stern Fotografie Peter Lindbergh - Der Freund


Peter Lindbergh ist einer der weltbesten Fotografen. Während andere ihren Stil bis zur Stillosigkeit wechseln, bleibt Lindbergh seiner Handschrift treu. stern.de zeigt seine Bilder.
Von Jochen Siemens

Übermorgen, sagt Peter Lindbergh, sei er in Los Angeles. Wen er da fotografiere? Reese Whitherspoon, die Schauspielerin, "so einen Hollywood-Star". Lindbergh steht am Fenster seines Büros in einem Pariser Hinterhof, er lächelt. "Übermorgen", sagt er, "und ich weiß noch gar nicht, was ich mit ihr mache." Na ja, irgendwas wird ihm schon einfallen. Er hat doch immer so fotografiert, als ob Linda, Cindy oder Penelope ihm zufällig auf der Straße begegnet wären - und Peter sagte: Einen Moment, wir machen nur ein Foto.

Natürlich war es nicht so, und natürlich waren es hundertmal bessere Aufnahmen, als wir Allerweltsmenschen sie mit unseren kleinen Kameras machen würden. Aber Lindberghs Arbeiten haben immer die Unangestrengtheit des - sicher inszenierten - Zufalls. Man könnte auch sagen, das Konzept der meisten seiner Bilder sei er selbst gewesen. Sein Kopf, sein Bauch, sein Blick. Es gibt wenige Fotografen, deren Bilder ähnlich schwer zu beschreiben sind, weil sie etwas haben, das der Betrachter spürt, aber nicht sieht. Instinkt vielleicht.

Peter Lindbergh trinkt einen sehr schwarzen Espresso und telefoniert mit einem sehr großen Handy, es ist ein hektischer Alltag in seinem Büro, es ist der Alltag der Bilderfabrik Lindbergh. Es gibt Momente, in denen wirkt er wie ein Heizer, der zwischen Bildschirmen, Schreibtischen, Fotoprints und seinen Assistenten umherwandert und Energie herumschaufelt. Und dann gibt es wieder die anderen, die ebenso typischen Lindbergh-Momente, in denen er vor einem steht mit seinem bärigen Gemüt und der Ruhe, die letzten Endes dazu führt, dass er immer wieder die Bilder findet, die man bei "Vogue", "Harper's Bazaar" oder "Elle" sehen will. Lindbergh, der Klassiker, der mit einer Hauswand, einem Strand, einem alten Fabrikloft als Kulisse auskommt und darin Schönheit so fassbar abbilden kann.

Linda, Naomi, Cindy, Claudia und alle anderen

Und doch ist es diesmal anders. Man muss lange mit ihm sprechen, ihn einfach erzählen lassen, um den neuen Lindbergh herauszuhören. Den noch mal aufgewachten vielleicht, den sich neu erfindenden. Denn daran arbeitet er. "Ich habe mich neulich in mein Archiv gesetzt und wollte Bilder aussuchen. Die besten oder die, die mir am meisten sagten. Und da habe ich gemerkt, dass es bei mir eine Zäsur gegeben hat, das war so um 2000. Und deshalb habe ich so eine Art Riegel vor die Jahre davor geschoben, es war eine andere Zeit, sie ist Geschichte." Eine gute Geschichte? "Ja sicher, aber auch eine einfache Geschichte. Es waren die Jahre der Supermodels. Linda, Naomi, Cindy, Claudia und alle anderen. Die waren schon das Foto, die waren vor der Kamera, ich habe gedrückt und fertig. Da reichte ja ein Strand, eine schwarze Wand oder sonstwas. Doch die Supermodels gibt es nicht mehr, und da mussten wir alle wieder anfangen, neu zu fotografieren."

