HOME

Zieh Leine! : Zughundesport – ein Spaß für Mensch und Tier?

Dog-Scooting, Bikejöring, Canicross, in welcher Variante auch immer, geht es bei diesen Trendsportarten nur um das eine: Der Mensch wird vom Hund durch die Walachei gezogen. Bringt das Spaß? Kann das jeder? Und vor allem: Was soll das?

Von Bianca Klement

Sieben Hunde ziehen einen Quad

Beim Zughundesport muss der Hund ziehen, der Mensch soll ihn nur lenken und kontrollieren

Alfonso biegt im leichten Trab auf die ­letzten hundert Meter der Zugstrecke ein. Hinter ihm, an einer rund zwei ­Meter fünfzig langen Leine, steht Herrchen Da­niele auf einem Tretroller und lässt sich ziehen. Der schwarze Mischling wiegt noch nicht einmal zwanzig Kilo, trotzdem ist die Aufgabe kein Pro­blem für ihn. Im Gegenteil. Alfonso liebt es, sein Herrchen auf dem Dog-Scooter mitzunehmen. Selbst wenn er galoppieren sollte statt zu traben, weiß er, was zu tun ist. Alfonso ist kein Anfänger. Bereits seit knapp drei Jahren trainiert er regelmäßig. Mit ­seinen fast neun Jahren ist er in der Gruppe ambitionierter ­Hobbyzughunde der Senior. Am Zielpunkt angekommen, wird der Rüde überschwänglich gelobt. Okay, er war vielleicht nicht der Schnellste. Aber darum geht es auch gar nicht. Sondern um pure Freude. 

Zughundetrainerin Christin Remmers dokumentiert jede Runde mit der Kamera für die spätere Videoanalyse. Seit mehr als neun Jahren betreibt die zweifache Mutter gemeinsam mit ihrem Mann Schlittenhundesport, und das hauptsächlich auf dem Trockenen in den Off-Snow- beziehungsweise Dryland-Disziplinen. Ambitionierter Zughundesport geht eben auch ohne weiße Pracht. Beim immer beliebter werdenden Canicross ist der Hundeführer über die Jöringleine, ­eine flexible Zugleine, mit seinem Vierbeiner verbunden. Beim Bikejöring wird der Hund vor das Fahrrad gespannt und beim Dog-Scootern vor einen Tretroller. Doch gleich in welcher Form: Christin Remmers liebt den gemeinsamen Sport mit ihren Hunden und ist amtierende deutsche Vizemeisterin. Zu ihrem Rudel zählen inzwischen 24 Hunde, mit denen sie ­regelmäßig an Rennen teilnimmt. Die Hundetrainerin hat ihre Passion zum Beruf gemacht und die Zughundeschule-Nord in Celle gegründet. Sie veranstaltet Kurse und Workshops in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein für Mensch-Hund-Teams. 

Zughundesport eignet sich für die meisten Hunde

Der Einstieg in den Schlittenhundesport ist tatsächlich unkompliziert, das Training passt in so gut wie jeden Alltag. "Die günstigste Variante ist natürlich Canicross, also das Laufen ohne Gefährt. Da braucht man nur Laufgurt, Leine und Geschirr", erklärt Christin Remmers. Auch die Kosten für das Bikejöring, den Zughundesport am Fahrrad, sind überschaubar. Mit einer Fahrradantenne für knapp 35 Euro lässt sich jeder Drahtesel in ein Zugsportvehikel umwandeln. Tretroller kosten schon ­deutlich mehr, im Schnitt um die 700 Euro. "Viele ziehen trotzdem den Scooter ihrem Fahrrad vor, weil der Schwerpunkt für einen selbst beim ­Stehen nicht so hoch ist wie beim Sitzen auf dem Fahrradsattel."

Zughundesport ist nicht nur was für Spezialisten, sondern eignet sich für die meisten Hunde. Allerdings bringt er die Vierbeiner auch an ihre körperlichen Grenzen, weshalb man vor dem Start seinen Liebling vom Tierarzt durchchecken lassen sollte. Nicht nur das Herz-Kreislauf-System sollte in Ordnung sein, sondern auch die Gelenke. Christin Remmers schaut sich deshalb jeden Hund in ihren Kursen gründlich an. Als ausgebildete Hundegesundheitstrainerin weiß sie genau, worauf sie achten muss. "In der Regel checke ich die Hunde vor jedem Workshop durch. Meistens kann ich direkt sehen, ob etwas mit den Hunden nicht stimmt. Ich schaue mir an, wie sie stehen, wie sie aussehen, wie sie sich bewegen. Zughundesport ist Leistungssport. Da ist es wichtig, dass die Tiere fit sind."

