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Bordeaux-Weine: Gute Tropfen für kleines Geld

Bordeaux-Weine sind sündteuer und kompliziert? Mit diesem Vorurteil gilt es aufzuräumen: Die französische Weinregion hält Feines für jeden Geldbeutel und Geschmack parat.

Von Karin Spitra

Seit Hunderten von Jahren haben die Weine aus Bordeaux, egal ob rot oder weiß, ob fruchtig oder süß, den Menschen hohes Trinkvergnügen bereitet. Leider leiden die Weine aus dem Bordelais unter dem Image zu teuer und prätentiös zu sein. Dabei führt der Konsum einer guten Flasche Bordeaux-Weins nicht gleich in den wirtschaftlichen Ruin. Und der Wein muss auch nicht direkt nach dem Kauf ein Vierteljahrhundert im Keller verschwinden, bevor er die optimale Trinkqualität erreicht hat.

Der Bordeaux-Weinverband CIVB will nun diesem Vorurteil mit der Aktion "100 Bordeaux für alle" entgegenwirken und das Bild von Bordeaux neu definieren. Im Mittelpunkt der Kampagne stehen 100 Bordeaux-Weine für jeden Tag mit einem attraktiven Preis-Genuss-Verhältnis. Alle Weine liegen im mittleren Preissegment zwischen vier und fünfzehn Euro. Ganz selbstlos ist diese Aktion allerdings nicht: Der CIVB will damit auch den veränderten Konsumgewohnheiten Rechnung tragen. So haben sich der Geschmack und die Erwartungen der Verbraucher geändert und auch das Eintrittsalter der Weintrinker nimmt zu. Außerdem machen die weltweite Überproduktion und die aggressive Konkurrenz anderer Weinanbauregionen den Bordeaux-Weinen zu schaffen.

Deshalb hat ein Team von fünf professionellen Verkostern - Weinexperten und Sommeliers - über 250 Weine in einer großen Blindprobe analysiert. Diese Weine wurden von Weinfachhändlern oder Importeuren für die Probe zur Verfügung gestellt. Die einhundert überzeugendsten Beispiele, was Bordeaux heute im Preisbereich unter 15 Euro für den Weinfreund anzubieten hat, wurden schließlich ausgewählt. Alle Weine sind auf der Homepage www.100bordeaux.de mit einer Beschreibung, der Bezugsquelle und Preisspanne aufgelistet. Exklusiv für stern.de hat außerdem Markus Del Monego, Sommelierweltmeister 1998 und Master of Wine, zehn Weine vorgestellt, die unter den 100 noch besonders aufgefallen sind.

Der fruchtbare Südwesten Frankreichs, die Region Aquitanien, ist die Heimat der Bordeaux-Weine. Dort, wo kaum ein Fleck dem anderen gleicht, bringt beinahe jede Ortschaft einen anderen, einen besonderen Wein hervor. Der Grund für eine derartige Vielfalt? Die Weite des Landes, das ganzjährig milde Klima, ein Mosaik unterschiedlichster Böden und reichlich Feuchtigkeit. Dieses Zusammenspiel von Klima und Boden – kurz Terroir genannt – ist einer der Schlüsselbegriffe der Bordelaiser Weinphilosophie. Unter diesen Bedingungen gedeiht auf den sonnigen Hängen eine große Palette verschiedenster Weine: Rosés, rote, weiße und goldfarbene Weine – in Qualität und Geschmack keiner wie der andere.

Heimat weltbekannter Weine

Doch auch die Geschicklichkeit der Bordelaiser im Umgang mit der Rebe und ihr traditionell hoher Anspruch tragen zum guten Ruf der Region bei. Bordeaux-Weine tragen das Siegel der "Appellation d’Origine Contrôlée". Diese kontrollierte Herkunftsbezeichnung - kurz AOC genannt - garantiert, dass der Wein aus einer bestimmten Region kommt, die wiederum strengen Produktionsbedingungen unterliegt. Insgesamt kommen jährlich etwa 740 Millionen Flaschen Bordeaux-Wein in den Verkauf. Dabei wird der Preis wesentlich von der Konkurrenzlage und der Nachfrage auf den internationalen Märkten bestimmt.

Allerdings muss man bei den Preisen die legendären Crus Classés von den anderen Weinen der Region unterscheiden. Bei den Grand Crus greift mittlerweile aufgrund ihrer Seltenheit und ihres Prestiges auch ein rein spekulativer Charakter. So entstehen bei manchen Jahrgängen durch die starker Nachfrage beträchtliche Preisunterschiede zu den anderen Bordeaux-Weinen. Doch die Mehrzahl der Bordeaux sind fröhliche Trinkweine - werden doch knapp 95 Prozent der Weine spätestens einen Tag nach dem Einkauf auf getrunken, wie Markus Del Monego, bislang einziger deutscher Weltmeister aller Sommeliers, mitteilte.

Unkomplizierter Genuss

Deshalb muss man Bordeaux-Weine auch nicht unbedingt jahrelang ruhen lassen, sondern kann sie gleich nach dem Kauf trinken. Falls der Wein dem ungeduldigen Trinker noch zu "pelzig" ist, empfiehlt Weinexperte Del Monego, den Wein schlicht zu dekantieren. "Es gibt in fast jedem Supermarkt schon recht ordentliche Weinkaraffen für fünf Euro. Die erfüllen hervorragend ihren Zweck, um richtig Luft an den Wein zu lassen." Dann spart man sich auch stundenlanges Stehenlassen der Flaschen. Und auch ein Weinkeller tut laut Del Monego nicht Not: "Ganz schlecht ist es, den Wein in der Küche zu lagern. Das sieht zwar hübsch aus, ist aber für die Flaschen nicht gut. Viel besser ist eine Lagerung am kühlsten Ort der Wohnung - und das ist meist im Schlafzimmer unterm Bett," so Del Monego. Mit diesem Wissen kann man dann unter den vielen hervorragenden Weinen zugreifen. Denn gute Qualität ist durchaus auch zu einem erschwinglichen Preis zu haben - zumindest beim Bordeaux.

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