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Tschüss, Krebs - ich hau' ab!

stern-Autorin Jessica Wagener ist Mitte dreißig, als bei ihr Krebs diagnostiziert wird. Nach der Chemo beschließt sie, auf eine Weltreise zu gehen. Und irgendwann ein Buch darüber zu schreiben.

Es ist eine sehr persönliche Geschichte - von Krankheit, von Angst und Mut, einer großen Reise, ein bisschen auch von der Liebe und mit erstaunlichen Mengen Schnaps.

Es ist eine sehr persönliche Geschichte - von Krankheit, von Angst und Mut, einer großen Reise, ein bisschen auch von der Liebe und mit erstaunlichen Mengen Schnaps.

Es ist bösartig." Am 15. Februar 2011 bekam Jessica Wagener von ihrer Gynäkologin die Diagnose Gebärmutterhalskrebs. Es folgten Monate der Angst, Operationen, eine Bestrahlungs- und Chemotherapie. Sie hat es überstanden, aber es blieben Narben zurück - nicht nur körperliche. Weil sie keine Zeit mehr verlieren wollte, verwirklichte sie ihren Traum und ging auf eine Weltreise: von New York über Mexiko, Kuba und Rio de Janeiro bis nach Südafrika. Doch zwischen Momenten voller Lebensfreude gab es immer wieder Flashbacks; die Angst vor der Krankheit reiste mit. Und auch ihr gebrochenes Herz heilte auf der Reise nicht so leicht wie gedacht.

Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch verabeitet, das auf ihrem Blog basiert - "Narbenherz" erscheint am 28.11.2014 im Rowohlt-Verlag. Hier ein Auszug vorab:

Mit Narben an den Strand

Ich habe die fünf Tage aus zwei Gründen gebucht: Weil man aus den USA nicht direkt nach Kuba einreisen kann. Und weil mein Hamburger Lieblingsbarmann Jorge, ein Mexikaner, gesagt hat: "Du musst unbedingt nach Tulum. Da ist der schönste Strand der Welt." Damit hat er wahrscheinlich Recht. Von meiner Bettkante bis zur ersten Wellenberührung sind es exakt 25 Schritte, vorbei an ein paar Grünpflänzchen, einer Reihe Hängematten, hier und da ein paar Eingangslöchern zu klitzekleinen Krabbenhöhlen. Der Sand ist weiß und weich, der Himmel weit und wolkenarm und die Wellen nicht zu wild. Und es ist ruhig, nur wenige Menschen teilen sich dieses Eckchen Paradies. Von denen allerdings, und das raubt mir schon nach einem Tag den letzten Nerv, sind 99 Prozent Pärchen. Schlimmer noch: Honeymooner.

Heute allerdings ist ein guter Tag. Gestern ist ein Großteil der Gäste abgereist, und ich bin extra um halb acht aufgestanden. Der Strand gehört mir. Ein Kormoran ruht sich auf der Balustrade über den Hängematten aus und blickt auf die Gischt. Ich räkle mich auf meinem Handtuch und halte all meine Narben in die Morgensonne: die an den Beinen und auch die große, die quer über meinen Bauch geht und wie ein Anker aussieht. Ich blicke über sie hinweg auf meine Zehen. Sie sehen lustig aus, wenn ich mit ihnen vor der Brandung wackle. Wie zwei Familien dicker, kleiner Surfer. Alle da. Alle noch dran. Keiner mehr jodrot. Eine Welle warmer Zufriedenheit durchrollt mich von unten bis ins Herz und in meinem Lächeln schließt sich der Kreis.

Der Ausblick aus der Hütte in Mexiko.

Der Ausblick aus der Hütte in Mexiko.

"Sie werden Ihre Haare nicht verlieren"

Ich bin eingeschlafen, verwischte Stimmen schleichen in mein Ohr und wecken mich. Ein Pärchen hat sich wenige Meter vor mir niedergelassen. Er sitzt hinter ihr, sie zwischen seinen Beinen. Er cremt ihr den Rücken ein. Dann greift er in die geblümte PVC-Strandtasche, holt eine Bürste heraus und beginnt, ihr Haar zu kämmen. Mein Trigger für den nächsten Flashback.

"Sie werden Ihre Haare nicht verlieren." Die blonde Ärztin rollt auf dem Untersuchungshocker auf mein Bett zu. "Ich arbeite da unten in der Tagesklinik, wo die verabreicht werden. Ich weiß, wovon ich rede." Sie streckt ihren Arm aus. "Hier. Ich gebe Ihnen meine Hand drauf. Sie werden Ihre Haare nicht verlieren."

Das ist Dr. Schmitz, sie ist nur zum Blutabnehmen zu mir gekommen. Und fand mich in meine Anti-Dekubitus-Matratze heulend vor.

Eine halbe Stunde zuvor hatte ihre Kollegin mir den allgemeinen Chemo-Aufklärungsbogen vorgelesen. Ich brauche eine so genannte vorsorgliche Bestrahlungs- und Chemotherapie, weil ich Metastasen in einem von 27 entfernten Lymphknoten habe. Es gibt nur einen Aufklärungsbogen für alle Chemotherapien, mit sämtlichen gebündelten Nebenwirkungen. Dabei sind die Chemos fast so unterschiedlich wie die Patienten und die Erkrankungen.