The model was the message, sie waren nur sieben oder acht, aber ihre Gesichter regierten die Welt. Nie zuvor hatten sich die Schönheitsindustrie und die Modefotografie auf eine so prominente und begrenzte Ikonografie geeinigt. Wie Leinwände wurden sie von Fotograf zu Fotograf gereicht - Lindbergh, Meisel, Avedon, Newton, Chin und noch ein paar mehr -, und jeder interpretierte mit seiner Kamera auf und an ihnen herum. Das Ruhrpottkind Lindbergh fand die vielleicht authentischste Sprache im Bild, aber es blieben CindyLindaClaudiaNaomi. Eine Mädchengang, die mit ihrer Prominenz auch Macht entwickelte - selbst fotografisch uninteressante Bilder von ihnen bekamen auf einmal Wert. Da wieder herauszukommen, sich von dieser Klammer wieder zu befreien, war und ist harte Arbeit, sagt Lindbergh.

Ja, es fällt ihm ein anderer Fotograf ein, einer, den er bewundert und den er bedauerte, als er irgendwann mal sah, wie hilflos er sich mit radical- chic-Bildern zurückmeldete. Lindbergh mag den Namen nicht sagen, es waren Bilder, die mit dem Schock spielten, dissonante Provokationen, um gesehen zu werden. "Mein Gott, dachte ich, was macht der denn, damit er nicht vergessen wird", sagt Lindbergh und schaut auf den schwarzen Grund seiner Espressotasse.

Man sollte hier ein wenig die Fotofabrik Mode erklären. Jeden Monat müssen in den Redaktionen von "Vogue", "Harper's Bazaar", "Elle", "W" und wenigen anderen führenden Blättern die Kollektionen des Modedesigns in Bilder übersetzt werden. Nein, nicht einfach in Fotos, sondern in ästhetische Statements des Zeitgeistes oder zumindest in das, was sich die Macher von "Vogue" und "Harper's" darunter vorstellen. Das ist ein volatiler Handel mit Stilen, Ideen und Extremen, manch Avantgardistisches rutscht ins Bizarre, die Models sind mal strohdünn, mal leichenblass, mal roboterhaft, mal puppengleich - einer wie Lindbergh fällt da eher mit seiner klassischen Ruhe auf. So kommt es jeden Monat nicht nur zu einer Bestandsaufnahme der aktuellen Mode, sondern auch zum Spielplatz, Labor und zur Werkschau aktueller Fotografie: Steven Meisel, Steven Klein, Nick Knight, Peter Lindbergh und ein paar andere, der Zirkel ist klein. Und umkämpft.

Ja, sagt Lindbergh, der Prozess, wieder seinen fotografischen Grundnerv zu finden, hatte etwas Reinigendes. Auf der Suche wirft man viele der Moden und sinnlose Spleens der vergangenen Jahre beiseite, "ich wollte das Initial meiner Fotografie wieder auf die Bilder bekommen". Das Urmotiv also, aus dem heraus Peter Lindbergh einmal eine Kamera in die Hand genommen hatte. Schaut man sich seine aktuellen Bilder an, schimmern die Urmotive in vielen Varianten heraus. Es ist der Bauplan der Illusion, der ihn schon immer beschäftigt hat. Es hat etwas Jungenhaftes, wie Lindbergh in Hollywood immer wieder die Kulisse inszeniert, wie er Scheinwerfer, Windmaschinen, Kabel und Personal ins Bild stellt, um dem Motiv "ein Vorher und ein Nachher zu geben", wie er sagt. Und ja, das Theater, Kino, die Papp- und Sperrholzwände New Yorker Straßenzüge in den Paramount Studios von L. A., das ist so ein Ort, der ihn immer wieder anzieht.

Es ist die Ikonografie eines Duisburger Jungen, der die weite große Welt zum ersten Mal im Kino sah und selbst davon träumte, diese Kulissen irgendwann zu durchschauen. In den Universal Studios ist er einmal am Filmhaus von Norman Bates aus "Psycho" vorbeigefahren und hat es wie ein entferntes Fundstück fotografiert. Auf einem anderen Bild einer Modeproduktion laufen zwei Models einem Fahrrad fahrenden Jungen hinterher, im Hintergrund sieht man die Scheinwerfer des Filmteams. Man kann die Scheinwerfer mit der Hand abdecken - sofort verliert das Foto seine Geschichte und wirkt eindimensional.