Darüber hinaus gibt es wenige Grundvoraussetzungen, die der Hund erfüllen muss. "Zughundesport kann man im Prinzip selbst mit ­einem Dackel ausüben. Kleine Hunde können vielleicht nicht vor einen Roller gespannt werden, aber Canicross ist absolut möglich", erklärt die ­erfahrene Trainerin. "Viele Tiere wollen arbeiten, für sie ist der Sport eine tolle Auslastung. Aber natürlich muss jeder Hund individuell betrachtet werden. Eine Englische Bulldogge, die ohnehin schlecht Luft bekommt und die ihr Frauchen mit hundertfünfzig Kilo ziehen soll? Das geht nicht." 

Astronautin Christina Koch wird stürmisch von ihrem Hund begrüßt.

Das Training nur langsam steigern und den Hund niemals überfordern, das rät Christin Remmers allen, die sich für einen Zughundesport interessieren. Genau wie beim Menschen ist auch die richtige Ernährung entscheidend. Die Hunde sind Athleten und sollen Leistung bringen, dafür brauchen sie Energie. Aber Futter ist nicht alles. Damit die Hunde Spitzenleistungen erbringen können, sollten sie eine Stunde vor dem Training "gewässert" werden, empfiehlt die Expertin: Die Hunde trinken knapp einen Liter Wasser, das vorher mit Traubenzucker angereichert wurde. Um das Zuckerwasser noch schmackhafter zu machen, kann man Fleischbrühe oder Lachs hineingeben – eine Art Energydrink, dem kaum ein Hund widerstehen kann. Die angereicherte Flüssigkeit ist wichtig, damit der Vierbeiner sich nicht verausgabt. Wenn der Hund nach dem Training extrem hechelt, Schaum vor dem Maul hat oder zittert, musste er zu viel leisten. "Dann hat er keine Reserven mehr. Er ist im roten Bereich, und den sollte man möglichst vermeiden", so Christin. "Wässern empfiehlt sich im Prinzip bei jedem Hundesport. Die Hunde sind dann konzen­trierter und leistungsfähiger." 

"Entweder man macht es richtig oder man lässt es sein"

Christin wirbt damit, dass jeder, der bei ihr einen Einsteigerkurs macht, danach allein loslegen kann. Heute stehen Dog-Scootern und Bike­jöring auf dem Plan. "Wer sich für den Sport entscheidet, sollte ihn in jedem Fall regelmäßig ausüben. Am Anfang baut man den Hund langsam auf. Manche beginnen mit hundert Meter Strecke. Der Hund muss lernen, ein Gewicht konstant zu ziehen, ohne stehenzubleiben, ohne zu pinkeln, ohne herumzuspringen. Nur laufen. So baut er Kraft auf. Es muss jedoch kontinuierlich mit dem Hund gearbeitet werden. Es ist unfair und nicht gut, den Sport nur gelegentlich zu machen und trotzdem immer weitere Strecken fahren zu wollen. Dann fängt der Hund jedes Mal wieder bei null an und kann keine Kraft aufbauen. Entweder man macht es richtig oder man lässt es sein."

Elf Zughunde-Einsteiger samt tierischer Begleitung und Gefährt treffen sich an diesem Tag in einem kleinen Waldgebiet in Niedersachsen, um von den Profis zu lernen. Für den Tagesworkshop hat sich Christin professionelle Unterstützung geholt: Michael Tetzner ist mehrfacher Schlittenhunderennen­-Weltmeister und erfahrener Musher. Seit mehr als 33 Jahren betreibt er professionellen Schlittenhundesport. "Ich bin schon so ziemlich jedes Rennen auf dem Planeten gefahren und habe auch fast jedes schon einmal gewonnen", fasst er seine Erfahrung zusammen. Jedes Jahr fliegt er mit 32 Hunden nach Alaska, um dort an den großen Schneerennen teilzunehmen. Zu Hause in Schleswig-Holstein trainiert er seine Hunde ganz ohne Schnee. Sein Know-how gibt er nur zu gern weiter.  

