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Ein Bild und seine Geschichte: Juri Gagarins dunkle Seite

1961 umrundete der Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch die Erde in einer Raumkapsel. 40 Jahre später, der Glanz von einst ist lang verblasst, dokumentiert der Fotograf Jonas Bendiksen die surreal-bedrohlichen Spuren der stolzen russischen Raumfahrt in der Steppe Kasachstans.

Von Philipp Gülland

Ein Bild wie aus einem postapokalyptischen Science-Fiction-Märchen: Mitten in der grünen Tundra liegen zwei zerbeulte Raketensegmente, darauf hantieren vor grauem Himmel zwei Männer. Dicke Schneeflocken - oder ist es Asche? - schweben zu Boden. Ist das real? Eine Fotomontage? Welches Geheimnis birgt die kasachische Steppe?

Stolz und Sondermüll

Zwischen Baikonur und dem sibirischen Altai-Gebirge erstreckt sich der "spaceship junkyard", ein Landstrich, in dem regelmäßig verbrauchte Trägerraketen vom Himmel fallen. Mitten in die Gärten und den Alltag der Bewohner. Hier deponiert die russische Raumfahrt stillschweigend ihren Sondermüll: Hochgiftiger Raketentreibstoff, Schwermetall, und radioaktives Material belasten das Land, lassen regelmäßig das Vieh verenden und die Zahl der Krebskranken in die Höhe schnellen. Eine seltsam surreale Bedrohung, die da über der kasachischen Steppe schwebt. Zugleich aber die Lebensgrundlage vieler Einheimischer, denn die Wracks bergen auch kostbare Rohstoffe: Titan und hochwertiges Aluminium lassen sich gut in harte Währung verwandeln, Bauteile werden zu Kochtöpfen, Schaufeln und anderen Werkzeugen. Die Kasachen haben gelernt, mit dem Weltraumschrott zu leben.

Etappe einer langen Reise

Seit zwei Jahren ist der Norweger Jonas Bendiksen schon unterwegs, bereist mit wachem Blick die maroden Trabanten des einst mächtigen Sowjet-Reichs. Insgesamt acht Jahre wird die Reise dauern, die kasachische Steppe ist nur eine von vielen Stationen - und doch unter all den entrückten Orten der mit Abstand entrückteste und surrealste. Seine fotografische Expedition durch die vergessenen Winkel Osteuropas, des Kaukasus', Zentralasiens und Sibiriens fasst er in dem Bildband "Satellites" zusammen.

Mut, Geduld und Schweißbrenner

Über den "spaceship junkyard" schreibt er: "Mit einem grobschlächtigen Mann namens Viktor Goga fuhr ich in die kasachische Steppe hinaus. Auf diesem scheinbar endlosen Stück Flachland war er der oberste Plünderer, der König seiner Scholle. Um im harten Wettbewerb bestehen zu können, braucht es gute Kontakte zur russischen Weltraumbehörde, die Baikonur gepachtet hat. Vor jedem Start sagen Viktors Informanten ihm, wo die kostbaren Trümmer wohl aufschlagen werden. Um ihren Claim abzustecken warten Viktor und seine Männer immer genau dort".

Bendiksen begleitet die Schrottjäger auf einem ihrer Raubzüge, wartet bis spät in die Nacht auf die vorhergesagten Trümmer: "Gegen zwei Uhr morgens standen wir wartend in der kühlen Nachtluft und völligen Finsternis der Steppe. Drei 'Ural'-LKW, ein halbes Dutzend Männer und ich. Es dauert mehrere Tage, die erste Stufe einer Sojus zu zerlegen. Eines der ersten Teile, das Gogas Männer dabei ausbauen, ist ein schüsselförmiges Stück des Treibstoffsystems - der perfekte Kochtopf für Weltraumschrottjäger. Einer der Männer machte ein Feuer und kochte Nudeln. Mit der unschönen Erinnerung an tote Giftkühe im Hinterkopf nahm ich den angebotenen Teller, setzte mich und aß." Mit viel Liebe zum Detail und einem treffsicheren Auge für skurrile Poesie erzählen Bendiksens Bilder die Geschichte dieser Menschen zwischen Bedrohung und Segen, ihres Lebens zwischen Apokalypse und Paradies. Die "Ascheteilchen" im Bild - es sind weiße Schmetterlinge.

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