HOME

Fotografie: Rossnaturen

Gedrillt, geschunden, gehätschelt - seit Jahrtausenden setzt der Mensch aufs Pferd. Der Fotograf Fulvio Cinquini hat weltweit Beispiele einer beispiellosen Bindung gesammelt.

Der Hengst ist fuchsteufelswild. Schnaubend bäumt er sich auf und schlägt mit seinen Vorderhufen einen panischen Wirbel in die Luft. Mit geblähten Nüstern und flach angelegten Ohren versucht er loszustieben; er will den Reiter abschütteln, der auf seinen blanken Rücken gesprungen ist, die Finger in die Mähne krallt und die Beine um den kastanienglatten Leib schlingt.

Der Instinkt befiehlt ihm, wie immer bei Gefahr: nichts wie weg, fliehen, fortgaloppieren. Doch Flanke an Flanke drängt sich seine Herde um ihn, eingepfercht auf dem von einer Steinmauer umfriedeten Sandplatz. Da kann er nur wütend hochgehen.

Je ungestümer sich die Rösser aufführen, desto spektakulärer ist der Showeffekt für die Touristen. Junge Männer im nordspanischen Ort Sabucedo nutzen jeden Sommer den Abtrieb der ungezähmten Tiere von den Weiden an der Atlantikküste, um Mut und Männlichkeit zu beweisen: Ein Sprung auf den Rücken, auf dem noch nie ein Sattel gescheuert hat, macht aus einfachen Burschen Helden.

Drei Tage lang steht das Dorf in Galizien im Zeichen des derben Kräftemessens: Männer ringen mit bloßen Händen und Griffen, die über Generationen weitergegeben worden sind, die muskelbepackten Vierbeiner zu Boden und knien sich auf Kopf und Flanke, um den Wildfängen Mähne und Schweif zu scheren.

Die Beherrschung des Fluchtinstinkts ist für den Menschen die wichtigste Errungenschaft in seiner Beziehung zum Pferd. Denn nur das gezügelte Davonpreschen nützt dem Reiter. Die einzige Chance des Pflanzenfressers ist Schnelligkeit und Ausdauer - seit jeher garantiert nur die blitzartige Flucht das Überleben.

Ausschließlich Fleischlieferant war das Pferd für den Menschen bis vor 5000 Jahren, eine Delikatesse in der kargen Kost der Jungsteinzeitler. Wann genau und wie der Mensch aufs Pferd gekommen ist, weiß niemand. Aber seitdem es uns die Mühen des Laufens abnimmt, schwankt die Beziehung zwischen Schinderei und Zärtlichkeit. Die Palette der Zähmungsmethoden reicht vom Brechen des Willens mit Peitschenhieben und Fesseln der Hufe bis zum Domestizieren durch gutes Zureden und Kraulen à la Pferdeflüsterer Monty Roberts.

Mit dem Anspannen und Reiten begann die facettenreiche Karriere des Tieres. Danach hat es die Weltgeschichte über Jahrtausende auf Trab gebracht: als treuer Weggenosse in Schlachten und Kriegen; als trittsicherer Gefährte bei Reisen über bis dahin fast unüberwindliche Distanzen in Steppen, Bergen und Wüsten; als unermüdlicher Helfer bei der raschen Besiedelung von Kontinenten; als Jagdkumpan oder ausdauernder Sportsfreund.

Die Evolution hat in Jahrmillionen beim Pferd die Antennen für Vorsicht geschärft - wachsam ist es und jede Sekunde auf dem Sprung. Eine Spürnase, die mit samtenen Nüstern Gefahr wittert, Wasser über Hunderte von Metern erschnuppern und allein den Heimweg finden kann. Mit seinen langen Ohren, die von 16 Muskeln zur Schallquelle gedreht werden können, ortet es selbst Töne von mehr als 25.000 Hertz, unhörbar für den Reiter auf dem Rücken.

Die Argusaugen, die seitlich am Kopf sitzen, beobachten die Landschaft in einem beinahe lückenlosen 360-Grad-Rundumblick. Nur hinter der Kruppe und direkt vor dem Kopf gibt es blinde Flecken. Die Gliedmaßen sind geschaffen für einen raumgreifenden Galopp von bis zu 60 Stundenkilometern. Im breiten Brustkorb pumpt ein bis zu drei Kilogramm schweres Sprinterherz, und gewaltige Lungen atmen mit sagenhaften 2500 Quadratmetern Oberfläche (zum Vergleich: Die menschlichen Lungenbläschen haben bis zu 150 Quadratmeter Oberfläche).

Der Überlebenskünstler auf vier Hufen kann Backofenhitze und klirrenden Frost aushalten, Dürre- und Hungerzeiten überstehen, Steppen, Wüsten oder Tiefschnee durchqueren. Die kompakten und kurzbeinigen Islandponys trotzen mit ihrem Puschelfell bitteren Minusgraden, während edle Berber behände über hitzeflirrende Sanddünen fliegen.

