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Fotografie: Nach Lust und Laune

Sie reizt jedes Bild aus und schafft auf ihren Fototerminen eine aufgekratzte Partystimmung: Wenn sich Models bei Ellen von Unwerth sexy und verrucht rekeln, dann zählt nur eines: »Girls Wanna Have Fun«.

Von Jochen Siemens und Ellen von Unwerth (Fotos)

Manchmal kann man sie dabei beobachten, wie sie darauf wartet, dass der Tag zu Ende geht. Routiniert, beinahe ein wenig mechanisch macht sie ihre Bilder, die Mädchen drehen sich nach links und nach rechts, posieren, sind konzentriert, und niemand ahnt, dass Ellen von Unwerth vielleicht schon darüber nachdenkt, die Filme gar nicht erst zu entwickeln. Sie lauert: Auf das Ende, auf den Moment, wenn die Starrheit der Posen aus den Körpern und Gesichtern weicht und die Mädchen schon an ihren Freund, die nächste Nacht oder einfach an gar nichts denken. Manche juchzen herum, ziehen sich die Kleider über den Kopf, andere hocken gedankenverloren und nackt da, die ganze Hierarchie der Arbeit zerfällt zu einer Anarchie der Sinne.

Das ist der Moment. Ellen von Unwerth rast, springt umher, die Filme fliegen nur so durch die Kamera, Bilder machen wie Dauerfeuer. Und so sagt Ellen von Unwerth, sie könne gar kein Bild machen, wenn »vorher nicht etwas passiert. Irgendwas, ein Spiel, eine Szene«. Der Mensch, denkt sie, enttarnt sich nicht dann, wenn er alle seine Sinne kontrollieren kann, sondern dann, wenn er spielen kann, sich Rollen anziehen kann, für Sekunden sich selbst verlassen kann, um sich neu zu finden.

Paris am Morgen, man klingelt an einer Tür, eine Hand kommt heraus, ein Gesicht, ein zögerndes Lächeln. Ellen von Unwerth. Sie hat sich immer gescheut, sich in die Ikonen der modernen Fotografie einzureihen, es gibt nur wenige Porträts von ihr. Früher war sie selbst einmal ein Model und hat bis heute die Statur und die raumgreifende Art der Bewegung behalten. Viele Geschichten erzählen von ihrem losen Mundwerk, mit dem sie mal, als der Designer Ungaro sie anblaffte, ob sie nicht gehen könnte wie ein Tier, zurückbellte: »Nein, aber brüllen!«

Man sucht in Ellen von Unwerths Leben vergebens nach Konventionen, nach Klammern ihrer Lebensabschnitte. Glaubt man den biografischen Brocken, die sie nur sparsam erzählt, hat sich das alles im Leben so ergeben, selten geplant, so schwer zu verfolgen wie ihr Alter, das sie selbst mit »irgendwo bei 40« angibt. Sie wurde in Frankfurt geboren, und in einem Waisenhaus im Allgäu ist sie aufgewachsen, später versuchte man, sie bei verschiedenen Pflegefamilien unterzubringen, was immer nach wenigen Wochen oder Monaten scheiterte. Warum, will sie nicht sagen und wischt gleichzeitig jede Ahnung einer Verlassenes-Kind-Geschichte vom Tisch, trotzig beinahe und immer mit einem leisen Postulat, »wenn man nicht nur den Schutz und die Liebe der Eltern hat, kann das auch stark machen«.

Mit 16 Jahren, sagt sie, sei sie schon allein nach München gegangen. Mitten hinein in die schönen Wirren der 68er, 69er Jahre, ein blondes Küken unter den Haschrebellen, zog sie wochenlang mit den Psychedelic-Rockern von Amon Düül durch die Nächte und Konzerthallen - eine Art Pippi Langstrumpf der Münchner Hippiewelt. Pläne gab es nicht, der Tag wird es schon bringen, und an einem dieser Tage sprach ein Fotograf sie an, ob sie nicht für die »Bravo« Model sein wollte. Und weil alles ein Erleben war, war es auch das. Ellen von Unwerth erzählt das in solchen Bildern, die sie heute macht - fließend, ungefähr, ohne genaues Zeitgedächtnis, sich selten um Details wickelnd. Nur manchmal fällt ihre eines ein, eine Begebenheit, die sie dann nicht erzählt, sondern beinahe vorspielt, eine Biografie in Szenen.

