Idole Hinter den Kulissen der Star-Maschinerie


Mit Ruhm lässt sich Millionen verdienen. Eine regelrechte Industrie der Stars macht Menschen zu Marken. Der britische Fotograf Jocelyn Bain Hogg enthüllt in seinen Bildern die Mechanismen der Ruhmwerdung.
Von Cornelia Fuchs

Hunderttausende waren da, aber es herrschte absolute Stille, als am 6. September 1997 Prinzessin Dianas Sarg durch Londons Straßen getragen wurde. Mit dabei war der Fotograf Jocelyn Bain Hogg. Seit drei Uhr morgens hatte er die Gesichter verzweifelter Menschen fotografiert. Warum, fragte er sich, trauern Wildfremde wie um ihre eigene Schwester? Was macht der Ruhm aus Menschen? Und was macht er mit den Menschen? An diesem Tag beschloss der heute 38-Jährige, diese Frage mit seinen Bildern zu beantworten.

Erschienen sind seine Dokumentarfotografien nun in dem Buch "Idols + Believers" (Idole und Gläubige). Sie zerren ans Licht, was die Ruhmesmaschinerie von Hollywood bis Cannes verbergen will. Die leeren Blicke der Stars und die unersättlichen der Paparazzi. Die Hitze der Scheinwerfer und die Kälte der Einsamkeit. Hoggs Bilder zeigen die Momente, in denen den Berühmtheiten das Fotolächeln verrutscht, die Kontrolle entgleitet und sie menschlich werden, für Sekunden. Sie zeigen die Kehrseite einer globalen Star-Maschinerie, die eigentlich dafür sorgen will, dass diese Menschlichkeit hinter der Maske des Images verschwindet.

Fotograf war selbst Mitglied des Star-Zirkus

Jocelyn Bain Hogg war selbst Teil des Londoner Star-Zirkus, als dieser noch vor allem Party war und etwas weniger Geschäft. In den 90er Jahren fotografierte er für Modezeitschriften wie "GQ" und "Vogue", war PR-Fotograf für die BBC, zählte den Schauspieler Tim Roth zu seinen Freunden, war mit einem Model liiert. Sein Leben bestand aus Partys, die er fotografierte: "Es war alles Anarchie, niemand kontrollierte, alles war möglich."

Eine Rolle im Pornofilm kaufen

Doch der Hunger nach Klatsch wurde immer größer. Stars bedeuten Geld, heute mehr denn je. Das Magazin "Heat" besteht von vorn bis hinten aus Star-Geschichten, und es ist nur eines von vielen Celebrity-Magazinen an britischen Kiosken, die mit einer Gesamtauflage von 19 Millionen Exemplaren die größte Print-Kategorie in Großbritannien sind. Die verkaufen jede Woche neue Gerüchte, neue Gesichter, neue Skandale. Um "echte" Stars geht es dabei längst nicht immer. Sogar die renommierte Nachrichtensendung des Privatsenders Channel 4 berichtet fast jeden Abend über die Geschehnisse im "Big Brother"-Container. So werden Prügeleien der Insassen auch in der fünften Staffel zu nationalen Schlagzeilen. "Je länger ich mir die künstliche Welt der großen Stars anschaute", sagt Hogg, "desto klarer wurde mir, dass ein Buch über die Kehrseite genau dieser Welt auch diejenigen zeigen muss, die alles für ihre 15 Minuten im Scheinwerferlicht tun." Er fand Menschen, die sich sogar eine Rolle in einem Pornofilm kauften. Auch das bringt schließlich Schlagzeilen.

Triviale ist wichtig

"Selbst die so genannten Qualitätsmedien in Großbritannien sind inzwischen Star-gesteuert", sagt der Fotograf. "Ich wurde Zeuge eines seltsamen Gefühls absoluter Banalität, einer Zeit, in der nur das Triviale wichtig ist." Je schneller konsumierbar die Geschichten, umso besser verkäuflich. Je künstlicher, umso reeller die Chancen der Geschichten im Fernsehen und am Kiosk.

Perfekte Zähne, Körper und Brüste

VIP-Partys werden angesichts der Inflation der Möchtegern-Ruhmreichen zur Farce. Richard Young, der bekannteste britische Starfotograf mit mehr als 30 000 Party-Besuchen und einem Archiv von über 2,5 Millionen Aufnahmen, muss inzwischen seine Kollegen fragen, welches Starlet das denn nun schon wieder war, das eben durch Blitzlichtgewitter über irgendeinen roten Teppich geschwebt ist. Der größte Promi-Experte in England hat den Überblick verloren: "Heute schauen alle gleich aus mit ihren perfekten Zähnen, gestählten Körpern und verschiedenen Stadien der Plastischen Chirurgie. Und egal, wie oft sie in den Zeitschriften erscheinen - die meisten werden mit einem Schlag vergessen sein."

