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Volker Hinz zum 60.: "Kugelblitz" mit Hamburger Witz

Seit Jahrzehnten porträtiert der Fotograf Volker Hinz für den stern die Berühmten und Mächtigen dieser Welt. Jetzt rückt er selbst einmal in den Mittelpunkt: Ulrike Posche gratuliert zum 60. Geburtstag.

Der Fotograf Volker Hinz ist, wenn man so will, ein zeitgenössischer Maler. Der zeitgenössische Maler unter den großen Fotografen, um genau zu sein. Einer, der die Gesellschaft zeigt, wie sie sich durch alle Zeiten gab und gibt. Ihr Mienenspiel, das Gute, wie das Böse. Ihre Moden, ihre Rituale, die Kaspereien.

Der stern-Fotograf Hinz zeigt die Großen und Größen seiner Zeit, entlarvend bis tief in die Pore. Manch einer will gar nicht so nah von ihm und seiner Haselblad getroffen werden, und entblößt dann doch sich selbst, und alles, was in ihm ist. Im besten Falle sind das Humor und Charakter, im ungünstigsten Eitelkeit, Hoffart und unverhohlener Stolz. "Böse Bilder" hat er letztere genannt. Es sind Schüsse, die er macht, wenn er seine Kamera wie einen Säugling im Arm durch die Menge trägt. Dann blitzt er mal hier mal dorthin. So schnell ist kein Doppelkinn in Deckung gebracht, wie Volker Hinz gucken und schießen kann. Als er die Bilder vor Jahren ausstellte, gab es kaum einen Promi, der sich nicht geehrt fühlte, von Hinz "gemalt" worden zu sein. Das ist in jeden Fall besser und ruhmreicher, als vom Leben gezeichnet. Und das Format, in dem er die jeweilige Stütze der Gesellschaft festhält, ist oft sogar größer als das, was die tatsächlich hat.

Spitzname "Kugelblitz"

Man fragt sich als schreibender Kollege gelegentlich, wie kriegt er das hin, jedes Mal so nah dran zu sein? Volker Hinz ist nämlich kein unauffälliger, kein zierlicher Mann. Im Gegenteil: Seine Statur brachte ihm den schönen Spitznamen "Kugelblitz" ein. Er ist mit seinem entwaffnenden Hamburger "Buttje"-Lächeln immer plötzlich da, strahlt die Menschen an, macht einen Witz, präsentiert seine drolligen Totenkopf-Muster-Krawatten, schon hat er eingeschlagen. Knall auf Fall.

Man glaubt hinterher auf den Fotos zu sehen, was VW-Patriarch Ferdiand Piech mit seinem Adlatus Bernd Pischetsrieder Dunkles im Schilde führt, wenn der noch glaubt, er stehe im Licht. Man ahnt, was Gottschalk über Jauch denkt, und der Monsignore über seinen Papst. Als DaimlerChrysler-Boss Dieter Zetsche neulich während eines Interviews vor einen Abgrund getrieben scheint, erwischt Volker Hinz die Nanosekunde der Angst, der Verzweiflung, der Einsamkeit, des Zorns. Welcher Maler schafft das sonst? Max Beckmann natürlich, Edward Hopper, Pablo Picasso. Von allem ist in den Bildern des Hamburger Fotografen ein bisschen. Von Beckmann das Grelle, von Hopper die Melancholie, von Picasso die Komposition.

Hinz malt Echtzeit

Wenn Volker Hinz jemanden vor der Kamera hat, der sich auf ihn einlässt, der sich professionell und offen, heiter und natürlich gibt, dann sagt er nach der Sitzung gern: "Headquarter likes your style" - es ist das höchste Lob, das er zu vergeben hat. Der Schauspieler Harrison Ford hat es eingesackt, der Entertainer Harald Schmidt, aber auch einer, wie der Berliner Nachtclub-König Rolf Eden, der Künstler Jonathan Meese, der Springer-Vorstand Mathias Döpfner oder der Komponist Hans Werner Henze. Von all jenen hat er Aufnahmen gemacht, die nicht nach den Sitzungen in der Dunkelkammer entstehen, mit laboratorischem Aufwand und grobkörnigem Film. Die Bilder, die Hinz von den Menschen macht, sind denen aus dem Leib gerissen. Und aus dem Leben. Hinz malt Echtzeit. Das kann weh tun und berühren. Es kann auch entlarven, nahe bringen, oder auch abschrecken. Je nachdem.

Der Fotoreporter hat viele Jahre in den USA gelebt. Er hat die legendären Clubs, die Künstler-Szene New Yorks über Jahre festgehalten. Schauspielerinnen, Models, Dichter und Tycoone. Amerika wird für den Mann, der aus der Hobökentwiete im Westen Hamburgs stammt, als junger Mann erst Flugzeugbauer lernte, bevor er Fotograf und Fotoreporter wurde - Amerika wird ihm zur zweiten Heimat und zur zweiten Natur.

Seine erste aber ist und bleibt dem zweifachen Familienvater das Bildermachen. Er kann gar nicht anders als neugierig zu sein, auf Gesichter, auf Gesten, auf jede Gesellschaft, die sich ihm vor die Linse stellt. Sein Fleiß ist dabei so ungebrochen, wie seine Leidenschaft. Er bleibt der jüngste und der wildeste unter den Fotografenkünstlern.

Am 19. Juni wird Volker Hinz 60 Jahre alt.