"Ihr könnt mich alles fragen", bietet er den Zughundnovizen an. "Ich war schon Weltmeister. Ich habe keine Geheimnisse." Michaels eigenes Rudel besteht aus rund siebzig Europäischen Schlittenhunden, auch Euro-­Hounds oder kurz Hounds genannt. Die Rasse ist vom kynologischen Dachverband FCI nicht offiziell anerkannt, hat sich aber längst in der Schlittenhundeszene etabliert. Die Euro-Hounds, eine Mischung aus Greyhound, Pointer und Husky, sind schnell, haben einen ausgeprägten Hetztrieb und kommen besser mit den gemäßigten Temperaturen in Mitteleuropa klar als beispielsweise Huskys. Trotzdem ist Zughundesport längst nicht nur etwas für Schlittenhunde. Bei dem Workshop in Niedersachsen sind Border Collies, Schäferhunde, Cattle Dogs und diverse Mischlinge dabei. "Eines müsst ihr euch merken: Alle Hunde, die heute hier vorgestellt wurden, können ­gewinnen. Jeder kann bei Olympia Erster werden. Es ist nur die Frage, wie", motiviert Michael die Gruppe und prophezeit, dass man jeden Hund binnen sechs Monaten zu einem Top­athleten ausbilden kann. "Aus jedem mittel­guten kann ein ­guter Hund werden. Man muss ihn nur lassen."

Der Hund muss ziehen – und der Mensch sollte nur lenken

Tatsächlich haben einige Kursteilnehmer Rennambi­tionen, doch die meisten empfinden einfach Spaß am Teamsport mit ihrer Fellnase. Fast alle Anwesenden sind hundesport­erfahren. Zum Beispiel Lars Kramer, Halter von drei Hunden, er kommt aus dem Agility­bereich. "Ich habe letztes Jahr bei Christin einen Zughunde-Workshop mit meinem Labrador gemacht und bislang im Scooter und Canicross gearbeitet. Jetzt möchte ich noch eine siebzehn Monate alte Euro-Hound-Hündin aufbauen. Ich mag den Sport und könnte mir sogar vorstellen, nächstes Jahr Rennen zu fahren."

Im Praxisteil des Workshops zeigt seine Hündin Juma direkt, was in ihr steckt. Seit sie das Geschirr angelegt bekommen hat, jault sie vor Aufregung. Sie kann es kaum erwarten durchzustarten. Mit Helm auf dem Kopf steht Lars Kramer auf dem Roller hinter seinem schwarzen Wirbelwind und zählt herunter: "Drei, zwei, eins … Go!" Sofort sprintet Juma los. Lars’ Aufgabe ist es, seinen Hund zu lenken und zu kontrollieren. Dabei muss er dem Impuls widerstehen, mitzuhelfen und mit einem Bein Schwung zu holen. "Das ist am Anfang das Schwierigste", erklärt ­Michael und schaut dem Gespann hinterher. "Die Leute haben immer das Bedürfnis mitzuhelfen. Vor allem wenn der Hund vor das Fahrrad gespannt ist, fällt es vielen extrem schwer, nicht in die Pedale zu treten. Beim Zughundesport muss der Hund ziehen. Punkt. Wenn man ihm hilft, kann er keine Kraft auf­bauen." Kraft, betont der Profi, ist die Grundlage, um Leistung zu bringen.

Das Cover der neuen Dogs. Kleiner Hund läuft an Leine über grüne Wiese

Jetzt am Kiosk: die neue DOGS

Nacheinander gehen jetzt die Hunde an den Start. Michael und Christin beobachten die Gespanne und machen sich Notizen. Als einer der talentiertesten Hunde entpuppt sich Vizsla-Labrador-Mischling Mila. Schon seit zwei Jahren macht Herrchen Arne mit der Hündin ­Canicross, nun will er in den Scooterbereich wechseln, um Mila mehr zu fordern. "Das Ziehen ist ein Hetzersatz. Für uns ist dieser Sport eine Form der artgerechten Haltung." Nicht nur Mila, alle Hunde gehen mit Enthusiasmus an den Start. Obgleich sich die Vierbeiner untereinander nicht kennen, gibt es keine Spannungen. Die tierischen Athleten sind aufgeregt und wirken doch ausgeglichen. Christin weiß, dass das kein Zufall ist. "Man sieht den Hunden einfach an, wie viel Freude sie an dem Sport haben", sagt sie. "Sie sind mit Herrchen oder Frauchen zusammen und können ihren Laufdrang voll ausleben. Das verbindet."

Mehr spannende Artikel lesen Sie in der neuen DOGS!

Heft bestellen

Zum Vorteilsabo

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity