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Berliner Zoo: Zensur bei Knut-Bildern?

Trotz der anhaltenden Sympathie-Welle für den kleinen Eisbären Knut lässt sich der Berliner Zoo die positive Berichterstattung von Journalisten schriftlich versichern. Zensur, schreit nun der Deutsche Journalisten-Verband und prangert "Knebelverträge" an.

Von Kathrin Buchner

Gut vier Monate alt ist Knut, der im Berliner Zoo die Massen begeistert. Jeden Tag gibt es neue Videos und Bilder von dem kleinen Eisbären. Doch jetzt droht Streit: Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat dem Zoo vorgeworfen, Reporter mit einem Knebelvertrag zur positiven Berichterstattung zu zwingen.

Sie kritisieren einen Passus, den Pressevertreter unterschreiben müssen, wenn sie sich Bilder von Knut von der Internet-Seite des Zoos runterladen wollen: "Der Vertragspartner verpflichtet sich, die Materialien nicht für Darstellungen zu verwenden oder zu überlassen, die die Zoologische Garten Berlin AG oder ihre Mitarbeiter in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen".

Der Zoo habe nicht das Recht, in die Freiheit der Berichterstattung einzugreifen. "Wir mischen uns immer dann ein, wenn wir von Knebelverträgen erfahren", sagt Hendrik Zörner, Pressesprecher des DJV zu stern.de. Gerade vor dem Hintergrund der internationalen Sympathiewelle für das Eisbärenbaby Knut seien solche Verträge für Journalisten nicht nachvollziehbar, so Zörner. Der Zoo müsse künftig alle Versuche unterlassen, Berichterstattung zu steuern. "Das Medieninteresse an Knut ist eine schöne Sache, gerade vor diesem Hintergrund ist diese Regelung so wenig verständlich", sagt Zörner.

Gerald Uhlich, kaufmännischer Direktor der Zoologischen Garten Berlin AG, kann die Kritik nicht verstehen. "Wir wollen lediglich einer Rufschändung vorbeugen". Bisher habe man keine negativen Erfahrungen gemacht, und damit das so bleibe, habe man dieses Schreiben angefertigt. Dafür hat Justus Demmer, Pressesprecher der Deutschen Presseagentur (DPA), im Gegensatz zum DJV sogar noch Verständnis. "Wenn der Zoo kostenloses Material im Internet bereitstellt, ist es nachvollziehbar, dass er sich eine positive Berichterstattung vorbehält. Trotzdem lassen wir uns darauf nicht ein", so Demmer.

Persönlichkeitsrechte der Zoo-Mitarbeiter sollen gewahrt werden

Gerald Uhlich geht im Gespräch mit stern.denoch einen Schritt weiter: Jeder, der als Journalist in den Berliner Zoo gehe, müsse einen Vertrag unterschreiben, der diesen Passus enthalte. Eine Regelung, die in der Branche sehr unüblich ist - auch wenn es sich bei dem Zoo um ein Privatgelände handelt. "Es geht uns darum, das Persönlichkeitsrecht unserer Mitarbeiter zu schützen", so Uhlich. "Wenn jemand in Ihre Wohnung geht, möchten Sie ja auch nicht, dass bösartig berichtet wird. So wollen wir vorbeugen, dass Material zum Beispiel aus dem Zusammenhang gerissen wird und anders geschnitten wird", sagt Uhlich.

Keine Zoo-Stolperfallen im TV

Tierpfleger, die bei Stefan Raab durch den Kakao gezogen werden, die lustigsten Stolperfallen hinter Gittern - gegen solche Dinge will sich die Leitung des Berliner Zoos absichern. "Wenn man beispielsweise eine Sprechblase über einen Löwen anbringen würde, ach, bin ich müde oder so, wäre das eine Verfälschung, weil Löwen nicht sprechen können", so Uhlich. In diesem Fall würde man das mit einem Augenzwinkern registrieren, aber man könne sich auch noch andere Dinge vorstellen. Trotzdem würde der Zoo bisher größtmögliche Freiheit bei der publizistischen Berichterstattung anbieten. "Nur bei Missbrauch für kommerzielle Zwecke wehren wir uns", so Uhlich.

Theorie und Praxis klaffen auseinander

In der Praxis sieht es allerdings anders aus, als sich der kaufmännische Direktor des Berliner Zoos vorstellt. Eine Nachfrage bei DPA und AP hat ergeben, dass keiner der Fotografen, die Knut geknipst haben, ihre Unterschrift unter einen Vertrag setzen mussten. "Wenn wir unterschreiben sollten, nichts Negatives zu berichten, hätten wir ein Problem", so DPA-Sprecher Demmer. "Dann müssten wir uns überlegen, ob wir die Berichterstattung so fortführen würden". Auch bei Nachrichtenagentur AP unterschreibe man nichts, was eine Berichterstattung einschränkt, so Bildredakteurin Barbara Bylek.

Grauzone Bärenkäfig Berlin. Gott sei dank bekommt Knut von all dem Hickhack nichts mit und posiert weiterhin gerne für die Fotografen, mit oder ohne Unterschrift.