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Modeschau in Paris: Dem Himmel so nah – so war Chanels schneeweißer Abschied von Karl Lagerfeld

In Paris zeigte Chanel die letzte Kollektion von Karl Lagerfeld. Es war ein würdiger Abschied, der dem Kaiser gefallen hätte.

Von stern-Moderedakteurin Cathrin Wissmann, Paris.

Verstorbener Modezar: Lagerfelds letzte Show: Bewegender Abschied bei Chanel

Schwere Wolken hingen über Paris, als Chanel am Dienstagmorgen zur letzten Show von Karl Lagerfeld bat. Hunderte Gäste eilten die Stufen zum Grand Palais hinauf. Die meisten von ihnen trugen Schwarz, nur wenige Farbtupfer stachen aus der Menge heraus. "Heute ist ein trauriger Tag. Da ist Schwarz angemessen", sagte die deutsche Starfotografin Ellen von Unwerth, die zu den Gästen zählte. Doch wer dachte, die Show würde wie eine tränenreiche Begräbnisfeier ablaufen, den überraschte Karl Lagerfeld ein letztes Mal. 

Hinter den dicken Mauern des Grand Palais eröffnete sich eine imposante Berglandschaft, die der Designer für seine Herbstmode erdacht hatte. Eine Kulisse mit strahlend blauem Himmel, schneebedeckten Gipfeln und schmucken Chalets umgab den Laufsteg, der mit Kunstschnee bedeckt war. In der ersten Reihe nahm die Hautevolee der Mode Platz: Claudia Schiffer, Lagerfelds langjährige Muse, war gekommen, ebenso Naomi Campbell und Caroline de Maigret, die Filmstars Anna Mouglalis, Kirsten Stewart und der deutsche Schauspieler Lars Eidinger, gekleidet in einer schwarzen Chanel-Jacke und mit langen Perlenketten. 

Chanel-Show in Paris, Karl Lagerfeld

Die Chanel-Models zeigten in Paris die letzte Kollektionen des verstorbenen Modeschöpfers Karl Lagerfeld

DPA

Chanel wählte einen würdigen Weg für den Abschied

Nach Lagerfelds Tod am 19. Februar diskutierte die Modewelt, wie sich Chanel von seinem langjährigen Designer verschieden würde. Das Haus wählte einen würdigen Weg: Noch bevor die Models über den Laufsteg schritten, gab es eine Schweigeminute. 60 Sekunden, in denen die Gäste des großen Designers gedenken konnten. Danach ertönte – ähnlich wie nach der Fendi-Show in Mailand – die Stimme von Karl Lagerfeld aus den Lautsprechern. Auch er tauchte in Erinnerungen ab und erzählte auf Französisch eine Anekdote aus seiner Anfangszeit bei Chanel.

Man habe ihm damals abgeraten, bei der verstaubten Marke anzufangen. Doch Lagerfeld wäre nicht Lagerfeld, wenn er sich jemals um das Geschwätz der anderen geschert hätte. Nie könne er vergessen, wie er Queen Mum von Chanel überzeugt habe, erzählte er. Bei ihrem ersten Besuch hatte man alles hübsch hergerichtet. "Und dann sagte sie auf Englisch: 'Oh, das ist ja wie durch ein Gemälde zu laufen.' Diesen Moment werde ich nie vergessen", tönte Lagerfelds Stimme durch den Saal. Seine Worte waren berührend, aber die Gäste verfielen nicht in Trauerstimmung.

Dafür sorgte auch die Mode, die farbenfroh und detailreich war. Cara Delevingne eröffnete die Show in einem Jumpsuit und bodenlangen Mantel aus karierten, dicken Wollstoffen. Es folgten Looks mit Fellboots, Grobstrick mit Norwegermustern, Kleider und Mäntel mit glockenartigen, abgerundeten Säumen. Man sah viel Pink, knalliges Rot und Hellblau. Am Ende der Show lief ein Überraschungsgast über den Laufsteg: Penelope Cruz. Die Schauspielerin, eines der Kampagnengesichter von Chanel, trug ein weißes Top mit Volants, dazu einen Rock, der mit seinen unzähligen Federn wie ein Schneeball aussah. Als einzige hielt sie eine weiße Rose in der Hand.  Zum Finale schritten alle Models wie eine Chanel-Armee über den Laufsteg. Zuvor hatten sie die Mode noch mit ernster Mine gezeigt, doch zum Ende liefen sie gelöst und fröhlich durch das Set.

Ein Bild, das Karl Lagerfeld gefallen hätte

Eine positive Stimmung ist für Chanel aktuell unerlässlich. Vor allem für Virginie Viard, Lagerfelds Nachfolgerin, die nun das Erbe von Coco Chanel und dem großen Designer weiterführen muss. 30 Jahre war sie an Lagerfelds Seite. Er sagte stets über sie: "Virginie ist meine linke und rechte Hand. Für mich ist sie Chanel." 

Die schönsten Chanel-Looks: Karl Lagerfeld hauchte Chanel wieder Leben ein - unter anderem mit diesen ikonischen Designs
Karl Lagerfeld wurde 1983 Kreativdirektor von Chanel. Er lehnte seine Designs an die Kreationen von Coco Chanel an – nur eben moderner. Das französische Model Ines de la Fressange zeigt sich hier in einem Look der Herbst/Winter-Kollektion von 1984/1985 in Paris, einer der ersten Kollektionen von Karl Lagerfeld für Chanel. Sie präsentiert einen klassischen, aber trotzdem spannenden Chanel-Look in schwarz-weiß. Details wie Schulterpolster und Rüschen, Schleife und die großen Perlen-Ohrringe sind charakteristisch für das Modehaus.

Karl Lagerfeld wurde 1983 Kreativdirektor von Chanel. Er lehnte seine Designs an die Kreationen von Coco Chanel an – nur eben moderner. Das französische Model Ines de la Fressange zeigt sich hier in einem Look der Herbst/Winter-Kollektion von 1984/1985 in Paris, einer der ersten Kollektionen von Karl Lagerfeld für Chanel. Sie präsentiert einen klassischen, aber trotzdem spannenden Chanel-Look in schwarz-weiß. Details wie Schulterpolster und Rüschen, Schleife und die großen Perlen-Ohrringe sind charakteristisch für das Modehaus.

AFP

Bei der Show hielt sich Viard dezent im Hintergrund, vielleicht weil sie es einfach angemessen fand. Statt den Laufsteg entlangzulaufen und sich als neue Kreativchefin feiern zu lassen, huschte sie nur kurz durch die Chalet-Kulisse, aus der die Models zuvor aus dem Backstagebereich auf den Laufsteg getreten waren. Viele hatten Viards kurzen Auftritt verpasst. Und so blieben die Gäste am Ende der Show klatschend stehen, in der Hoffnung, die neue Kreativchefin würde gleich auf den Laufsteg treten. 

"The beat goes on." So hatte es Lagerfeld auf eine Skizze geschrieben, die in den Kollektionsmappen lag. Bei Chanel kann man auf ein gelungene Show zurückblicken: Der Marke ist der Spagat zwischen Abschied nehmen und neue Impulse setzen gelungen. Der Schauspieler Lars Eidinger sagte am Ende der Show: "Ich habe den Eindruck, dass jedes Detail mit Bedacht ausgewählt war. So wie bodenlangen Capes der Models, die mit ihren Säumen die Spuren im Kunstschnee verwischten." 

Ein Bild, das Lagerfeld bestimmt gefallen hätte: einfach zu verschwinden. 

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Video: Die Modewelt nach Lagerfeld