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Kosmodrom Wostotschny: Neuer Hotspot der Raumfahrt: Russland will zum Mond und Mars

Russland hat in Sibirien seinen neuen Zugang zum All geöffnet. Vom Kosmodrom in Wostotschny werden auch die übrigen Raumfahrtnationen profitieren. Vor allem die Erforschung des Mars ist ein Menschheitsprojekt, das eine Nation allein nicht stemmen kann. Das weiß man auch in Moskau.

Eine Schneise durch die Taiga von der Größe Hamburgs: der neue russische Weltraumbahnhof Wostotschny in Sibirien

Eine Schneise durch die Taiga von der Größe Hamburgs: der neue russische Weltraumbahnhof Wostotschny in Sibirien

Der Stolz der russischen Ingenieure ist 52 Meter hoch: ein mobiler Versorgungsturm auf Schienen für den Abschuss der ersten Rakete von Russlands neuem Kosmodrom Wostotschny. Wie ein gewaltiger Schrank soll der Gerüstturm künftig vor Starts um die Raketen geschoben werden. Bei Temperaturen zwischen fast minus 50 Grad Celsius und rund 40 Grad plus im Osten Sibiriens könnten die Spezialisten so geschützt arbeiten, erklärt Igor Komarow, Chef der Raumfahrtbehörde Roskosmos. "Das ist einzigartig."

Die Bewährungsprobe hat der neue Weltraumbahnhof an diesem Donnerstag mit 24 Stunden Verspätung bestanden. Der Grund für die Verzögerung lag in einem technischen Defekt an der Sojus-Rakete 2.1a, nicht in einer Fehlfunktion der neuen Startrampe. Präsident Wladimir Putin, eigens aus dem fernen Moskau angereist, war von der Verschiebung zwar naturgemäß nicht begeistert, stellte dann aber doch stolz fest: "Das ist ein bedeutender Schritt in der Entwicklung der russischen " - und aller Voraussicht nach auch für die anderen Raumfahrtnationen. 

Von Wostotschny aus zu Mond und Mars

Wostotschny im Gebiet Amur - rund 8000 Kilometer östlich des Machtzentrums Moskau - wird Russlands neues Fenster zu den Sternen. Hier will die stolze Raumfahrtnation bis 2030 ihren ersten Kosmonauten zum Mond schicken, ein Flug zum Mars soll folgen. Den Roten Planeten erforschen die russische Roskosmos und die europäische Esa innerhalb der "ExoMars-Mission" schon jetzt gemeinsam; die "Expedition-M" zum Mars und seinen beiden Monden ist schon konkret geplant. Bei weiteren Planeten-Missionen sind auch Kooperationen mit amerikanischen Nasa vorgesehen. Wostotschny steht dann als Startplatz zur Verfügung.

Für den Ausbau des früheren Militärgeländes haben Tausende Arbeiter eine 700 Quadratkilometer große Schneise - eine Fläche etwa so groß wie Hamburg - in die Taiga geschlagen. Wichtige Infrastruktur wie Schnellstraßen, Eisenbahn und Seehäfen machen den Standort attraktiv.

Die russische Führung erhofft sich vom neuen zudem weitere Impulse für die Entwicklung der Region sowie neue Arbeitsplätze. Ein Vorteil des Standorts ist auch der relativ kurze Abstand zum Äquator. Dadurch gibt die Erdrotation der startenden Rakete zusätzlichen Schub.

Trotz Baufpusch und Korruption: Das beste Kosmodrom

Während in Moskau Regierungsmitglieder betonen, das Kosmodrom sei ein "Schaufenster für ein modernes ", trüben massive Korruptionsvorwürfe das Bild des Prestigeprojekts. Millionen Euro versickerten, mehrere Funktionäre sitzen im Gefängnis.

Baupfusch und Streit über nicht gezahlte Löhne haben den ursprünglich für Dezember 2015 geplanten Start verzögert. Der Agentur Tass zufolge klagen inzwischen mehr als 1100 Arbeiter über ausstehende Gehälter in Gesamthöhe von umgerechnet rund 1,7 Millionen Euro. Wegen einer Rezession kürzte die Regierung das Raumfahrtbudget bis 2025 um ein Drittel auf rund 18 Milliarden Euro.


Allen Problemen zum Trotz ist Russlands Raumfahrtelite vom Erfolg des Milliardenprojekts Weltraumbahnhof überzeugt. "Wostotschny ist eindeutig das beste (Kosmodrom)", sagt Roskosmos-Direktor Komarow. In vielen Punkten setze die hochmoderne Raketenbasis weltweit Maßstäbe, sei es bei der Automatisierung oder in Technologiefragen, meint er.

Kremlchef Putin betonte vor dem Start demonstrativ, dass Wostotschny auch Basis für eine friedliche Zusammenarbeit sein soll - mit den USA, Europa, Japan. "Vielleicht gelingt es uns, dass wir uns über den Kosmos auch auf der Erde besser verstehen", sagt er angesichts gespannter Beziehungen zum Westen wegen Ukraine- und Syrien-Konflikt. Tatsächlich lassen sich die Raumfahrer aller Nationen bei den großen Projekten seit geraumer Zeit von politischen Meinungsverschiedenheiten nicht von einer Zusammenarbeit abhalten.

Was wird aus Baikonur?

Mit Wostotschny will sich Russland auch langfristig unabhängig machen von seinem Kosmodrom Baikonur in Kasachstan. Für das gewaltige Areal zahlt Russland jährlich rund 100 Millionen Euro Pacht. 

Baikonur steht wie kein zweiter Ort für die Erfolge der sowjetischen Raumfahrt. Von hier aus startete Juri Gagarin vor 55 Jahren zum ersten Flug eines Menschen im Kosmos. Nach dem Zerfall der UdSSR und Kasachstans Unabhängigkeit 1991 lag Baikonur aber plötzlich im Ausland. Als alternativlos bezeichnet der Experte Igor Korotschenko Wostotschny daher. "Russland braucht einen eigenen Zugang ins All."

Eine Sojus-Rakete wird zur Startrampe des Kosmodroms Wostotschny geschoben

Der ganze Stolz der Ingenieure: In dem Gerüstturm können Spezialisten bei praktisch allen Temperaturen Raktenstarts vorbereiten.


Beim überwiegend russischen Personal in Baikonur geht indes die Angst vor einem Verlust des Jobs um. Viele erklären sich in Internetforen bereit, aus Kasachstan in den Fernen Osten nach Wostotschny zu ziehen. Komarow beschwichtigt indes im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (DPA): "Bemannte Flüge werden wohl bis 2023 nur von Baikonur erfolgen." Zudem werde das Kosmodrom für Starts von Proton-Raketen benötigt, da für diesen Typ keine Rampe in Wostotschny geplant sei.

Nach dem ersten Start wird weiter gebaut

Nach dem ersten Start soll zunächst für ein Jahr Ruhe sein. Denn Wostotschny ist noch nicht völlig fertig. Das nächste Abheben einer Rakete wird 2017 erwartet. Komarow schätzt, dass der Betrieb erst 2018 richtig anlaufen wird. Mit dem Start kommerzieller Satelliten will Russland dann auf einem umkämpften Markt viel Geld verdienen.

dho/mit Agenturen