Aber das weiß ich damals noch nicht, und eine junge Frau Doktor mit betroffenen Kulleraugen leierte mir die gesamte Palette vor: Haarverlust, taube Finger und Füße (noch tauber?), Hörschäden, Müdigkeit, Infektionen, Übelkeit und Erbrechen, Nierenschäden, permanenter Verlust der Geschmacksnerven ... Als sie ging, war meine Panik komplett. Nun drücke ich Dr. Schmitz’ Hand. "Danke", ist alles, was ich rauspressen kann. Ich werde es im Laufe der Behandlung noch einige Male zu ihr sagen. Sie wird mein medizinischer Fels. Der emotionale ist Ben.

"Hab' keine Angst"

Er sitzt hinter mir auf meinem Bett und ich zwischen seinen Beinen. Mit vorsichtigen Strichen kämmt er meine langen braunen Haare, vom Ansatz bis hinunter auf den Rücken. Langsam und bedächtig, Partie für Partie. "Ich liebe deine Haare", flüstert Ben in mein Ohr. "Ich liebe deine Haare auch", flüstere ich zurück.

Und es stimmt. Ich liebe seine Haare. Er hat großartiges Haar. Dunkel und dicht und weich und wuschelig, zum reingreifen und festhalten. Aber wenn ich ehrlich bin, liebe ich so vieles an ihm. Seine Augen, die hell und dunkel zugleich sind, seinen Bart, der mich beim Küssen nie zerkratzt, die zarte Haut an seiner Halsbeuge, seine Klavierspielerfinger. Die Blinddarmnarbe am Ende der Flaumstraße unter seinem Bauchnabel, die ihn - den Ästheten - so stört. Seinen weichen Mund, der puzzleteilig auf meinen passt. Den schiefen Zahn, der sich hinter seiner Unterlippe versteckt und der immer hervorlugt, wenn er spricht oder lacht und der mich heimlich entzückt. Seinen albernen Humor, der mit meinem deckungsgleich ist. "Wir sind die einzigen Menschen auf der Welt, die über so was lachen können", sagt er oft. Ich liebe sein sensibles Herz, das macht, dass er jetzt hinter mir sitzt und mir geduldig einen Zopf flicht.

Aber sagen kann ich ihm das alles nicht. Auf gar keinen Fall. Das würde unsere unausgesprochene Abmachung verletzen. Wir fingen als Freunde an, entschieden uns für eine leidenschaftliche Affäre - und jetzt sind wir so offensichtlich ineinander verliebt und können es doch nicht zugeben, weil dann unser Schutzraum implodiert. Das ist doch bekloppt. Ich drehe den Kopf ein wenig nach hinten. Vielleicht kann ich ... "Schhhh ... Hab' keine Angst. Sie werden dir nicht ausfallen, Hasenpups. Du hast die Ärztin doch gehört."

Weiter nach Kuba

Der Mann am Strand legt die Bürste zurück in die geblümte Tasche und steht auf, dem Meer entgegen. Auch ich stehe auf und gehe in meine Hütte. In der linken Ecke meines Bettes gibt es Wifi-Empfang. Ich habe schon länger nichts mehr von Ben gehört, hoffentlich ist alles in Ordnung. Gut, dass es das Internet gibt.

Doch dann schwebt mein Finger minutenlang über der iPhone-Tastatur. Ich schreibe ihm nicht. Wozu auch? (…) Ich muss erst mal meine Weiterreise organisieren. "Für Kuba brauchst du unbedingt einen Lonely Planet", hatte mir meine Nachbarin Maxi eingeschärft. "Sonst kannst du nicht rumreisen. Da ist nix mit Internet." Morgen geht’s weiter nach Havanna, und was habe ich nicht? Richtig. Muss mit den Gedanken wohl woanders gewesen sein. Jetzt ist es zu spät, aber vielleicht finde ich am Flughafen noch einen.

Missmutig begebe ich mich zur Rezeption, um für meine saubere Wäsche zu bezahlen. Während Guadeloupe hinter der rosa verputzten Steintheke nach meinen Sachen sucht, drehe ich mich um und lasse meinen Blick schweifen. Ach , du kleine Glasperle. Schön ist es hier, ohne Honeymooner wäre es sogar noch ein bisschen schöner. Hinter mir steht der "Book Exchange", ein Bücher-Tauschregal, wie es an vielen Reiseorten existiert. Und mitten darin - nicht etwa seitlich einsortiert und mitnichten ganz unten, sondern vom Zufall exakt so aufgestellt, dass mir das Cover ins Gesicht springen muss - steht der Lonely Planet Kuba.

Die arme Guadeloupe hat keine Ahnung, warum ich so anhaltend lache.

Glück muss man haben! Zufällig fand Jessica genau den Reiseführer, den sie brauchte.

Glück muss man haben! Zufällig fand Jessica genau den Reiseführer, den sie brauchte.

vim

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