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Polaroid-Bildband: Andy Warhols Foto-Tagebuch

Für Andy Warhol waren seine Sofortbilder "eine Art visuelles Tagebuch", wie er einmal sagte. Deshalb trug er so gut wie immer eine Polaroidkamera mit sich herum - und lichtete viele bekannte Gesichter ab. Seine Bilder wurden jetzt in einem Fotoband veröffentlicht.

Mick Jagger oberkörperfrei mit leerem Blick und silberner Halskette

Mick Jagger

Freilich sind diese Fotos keine Meisterwerke. Schlechte Beleuchtung, unebene Hintergründe, miserable Tonwerte, kein Weißabgleich, unvorteilhaft angeschnittene Gliedmaßen, verwackelt und verschwommen. Aber 1958 bis 1987, in diesen Jahren, in denen Andy Warhol bekannte Gesichter und Schultern und Bizepse ablichtete, gab es eben noch nicht diese fabulöse Technik, mit der man auf einem Display sofort sehen konnte, was man da soeben als Foto verbrochen hatte. Zur Zeit des Polaroids wartete man noch se-kun-den-lang darauf, das eigene Werk überhaupt zu sehen. Und da war es für eine bessere Ausrichtung eben längst zu spät.

Doch diese Schnappschüsse Warhols gelten heute als ungeheuer wertvoll. Vielleicht gerade wegen ihrer Unvollkommenheit. Ganz sicher aber wegen der Gesichter und Schultern und Bizepse, die darauf zu sehen sind. Dabei handelt es sich nämlich um Arnold Schwarzenegger. David Bowie. John Lennon. Yves Saint Laurent. Grace Jones. Caroline von Monaco. Dass es sich bei ihren Abbildern um Polaroids handelt, verwackelt, mit miesem Licht und Hintergründen, die jeder Fotograf seinen Auszubildenden verbietet, lässt die Fotos sehr privat und intim wirken. Wie eine Aufnahme, die Mick Jaggers bester Freund von ihm in seinem schlecht beleuchteten Schlafzimmer gemacht hat. Wie ein Foto von Patti Smith, das jeder Fotograf auf seiner Digitalkamera sofort wieder gelöscht hätte, das sie aber offenbar in einem nachdenklichen Moment zeigt.

Für Warhol waren diese Bilder bloß "eine Art visuelles Tagebuch", wie er einmal sagte. "Ein Foto bedeutet, dass ich von jeder Minute weiß, wo ich war. Deshalb mache ich Fotos." Und deshalb trug er auch so gut wie immer eine Polaroidkamera mit sich herum. Dass er von jeder seiner Begegnungen Sofortbild-Schnappschüsse machte, freut jedoch heute selbst die Generation Instagram noch. Ein Fotoband, der in Zusammenarbeit mit der Andy-Warhol-Stiftung entstand und bei TASCHEN erschienen ist, enthält Hunderte dieser Sofortbilder, von denen viele niemals zuvor veröffentlicht wurden.

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