines daraus gelernt haben: Mir kann keiner mehr was.

bal

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