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WERBUNG: Provokation für den guten Zweck

Schock-Fotograf Oliviero Toscani sorgt erneut für Medien-Wirbel und Gesprächsstoff. Diesmal, indem er Aktfotos von verkrüppelten Osteoporose-Kranken macht.

Auf der Fotografie steht Dan Martell so aufrecht wie er kann. Im richtigen Leben sitzt er im Rollstuhl - der Rücken bucklig, die Beine in Manschetten, Stahlstifte in den Hüft- und Oberschenkelknochen. Der 46 Jahre alte US-Amerikaner ist einer von 23 Osteoporose-Patienten, die dem italienischen Starfotografen Oliviero Toscani (58) für eine Akt-Ausstellung Modell standen. »Es hat mich große Überwindung gekostet. Doch viel wichtiger war mir, auf die Krankheit aufmerksam zu machen«, erzählt Martell bei der Eröffnung der Ausstellung anlässlich des Welt-Osteoporosetages am Samstag in Rom.

Idee kam vom Auftraggeber

Bevor die Arbeit an den Fotografien begann, habe er so gut wie nichts über Osteoporose gewusst, räumt Oliviero Toscani ein. Die Idee zu dem Projekt hatte jemand anderes: Barbara von Stackelberg, Geschäftsführerin des Deutschen Grünen Kreuzes (DGK), hatte Toscani vor zwei Jahren um die Federführung gebeten. Eingewilligt habe er erst, nachdem seine Frau ihm mehr von der Krankheit, »den grausamen Schmerzen und Entstellungen« erzählte. Honorarfrei fotografierte der bekannte Foto-Provokateur vor zwei Jahren in Berlin die Knochenschwund-Patienten im Alter von 25 bis 92 Jahren. Einige durch Knochenbrüche bereits stark verkrüppelt - andere noch aufrecht.

Fotograf war neugierig

Dennoch verhehlt der frühere Werbechef der Bekleidungsfirma Benetton keinesfalls, dass seine Beweggründe nicht nur edle waren. »Ich war einfach neugierig. Neugierig wie die Körper auf dem Papier aussehen würden.« Als Künstler interessiere es ihn nicht, dass einige Ärzte, Angehörige von Kranken und Laien die Bilder als voyeuristisch einstufen. Vor allem die Bilder der alten, teilweise verkrüppelten Menschen wären auf Unbehagen gestoßen, sagt von Stackelberg. Die Modelle seien mit dem Produkt aber hoch zufrieden. Bis Ende Dezember sollen die Bilder durch italienische Museen wandern, voraussichtlich im kommenden Juni kommt die Ausstellung nach Deutschland.

Provokation für den guten Zweck

Mit der Kritik umgehen kann Toscani. Seine umstrittenen Werbe- Fotografien brachten ihm neben Ruhm auch viel Ablehnung ein. Einen frisch geborenen Säugling, die blutgetränkte Kleidung eines gefallenen jugoslawischen Soldaten und einen Aids-Kranken brachte er in den 90er Jahren auf Werbeplakate. Gemeinsam mit der International Osteoporosis Foundation (IOF), der Alliance for Better Bone Health und dem DGK will Toscani nur durch das ungewöhnliche Projekt auf eines der großen Volksleiden aufmerksam machen.

Osteoporose ist Volksleiden

An Osteoporose leiden nach Angaben des DGK allein in Deutschland derzeit vier bis sechs Millionen Menschen. Vor allem Frauen sind auf Grund der Veränderung ihres Hormonhaushaltes in der Menopause und durch ihre höhere Lebenserwartung betroffen. Dennoch wissen junge Menschen viel zu wenig über die Möglichkeiten der Vorbeugung. Zum Ausbruch kommt Knochenschwund meist erst im hohen Alter. Bei einem scheinbar harmlosen Sturz bricht der Knochen. Besonders schmerzhaft und bei Nichtbehandlung tödlich ist ein Wirbelbruch.

»Wir wollen die Leute auf der emotionalen Schiene erreichen«, sagt von Stackelberg. Aber nicht nur Gefährdete, sondern vor allem die Politik wollen deutsche und europäische Osteoporose- Hilfsverbände aufrütteln. Die teure Behandlung dürfe nicht erst nach dem ersten Knochenbruch einsetzen, so die Forderung. Die frühe Diagnose und gezielte Vorbeugung solle ein selbstverständlicher Teil des Gesundheitswesens werden. »Meine Arbeit ist getan«, sagt Toscani. »Nun müssen Ärzte und Politiker ihre machen.«

Dorothea Jantschke