In Kenia 1986 war so ein Moment, Ellen als Model einer Modegeschichte, alle warteten auf den richtigen Moment, das richtige Licht. »Da hab ich mir vom Assistenten die Kamera ausgeliehen und ihn gefragt, wie das geht mit dem Fotografieren«, sie macht ein paar Handbewegungen, hält sich etwas vor's Gesicht, »und es war ganz einfach. Ich bin herumgelaufen und hab alle die Leute fotografiert.«

Vielleicht hat sie auch nicht ganz scharf gestellt, hat sich von einem Moment zum anderen ablenken lassen: und, weil die Kamera einen Motor hatte, viele Filme verbraucht. Zurück in Paris zeigte sie allen die Bilder, fotografische Notizen einer Atmosphäre, die Summe des Unwesentlichen fokussierte sich zum Wesentlichen. Das französische Modeheft »Jill« druckte die Bilder, und so wie Ellen von Unwerth nie Model werden wollte, wurde sie Fotografin, »ohne es gelernt zu haben«. Wieder war es der Zufall gewesen, der das Model im richtigen Moment die Seite wechseln ließ - Ende der 80er war auch der Beginn einer neuen Fotografen-Kultur, eines Model-Kults, die Fashion wird Pop-Ära. Ellen von Unwerth war wieder das blonde Küken, das sich ohne ästhetisches Konzept, ohne Foto-Theorie in dieser Welt herumtrieb.

Und noch ein Zufall

, »nur so eine Idee«, sagt sie, der alles veränderte. »Ich hatte von der französischen «Elle» den Auftrag, ein junges deutsches Model zu fotografieren, ein bisschen langweilig bei ihr zu Hause, beim Zähneputzen und so. Als ich dann hier über den Kontakten saß, dachte ich auf einmal, Mensch, die sieht ja aus wie die junge Brigitte Bardot.« Die Unbekannte hieß Claudia Schiffer, und Ellen von Unwerth rief die 17-Jährige begeistert an und fotografierte bald mit ihr eine ganze Kampagne für das Jeans-Label »Guess«, in Schwarzweiß, unscharf, flüchtig, mit dem Gesicht der Bardot spielend, eine Wiedergeburt inszenierend.

»Ja, es war eine Art Durchbruch, auch für mich, weil man danach meine Art der Bilder haben wollte«, sagt sie. Bilder wie kleine Partys, ein Stakkato der Momente, »oft habe ich am Ende so viele Filme und Bilder, dass es schwer fällt das richtige zu finden«, beschreibt sie ihre Materialschlacht. Manchmal führt das zu Irritationen bei den Auftraggebern, die - in der Werbung - ihre Produkte sehen wollen. Scharf und im Vordergrund. Ellen von Unwerth kennt die Anrufe, »da sind aber keine Schuhe zu sehen,« oder »die Schürze ist aber kaum zu erkennen«. Früher habe sie gelacht und es durchgehalten; heute gehen die Kunden gern das Risiko ein, von ihr eine Werbekampagne fotografieren zu lassen.

Wenn sie sich ihre Bilder der vergangenen zehn Jahre anschaut, dann sind es immer Geschichten des Spaßes, der Mühe, des Glücks, des Pechs, die sie erzählt. Nie fällt ihr ein Wort zur Belichtung, zur Technik ein. »Ich nehme das nicht so ernst, ich habe eine Kamera und mache Bilder, das ist alles. Manchmal bin ich so hektisch, dass ich nicht sicher bin, ob ein Film drin ist.« Sie pflückt aus manchen Situationen auch deshalb intimere Momente, weil sie unverdächtig ist.

Kein Mann. Kein Fotograf, wie es so viele gibt, die Fotografie für Verführung halten. »Die Mädchen wissen, dass mit mir zu arbeiten keine Folgen hat. Keine Dates, keine Anrufe, kein Sex. Mein Motiv ist Spaß und Leben. Und ich frage vorher jedes Mädchen, ob es ein Problem hat, sich vielleicht nackt zu zeigen. Ich überfalle nicht.« Und schaut man sich die Bilder noch einmal anders an, macht genau die Abwesenheit von Gier die Leichtigkeit aus. Ob sie sich als feministische Fotografin versteht? Nein. »Ich fotografiere auch Männer, ohne Probleme. Aber ich kann besser mit Mädchen, ich verstehe den weiblichen Körper besser, und ich weiß aus meinen Model-Jahren, welcher Zwang und welche Befreiung gleichzeitig vor der Kamera stattfinden.«

Ellen von Unwerth arbeitet regelmäßig für das amerikanische »Interview«-Magazin und für »Vogue«, sie dreht Videos für MTV, fotografiert für zahlreiche Designermarken Image-Kampagnen und beschäftigt sich gerade mit einem neuen Fotobuchprojekt. Sie versteht sich als fotografische Arbeiterin, »na ja, und ich schau schon, im Geschäft zu bleiben«. Man muss Ellen von Unwerth das alles sagen lassen, muss sie nachdenken lassen und Geduld haben, bis sie ein paar Worte ihrer eigenen Wahrheit ausliefert.

Es sei schon so, dass ihre Bilder einen starken Motor der Sehnsucht haben. Ihrer Sehnsucht. »Ich entdecke in all diesen Situationen, all diesen Mädchen und ihren Körpern immer einen Teil meiner eigenen Sehnsucht. So einen Busen hätte ich gerne gehabt, so ein Lachen, so einen Po, so ein Glück. Ich inszeniere ein Leben, das ich gerne geführt hätte.«