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Ein Bild und seine Geschichte: Blut und Schnee

Tschetschenien brennt. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre tobt eine blutige Schlacht um die kleine Kaukasusrepublik. Zwischen "Freiheitskämpfern", "Terroristen" und Putins Truppen steht der Fotograf Thomas Dworzak und dokumentiert die Flucht der Rebellen vor Russlands Bomben.

Von Philipp Gülland

Traurig schaut sie einen an, die Doppelseite der "Paris Match", Februar 2000. Ein eindringliches Bild, aber kein Lautes. Die stille Prozession erschöpfter Männer mit Kalashnikovs über den verschmutzten, teils blutverkrusteten Tarnanzügen zieht die Hauptstraße von Alkhan-Kala entlang, einem Dorf nahe der Hauptstadt Grosny. Ihre Bewegungen erscheinen durch die lange Verschlusszeit etwas verwischt, rastlos. Vier Kämpfer links im Bild ziehen einen vermutlich toten Kameraden auf einem roten - oder blutgetränkten? - Leinentuch mit sich. Seine Stiefel schleifen über die dünne Schneedecke an diesem tristen Februartages, den Fluchtweg der vernichtend geschlagenen tschetschenischen Rebellen. Über zweitausend Kämpfer sind im Dunkeln aus der zerbombten Kapitale geflüchtet, umzingelt von Russischen Bodentruppen wählen sie den einzig verbliebenen Weg: ein Minenfeld.

Kollektiver Blutrausch und Chaos

Zwischen Dschihad, Russlands Prestige und den wirtschaftlichen Interessen zahlreicher Mafia-Clans spannen sich die Fronten dieses undurchschaubaren Konfliktes. Die einen wollen den islamischen Gottesstaat, die anderen Terroristen jagen. Und wieder anderen geht es einfach ums Geschäft. Dazwischen gibt es unzählige Motive und Ziele. Eine brisante Mischung, die diesen Krieg so gnadenlos macht - wie eine völlig außer Kontrolle geratene Massenschlägerei, ein kollektiver Blutrausch ohne Regeln oder Grenzen mit einer einzigen Maxime: Vernichte Deinen Feind! Egal wie! Nur darauf scheinen sich die Konfliktparteien wortlos geeinigt zu haben.

Von Glück und Grauen

Inmitten dieses mörderischen Chaos bewegt sich Thomas Dworzak. Der 28-jährige Deutsche spricht fließend russisch und kennt das Land gut. Vier Jahre hat er dort verbracht und schon den ersten Tschetschenienkrieg dokumentiert. "Das war meiner Meinung nach der letzte naive Krieg", erinnert er sich später. "Man konnte einfach darüber berichten, indem man russisch sprach und da war." Zur Jahrtausendwende stehen die Dinge anders: "Als 1999 der zweite Krieg ausbrach, hatte sich eine extremistisch islamische Front gebildet. Eine ganz neue Generation von Dummköpfen war an der Macht. Es war unmöglich dort zu arbeiten, egal mit wie vielen Bodyguards."

Als Dworzak die Hoffnung fast schon aufgegeben hat, engagiert ihn die Journalistin Janine di Giovanni als Führer und Übersetzer. Anfang Februar, die Russische Armee umstellt gerade Grosny, erreichen Dworzak und seine Kollegin das Dorf nahe der ausgebombten Hauptstadt. "Wir hatten nicht erwartet, dass dort viel los wäre, aber überall lagen die Toten und Verletzten", sagt der gebürtige Bayer später über die Tage in Alkhan-Kala. "In dieser Nacht wurde Grosny bombardiert und ein Großteil der Rebellen zog sich durch ein Minenfeld zurück, an dessen Rand ich wartete, im Dunkeln."

Bis in den nächsten Tag hinein fotografiert er den Rückzug. Als er einige Tage später im benachbarten Inguschetien seine Bilder scannt, schaut ihm ein "Paris Match"-Reporter über die Schulter und ist sich sofort sicher: "Verdammt, das wollen wir!" Wenig später druckt das Französische Magazin die Reportage, viele Andere übernehmen sie. Dworzaks Bilder zeigen, was er später als "das Ende des Aufstandes" beschreibt: Was bleibt, sind Blut und Schnee.

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