Ein arabisches Sprichwort sagt: Für jedes Gerstenkorn, das du dem Pferd gibst, vergibt dir Allah eine Sünde. Allerdings verdaut der bis zu vierzig Meter lange Gauldarm nicht nur Klee, Heu und Hafer, auch piksige Disteln und mageres Gestrüpp, Stechginster und Rosen dienen als Nahrung. Tibetische Postpferde bekommen einen Brei aus frischem Schafsblut und Hirse, Isländer fressen Seetang und Fischabfälle. Welsh-Ponys naschen Blaubeeren und wilde Pflaumen, deren Kerne sie fein säuberlich abgeknabbert wieder ausspeien. Die Vollblüter in den Sandwüsten des Oman sind ebenfalls Meister im Steinespucken - sie werden mit gekochten Datteln gefüttert. Angenehmer Nebeneffekt dieser Fruchtdiät: Die Pferdeäpfel riechen nicht mehr beißend-herb, sondern duften beinahe wie Kosmetikpuder.

Das Pferd - bis heute ein Symbol für Stärke und Kraft - war von jeher dem Macht- und Expansionsdrang des Menschen zu Diensten. Wer die meisten Gäule hatte, regierte die Welt. Erst hoch zu Ross, auf dem Araber-Schimmelhengst Marengo - einer Art lebendigem Thron -, wurde der kleinwüchsige Napoleon zum Herrscher. Dschingis Khan wäre ohne Pferde ein harmloser Hirte und Bauer geblieben. Rund 10.000 Schimmel soll der Herrscher des Mongolenreiches besessen haben, das sich von der Nordwestküste des Pazifiks bis zur Oder und vom Baikalsee bis nach Vietnam erstreckte. Fußvolk gab es in seinem Heer nicht, alle Soldaten waren Reiter, die in den Steigbügeln stehend zur Attacke preschten. Während der Feldzüge ernährten sie sich von Stutenmilch, die sie in Lederschläuchen zu saurem Quark eindickten, und sie tranken das Blut, das sie ihren nur 130 Zentimeter hohen Steppenponys in kleinen Mengen abzapften.

Und Alexander der Große benannte die Stadt Bukephala, das heutige Jalalpur in Indien, zu Ehren seines vierbeinigen Gefährten Bukephalos, der ihn 18 Jahre lang begleitete. Als Zwölfjähriger hatte der spätere Feldherr sich als Einziger mit einem Trick auf den scheuen Hengst schwingen können. Er drehte ihn mit dem Kopf zur Sonne, nachdem er begriffen hatte, dass der Rappe nicht vor ihm, sondern vor seinem eigenen Schatten durchging.

Überbleibsel der Trainingsmethoden und Geschicklichkeitsübungen aus Kavalleriezeiten sind diverse Reiterspiele, die heute noch zu Hochzeiten, Beschneidungen oder im Turnier in vielen Teilen der Welt ausgetragen werden. Beim »tent pegging« ziehen Pakistani im Galopp mit Stangen Holzpflöcke aus der Erde. Beim Angriff auf das feindliche Lager waren so früher die Zelte zerstört und die unter dem Stoff gefangenen Gegner außer Gefecht gesetzt worden.

In Indien wird das traditionelle »lemon cutting« zelebriert, eine Prüfung für das Augenmaß des Reiters: Mit einem Säbel zerteilt er im vollen Galopp eine Zitrusfrucht, die auf einem Pfahl liegt.

Beim »Buskashi« - einem ursprünglich afghanischen Reiterspiel, das auch in Tadschikistan und Usbekistan ausgetragen wird - dreht sich alles um den Balg eines Kalbes, der mit Sand gefüllt ist und bis zu 60 Kilogramm wiegt. Mit einer Hand muss der Reiter ihn vom Boden klauben, zwischen Knie und Sattel klemmen und aus dem Getümmel von mehreren hundert Gegnern in Sicherheit bringen.

Das kurioseste Spektakel steigt jedes Jahr am 1. November im Norden Guatemalas. Nach dem Feiertag Allerheiligen benannte »Todosanteros« mieten sich für viel Geld Pferde, um sich dadurch einen Tag lang wie Edelmänner fühlen zu können. Durch diesen symbolischen Akt versuchen sie einen uralten Komplex gegenüber den spanischen Eroberern, den berittenen Conquistadores, zu kompensieren.

Das Problem dabei: Reiten können sie nicht, und die Angst vor den kräftigen Tieren überwinden sie nur rotzbesoffen. Dann aber klammern sich die Trunkenbolde stundenlang am Sattel fest und galoppieren durch staubige Maisfelder. Tote gibt es dabei heutzutage - im Gegensatz zu früher, als Menschenopfer nötig waren, um die Götter gnädig zu stimmen -nicht mehr. Dafür aber immer noch brausenden Beifall und Jubel für halsbrecherische Stürze.

Von Anika Geisler und Fulvio Cinquini (Fotos)

Themen in diesem Artikel