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"Archäologie des Grauens": Das letzte Besäufnis

Hitlers Chauffeure ließen 1945 in den letzten Kriegstagen offenbar eine riesige Party steigen bevor sie den Fahrerbunker verließen. Relikte aus dieser Zeit zeigt jetzt eine Ausstellung in Berlin.

Kurz vor dem Ende betranken sie sich noch einmal so richtig. Dann stellten die Soldaten ihre Waffen in die Ecke und zogen ihre Uniformen aus. "Die haben ein großes Besäufnis gemacht, bevor sie den Bunker endgültig verlassen haben", sagt Heino Neumayer, Kurator der Ausstellung "Archäologie des Grauens - Funde und Befunde des Zweiten Weltkriegs aus Berlin". So oder zumindest so ähnlich muss es im Frühjahr 1945 im so genannten Fahrerbunker abgelaufen sein.

Mit Pink Floyd zum Fahrerbunker

Der Bunker war 1941 für die Fahrer und andere Mitglieder von Hitlers Leibstandarte gebaut worden. Entdeckte wurde er erst bei der Munitionssuche vor einem großen Konzert zum Pink-Floyd-Album "The Wall" an der Berliner Mauer. Was bei anschließenden Ausgrabungen zu Tage gefördert wurde, lässt erahnen, was sich in den letzten Kriegstagen abgespielt haben muss. Neben Waffen, Essbesteck und Uniformteilen wurden vor allem zahllose leere Schnaps- und Weinflaschen gefunden.

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte stellt jetzt vom 14. Mai bis zum 11. September erstmals diese Ausgrabungsfunde aus. Die Ausstellung soll zeigen, dass das Grauen erst 60 Jahre her ist. Neben den Fundstücke aus dem heute versiegelten Fahrerbunker sind auch Erkennungsmarken, Kriegsgefangener oder Teile der Ausstattung des Weinlokals Lutter & Wegner am Potsdamer Platz zu sehen. Unspektakulär, in schlichten Vitrinen, werden Stücke ausgestellt, die in den vergangenen 15 Jahren bei Bauarbeiten in Berlin gefunden wurden.

Unter den Fundstücken befindet sich auch eine "Lager-Akte" vom Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Berlin-Lichterfelde. Anhand der "Lager-Akte" konnten auch andere, bislang unbekannte SS-Baustellen geortet werden, auf denen Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Bis heute werden bei Bauarbeiten auch immer wieder Skelette von Kriegstoten gefunden. Die Toten werden geborgen und anschließen wird nach Familienangehörigen geforscht.

Suche nach NS-Relikten ist umstritten

Die Suche nach den NS-Relikten ist allerdings nicht ganz unumstritten. "Es sind problematische Funde", sagte Kurator Neumayer am Donnerstag bei der Vorstellung der Ausstellung. Sollen die Fundstücke aus der Nazi-Zeit bewahrt oder vernichtet werden? "Unter Archäologen sind die NS-Grabungen umstritten", so Neumayer. Berlin habe sich entschieden, die Fundsachen zu konservieren, ohne allerdings gezielt nach ihnen zu graben. Nach Ansicht von Landeskonservator Jörg Haspel sollte Hitlers Fahrer-Bunker unter Denkmalschutz gestellt werden. Auch eine Öffnung des Bunkers an der Vossstraße nahe der Ministergärten für öffentliche Führungen kann er sich vorstellen.

AP/DPA / AP / DPA