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Polaroid stoppt Produktion: Augenblick, verweile!

60 Jahre lang wurde mit Polaroid-Kameras das Lebensgefühl von Menschen auf der ganzen Welt eingefangen. Doch der Siegeszug von Digitalkameras stellt die Sofortbildfotografie in den Schatten und veranlasst das US-Unternehmen Polaroid zu einem folgenreichen Schritt: Es stoppt die Produktion seiner Instantfilme.

Von Julia Stanek

Es gehört schon fast zum Pflichtprogramm einer jeden Hochzeitsfeier: Während das Brautpaar über die Tanzfläche fegt, rüstet sich ein Foto-Team mit Polaroid-Kamera, Album und einem Klebestift, um eine rauschende Partynacht einzufangen. Entkommen wird den Hochzeitsfotografen nichts und niemand, weder Onkel Holgers Nummer mit der Luftgitarre noch der peinliche Sturz der Trauzeugin. Nach und nach nehmen sie einen Gast nach dem anderen vor die Linse, lassen ihn posieren und etwas Nettes ins Fotoalbum schreiben. Zwischendurch wird eifrig mit den frischen Polas gewedelt - angeblich trocknen die Bilder so schneller. Dass dies ein Irrtum ist, interessiert an diesem Abend niemanden.

Das Faszinierende an Polaroids ist die Spontaneität des Mediums, der Überraschungseffekt, wenn aus einer Situation ein Foto wird. Ein Klicken, ein Surren und als wolle einem die Kamera frech die Zunge rausstrecken, zuckelt das frisch geschossene Pola durch den schmalen Fotoschlitz. Noch ist nicht viel zu erkennen. Doch langsam sieht man diffuse Umrisse, zarte Schatten eines Augenblickes, fixiert für die Ewigkeit. Schließlich bekennt das Foto Farbe - und das nicht unbedingt zum Vorteil des Abgelichteten. Dann ist die Spannung vorbei. Zum Vorscheinen kommt eine Momentaufnahme, gemeißelt in ein Quadrat aus übersteigerten Farben, eingerahmt von dem typischen weißen Rand - was für ein nostalgischer Anblick!

Mangelware Instantfilm

Sechs Jahrzehnte lang haben Menschen auf dem ganzen Erdball mit ihren Polaroids die schönen Momente des Lebens eingefangen: Urlaubsfotos, Aufnahmen von Neugeborenen im Krankenhaus, Bilder von den nettesten Übernachtungsgästen, die sich über die Jahre im Gästebuch verewigt haben. Doch mit der Instantfotografie ist nun Schluss. Nachdem die Firma Polaroid vor gut einem Jahr die Produktion der Kameras eingestellt hatte, gibt sie im Februar 2008 bekannt, auch die Herstellung der Sofortbildfilme zu stoppen.

Die Sorge der Polaroid-Liebhaber ist groß, denn zukünftig wird es schwierig sein, an die Spezialfilme zu kommen. Unweigerlich wird der Nachschub versiegen. Einer, der bereits Hamsterkäufe getätigt hat, ist der 23-jährige Joe Howansky aus New York. Er hat das Ende des Instantfilmes kommen sehen und sich sofort mit Filmen im Wert von 800 Dollar eingedeckt. Die Fans der Sofortbildfotografie können allerdings noch hoffen: Das Unternehmen Adesso Albums aus Kalifornien hat die Lager noch gut gefüllt und wird noch bis mindestens Ende 2009 die Polaroid-Filme vertreiben. Ob ein anderer Hersteller die Nutzungsrechte für eine Fortsetzung der Produktion wird erwerben können, ist noch unklar.

Eine Revolution in der Fotogeschichte

Als der amerikanische Physiker Edwin H. Land 1948 die erste Sofortbildkamera sowie den dazugehörigen Polaroid-Film erfand, war die Generation der Baby Boomer begeistert: Von nun an konnte man sich den Umweg über das Fotolabor sparen und dabei zusehen, wie sich der gerade eingefangene Augenblick ganz von alleine zu einem Lichtbild entwickelte. Möglich wurde das Schnellentwicklungsverfahren durch spezielle Filme, die ein Negativ, das Positivpapier und den chemischen Fotoentwickler enthielten. Der innovative Tüftler Land, der es auf über 500 Patente in seinem Leben gebracht haben soll, hatte mit seinem Instantfilm ein eigenes Kapitel in der Fotogeschichte begründet und den Menschen etwas gegeben, das uns aus heutiger Sicht nur ein müdes Lächeln abringt: die augenblickliche Verfügbarkeit eines Fotos.

Der Legende nach hat der passionierte Bastler Land die Sofortbildkamera erfunden, weil seine Tochter nicht tagelang auf die entwickelten Fotos warten mochte. So inspirierte ihn die Ungeduld eines kleinen Mädchens, die symptomatisch war für die neuen Ansprüche der amerikanischen Konsumgesellschaft, zu einem riesigen Verkaufserfolg. Mit seiner Erfindung machte der Gründer der Polaroid Corporation ein Vermögen: Auf dem Höhepunkt seines Erfolges verzeichnete das Unternehmen Umsätze von etwa drei Milliarden Dollar in 60 Ländern und beschäftigte weltweit mehr als 20 000 Mitarbeiter. Ihr Rekordjahr erlebte die Firma Polaroid 1978, in dem Jahr wurden weltweit über neun Millionen Instantkameras verkauft. Der Name "Polaroid" war zum Begriffssynonym für Sofortbildkameras geworden, also zu dem, was die Marke "Tempo" in der Papiertaschentuchindustrie ist.

