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Miroslav Tichý: Der Nabokov unter den Fotografen

Von den Frauen war er besessen. Seine Porträts sind Denkmäler der Weiblichkeit. Lange Jahre war das einzigartige Werk des Fotografen Miroslav Tichý unentdeckt: Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst wird der tschechische Sonderling, ein Trinker, Raufbold und Frauenheld, nun mit einer großen Werkschau bekannt gemacht.

Von Alexander Jürgs

Im Sommer schlich er sich an den Zaun des Schwimmbads und fotografierte die jungen Mädchen in Bikinis, deren Mütter, die sich auf der Wiese sonnten, und die Dorfschönheiten, die um das Becken stolzierten. Er trank, galt als Raufbold, seine Kleider waren zerlumpt, seine Haare verzottelt. Ein Sonderling, ein Kauz und - so sehen es heute nicht wenige Galeristen, Sammler und Kritiker - einer der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Ihn selbst lässt das alles kalt: Miroslav Tichý, 82 Jahre alt, hat die Fotografie längst aufgegeben. Sein plötzlicher Ruhm ist ihm gleich, genauso wie es ihm heute die Fotografien sind, die er in den sechziger bis achtziger Jahren wie ein Besessener produzierte und die wohl zum größten Teil zerstört wurden. Tichý lebt noch immer in dem kleinen, mährischen Dorf, in dem er 1926 geboren wurde und das heute zu Tschechien gehört. Er haust in einer Bruchbude, die seiner Mutter gehörte, führt ein Einsiedlerleben und verschanzt sich vor der Welt - nur das Trinken, das habe er, so erzählt es Andreas Bee, Kurator am Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, mittlerweile aufgegeben.

Kontrapunkt zum Kunstmarkt-Hype

Dabei hat der Tichý-Boom hat gerade erst begonnen: 90 Bilder aus dem Werkkonvolut des Fotografen hat das Frankfurter Museum in den vergangenen Jahren erworben. Nun widmet es dem Künstler eine große Schau. Seit der legendäre Ausstellungsmacher Harald Szeemann den Fotografen 2004 erstmals auf der Biennale in Sevilla zeigte, boomen die Arbeiten des tschechischen Outsiders. Bis zu 12.000 Euro erzielen einzelne Werke Tichýs mittlerweile auf dem Kunstmarkt.

Bald werden die Preise wohl noch anziehen, denn die Entdeckung des Künstlers durch bedeutende Museen hat gerade erst begonnen. Parallel zur Frankfurter Ausstellung werden Werke von Tichý in der Stockholmer Kunsthalle gezeigt, im Herbst eröffnet das Centre Pompidou in Paris eine große Retrospektive, und auch in Dublin und Los Angeles plant man bereits Präsentationen der Fotografien.

Denkmäler der Weiblichkeit

Tichý vergöttert die Frauen. Seine Fotografien sind Denkmäler der Weiblichkeit. Wer sich durch die Ausstellung bewegt, verliert sich schnell in kraftvollen Rückenansichten und schwärmerischen Porträts. Manche Bilder zeichnen Spontaneität und Leichtigkeit aus, in anderen entdeckt man geradezu klassische Posen. Wenn man weiß, dass Tichý täglich circa 100 dieser Porträts anfertigte - fast jeden Tag verschoss er mit sturer Regelmäßigkeit drei Filme à 36 Bilder - ist es mehr als zutreffend, ihn als manisch-obsessiven Erotomanen zu charakterisieren.

Ein träumerischer, verliebter Blick spricht aus seinen Bildern der pubertierenden Mädchen, einen Nabokov hinter der Kamera möchte man in Tichý erkennen. Dabei war er alles andere als ein Spanner: Die porträtierten Frauen und Mädchen, die der Kamera zugewandt erscheinen, wirken nie erschrocken oder verstört. Sie lachen dem Fotografen entgegen, wirken amüsiert und häufig auch stolz - es scheint, dass sie Tichý, dem Sonderling im Ort, sehr wohl Vertrauen entgegen gebracht haben.

Objektive aus Klorollen

Tichýs Bilder sind verschwommen und verwaschen, die Abzüge sind mit Fingerabdrücken und Flecken übersät. Außerdem hat er die Fotografien oft mit Bleistift oder Kugelschreiber nachgezeichnet. Für einige der Frauenporträts hat Tichý selbst bemalte Passepartouts angefertigt. Sein Leben lang hat der fotografische Autodidakt mit rudimentärsten Mitteln gearbeitet. Seine Werkzeuge waren billigste Kameras oder selbstgebastelte Fotoapparate. In einer improvisierten Dunkelkammer zog er nachts die Bilder ab. Einige Kameras und anderes Zubehör werden in einer Vitrine gezeigt, in der Betrachter staunt, dass damit wirklich Fotos entstehen konnten: Der Kronkorken einer Bierflasche wird von Tichý zur Filmspule zweckentfremdet, Linsen fertigte er aus Plexiglas oder alten Brillengläsern an, Objektive bastelte er aus Klorollen oder Konservenbüchsen. "Man könnte fast sagen: Tichý hat die Fotografie noch einmal neu erfunden", schwärmt Ausstellungskurator Bee.

Doch auch wenn die Kunstwissenschaft begonnen hat, Tichýs Werk in die Geschichte der Fotografie einzuordnen, bleibt die Biografie des Künstlers nebulös. In den vierziger Jahren hatte es den Sohn des angesehenen Dorfschneiders an die Kunstakademie nach Prag gezogen. Eine viel versprechende Karriere als Zeichner und Maler, der sich an Picasso und Matisse orientierte, begann sich abzuzeichnen, bis die Kommunisten 1948 die Macht ergriffen. Wenig später kehrt Tichý in sein Dorf zurück. Er hörte auf zu malen, verwahrloste zusehends und begann exzessiv zu trinken.

Ratten haben an seinen Bildern genagt

Einen Großteil der kommenden Jahre verbrachte er im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Insgesamt acht Jahre lang wurde er weggesperrt, sagt Tichý. Ob die Zahl stimmt, lässt sich nicht belegen. Seine Bilder bleiben undatiert, und wie viele Werke er tatsächlich schuf, kann heute niemand mehr sagen.

Als Roman Buxbaum, Psychiater und Kunstsammler aus Zürich, der im gleichen Dorf wie Tichý aufwuchs und dessen Werk heute vermarktet, die Fotografien in den achtziger Jahren entdeckte, fand er das meiste auf dem Boden von Tichýs Wohnung liegend. Die Bilder waren beschmutzt, an vielen hatten die Ratten genagt, andere waren zerrissen.

Wie konnte ein solch umfangreiches Werk ganz unbemerkt von der Kunstszene und ohne jeden Kontakt zu ihr entstehen? Was hat Tichý angetrieben? Ob es die (unerfüllte) Liebe zu den Frauen war oder der Gedanke, nach einem strengen Plan ein monumentales Werk zu schaffen - vom Künstler selbst ist auf diese Frage keine Antwort zu erwarten. Zum derzeit überdrehten, immer neue Hypes gebärenden Kunstmarkt liefert Tichý, der sich um seinen schlagartigen Ruhm kein bisschen schert und daran auch nicht verdient, einen bemerkenswerten Kontrapunkt. In einem ganz eigenen Kosmos ist ein der Welt radikal abgewandtes und trotzdem der Wirklichkeit verpflichtetes Werk entstanden. Eines der wenigen Statements, das Tichý zu seiner Kunst gab, lautet: "Die Welt ist sowieso nur Schein".

"Miroslav Tichý. Fotograf", bis 3. August im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, Informationen unter www.mmk-frankfurt.de