Überangebot an perfekter Inszenierung

Publizisten, Manager und persönliche Assistenten kämpfen angesichts eines solchen Überangebotes um die perfekte Inszenierung der wirklich Prominenten. Je vielversprechender die Marktchancen eines Stars, desto restriktiver werden die Vorschriften. Kein Foto soll erscheinen, das dem Image des Stars durch zu viel Authentizität schaden könnte.

Limitierter Zugang zu Zeremonien

Die Kontrolle beginnt beim Zugang, bei der Oscar-Zeremonie, bei den Filmfestspielen in Cannes, auf Film-Sets, bei Konzerten. Das Management bestimmt, wann fotografiert werden darf, von welchem Punkt aus, wie lange, und manchmal sogar, mit welchen Objektiven. Jocelyn Bain Hogg wurde von Pistolen schwingenden Security-Männern vom roten Teppich in Los Angeles vertrieben, obwohl er eine Schauspielerin auf ihren eigenen Wunsch zur Zeremonie begleitete. Seine Art zu fotografieren sei zu direkt.

Maske des Ruhm lüften

Auf seiner Reise über die roten Teppiche von Los Angeles bis Cannes begann Hogg nach Lücken in der Sicherheitsphalanx der Leibwächter und Pressefotografen zu suchen. Und fand Sekunden der Wahrheit, etwa in der dunklen Limousine, wo Angelina Jolie sich innerlich entfernte von dem Wahnsinn da draußen. Hogg erinnert sich: "Ich schaute seitwärts auf meine eigene Meute, auf die Medienwelt der Produzenten, Fotografen, Redakteure, TV-Moderatoren, Publizisten, Sicherheitsleute, die alle mitbestimmen, wie wir "the money", die Stars, sehen. Und bekam fast so etwas wie Mitleid mit denen, um die sich der ganze Zirkus dreht." Er sah zu, wie die Maske des Ruhms die Gesichter darunter verletzte.

Gefangen in einem Wirtschaftszweig, der nach perfekter Illusion verlangt, scheinen sich die Göttlichen unserer Zeit zwischen Fotolächeln und Belanglosigkeit zu verlieren. Und sie dürfen keine Fehler machen. Jeder Fehltritt wird gnadenlos geahndet von Klatschmagazinen und Internetportalen. Jude Law weiß seit seiner Affäre mit einem Kindermädchen, dass Fehltritte sich gleich auf den Ticket-Verkauf der Filme und damit direkt auf seine Gagen, ja, auf die Auswahl möglicher Filmrollen auswirken. Die schier ewig währende Beziehungskrise zwischen ihm und der engelsgleich auftretenden Sienna Miller minderte seinen Marktwert. Ein Prominenter, der öffentlich allzu menschlich wird, beschädigt seinen Star-Status.

"Unser Bedürfnis nach Idolen hat sich in der Essenz wahrscheinlich seit der Zeit der Römer nicht geändert", sagt Jocelyn Bain Hogg. "Geändert hat sich, dass diese Idole inzwischen industriell hergestellt werden." Forscher der Duke University in Durham, North Carolina, fanden tatsächlich heraus, dass die Lust am Tratsch und an der Nähe zu Stars ein evolutionär angelegtes Bedürfnis ist. In einem Experiment wiesen sie nach, dass MakakenAffen auf Anteile eines beliebten Kirschsaftes verzichteten, wenn sie im Tausch dafür Bilder von ranghöheren Tieren betrachten durften. Es geht dabei um Macht, sagen die Forscher: "Auch wenn Hollywood oder eine Londoner Party mit unserem Leben nichts zu tun haben, glauben Menschen, dass es für sie sozio-kulturell wichtig ist, über diese Dinge Bescheid zu wissen."

Kritiker in Großbritannien nennen Jocelyn Bain Hoggs Buch das Zynischste, was sie je über die Kultur des Ruhmes gesehen haben. Andere sagen, es sei mutig. Hogg selbst ist gespannt darauf, ob er auch nach Erscheinen seiner Bilder noch für Hollywood und Cannes gebucht wird. Oder ob die Wahrhaftigkeit seiner Fotos ihn am Ende seinen Job kostet.

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