Lakonisch und elegant

So sind beinahe alle neuen Lindbergh-Arbeiten lakonische und elegante Fundstücke, eine Art "Zwischen den Zeilen"-Sehen des hochglänzenden und perfektionistischen Modebetriebs. Es ist Lindbergs Bildersprache, diesem Betrieb mit kleinen Brechungen die Balance zu nehmen und einen neuen Ein- und Anblick zu verschaffen. Die fotografische Nähe, die man aus seinen Model-Porträts der 90er Jahre kennt, hat Lindbergh, der am liebsten in der italienischen "Vogue" veröffentlicht, auf sein Erleben übertragen.

Manche Fotos vervollkommnen sich dann noch aus seinen Erzählungen. Bei einer Modeproduktion in England etwa suchte er einen männlichen Komparsen für ein Model: "Wir sahen dann so ein Hillybilly-Treffen, die Leute hatten sich alle Schmalztollen gemacht und diese Anzüge angezogen. Ich fragte einen der Männer, ob er sich für ein Foto neben das Model stellen würde. Und als wir so sprachen, sagte er mir, dass er der oberste Gefängniswärter eines Hochsicherheitstraktes ist." Lindbergh schaut auf das Foto und lächelt, ja, das sind Lebensgeschichten, die er in jedem seiner Bilder findet.

Lebensgeschichten, die so erdig sind wie seine eigene. Er ist 1944 geboren, wuchs als Peter Brodbeck in Duisburg auf, begann mit 20 eine Lehre als Schaufensterdekorateur und versuchte sich vergebens als Konzeptkünstler. Brodbeck ging nach Krefeld, studierte Malerei und kaufte sich seine erste Kamera, als sein Bruder Vater wurde und das kleine Kind den jungen Onkel faszinierte. "Kinder", sagt er, "haben so eine natürliche Hingabe vor der Kamera, weil sie noch keine bildliche Vorstellung von sich haben."

Lindbergh wollte raus

Peter ging nach Düsseldorf und wurde Assistent des Werbefotografen Hans Lux. Das war Anfang der 70er Jahre. Fotograf war der neue En-vogue-Beruf, Fotografen waren schick, viele wollten es werden. Darunter einer, der ebenfalls Peter Brodbeck hieß, und so musste sich Peter II. einen neuen Nachnamen suchen. Die Legende sagt, dass er ein Telefonbuch durchblätterte, bei L hängen blieb und "Lindbergh" praktisch fand. Klang deutsch, wurde aber auch in Amerika verstanden. Lindbergh wollte raus, er war ein Wanderer, erst Paris, dann New York. Heute ist er 62, ausgezeichnet mit dem französischen Kulturritter-Orden, ein Abzeichen, das man eigentlich immer am Revers tragen muss. Lindbergh trägt aber keine Jacketts, er scheint in einer hellen Hose und einem Jeanshemd auf die Welt gekommen zu sein.

Er ist nicht modisch, nie. Sondern der "Pieter", vor dessen Kamera sich heute statt der Super-Models die neuen Filmstars aufgehoben fühlen. Sie mögen die poetische Nähe seines Auges und die kleine Brechung, die jedes Bild "echter" aussehen lässt. Und sie mögen seine Technik, sie geschminkt ungeschminkt aussehen zu lassen. Ob es ihn stolz macht, wenn Penelope Cruz anruft und fragt: "Peter, komm bitte, kannst du Fotos machen?" Lindbergh lacht. Und schweigt. Und sagt dann doch: "In ganz kleinen Momenten - ja. Also, wenn Penelope jetzt hier anruft, würde ich nicht sagen, oh schön, hallo, wie geht's? Sondern: Oh, Penelope!, Du bist es!" Dann schaut er wieder in seine leere Espressotasse, und man hätte diesen Moment gern von ihm fotografiert gehabt. Sein Blick, sein Lächeln, sein Bauch, es wäre ein Lindbergh-Foto.


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