Wichtiger Meilenstein in der Erfolgsgeschichte der Polaroid Corporation war die Einführung des Farbfilms im Jahre 1963, zuvor gab es nur Bilder in Graustufen. Zugegeben, die Fotoqualität hat sich nie als besonders hochwertig erwiesen. Als Land aber 1972 das legendäre Modell SX-70 auf den Markt warf, wurde die Sofortbildfotografie endgültig zum großen Hype. Wie auch ihre Vorgängermodelle erforderte diese Kamera weder professionelles Können noch eine Dunkelkammer. Sie lieferte aber eine stark verbesserte Qualität, denn die SX-70 war eine Spiegelreflexkamera. Sie wurde zum heiß geliebten Aufnahmegerät von Hobbyfotografen und Künstlern, was ganz im Sinne des Erfinders war: Er war der Ansicht, jeder Mensch besitze eine angeborene Fähigkeit, sich ästhetisch auszudrücken.

Land selber sah in seiner Erfindung von Anfang an mehr als ein kommerzielles Produkt, sondern ein Ausdrucksmedium, das wahre Kunstwerke hervorbringen konnte. Da die SX-70 ohne Negativ funktionierte, wurde jedes Bild unweigerlich zum Unikat. Dies war wohl auch der Grund, warum die Polaroid-Kamera zum Lieblingsspielzeug des Pop-Art-Mitbegründers Andy Warhol avancierte - ohne sie ging er nicht mehr aus dem Haus. Die vielen skurrilen Polaroid-Selbstporträts Warhols dokumentieren seine Begeisterung für den Zauber der Instantfotografie ebenso wie Aufnahmen von Star-Fotografen wie Ansel Adams oder Helmut Newton.

Siegeszug der Digitalfotografie

Besonders Berufsfotografen profitierten von den Vorteilen der Polaroid: Sie benutzten die Sofortbildkamera, um die Lichtverhältnisse im Fotostudio zu prüfen. Aus den dabei entstandenen Schnappschüssen einer noch ungeschminkten Cindy Crawford oder Claudia Schiffer wurden legendäre Kultobjekte, die sogar in den großen Modezeitschriften abgedruckt wurden.

Auch für Polizisten und Kriminalbeamte war die Sofortbildkamera einst ein nützliches Hilfsmittel, um schnell und zuverlässig Beweismaterial sicherzustellen. Doch spätestens seit Digitalkameras und Foto-Handys den Markt überfluten, sind die Vorzüge der Polaroid so verwaschen wie die Farben eines Fotos aus den 60ern. Die Absatzzahlen verringerten sich von Jahr zu Jahr, mit dem Namen Polaroid verbanden immer mehr Menschen eine Apparatur aus archaischen Zeiten. Wer nach 1980 geboren wurde, kennt das Polaroidfoto schon nur noch als Souvenir aus dem Freizeitpark, das man nach einer Fahrt mit der Wildwasserbahn für fünf D-Mark erwerben konnte. Heutzutage interessiert sich nur noch eine Minderheit für die sperrigen Knipskisten aus dem Hause Polaroid: Künstler, Fotoenthusiasten sowie Nostalgiker.

Doch bei Polaroid will man nichts von einer Kapitulation vor den neuen Technologien wissen. Die Marketingabteilung redet sich das Ende des Instantfilms sogar schön und meldet: "Der Zauber von Instantfotos wird digital." Eine ganze Linie von Innovationen in der digitalen Sofortbildfotografie wurde bereits 2007 vorgestellt. Und im Januar 2008 bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas hat das Unternehmen aus Massachusetts den Distal Instant Mobile Photo Printer präsentiert, einen Apparat im Westentaschenformat, der Bilder aus einer Digitalkamera per Bluetooth oder USB-Kabel in Sekundenschnelle ausdruckt, überall und zu jeder Zeit. Das Gerät funktioniert ganz ohne Tinte - das sagt schon der Name der Technologie "ZINK Imaging". Die Abkürzung ZINK steht für "zero ink" (keine Tinte). Der Minidrucker aktiviert bunte Pixel auf einem speziellen Fotopapier, das die Farbe bereits beinhaltet.

Es lebe das Instantfoto!

Und ganz ehrlich: Wen wundert, dass die Firma Polaroid es nach zehn Jahren Entwicklungsarbeit geschafft hat, ein digitales Fotolabor auf die Größe eines Kartenspiels zu schrumpfen? Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass sich das Unternehmen als Pionier im Sofortbildbusiness zeigt. Allein auf das mechanische Surren wird der Polaroid-Nostalgiker verzichten müssen - und auf den unverwechselbaren Grünstich, der sich gern mal in die alten Polas einschlich. Wer will, kann sich den ja in einem Bildbearbeitungsprogramm zurückholen - in der digitalen Bilderwelt ist schließlich nichts unmöglich.