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Deutscher Prädikatswein: Zwischen Himmel und Aldi

Am Traubenadler kann man sie erkennen. Die Weine vom Verband Deutscher Prädikatsweingüter genießen höchste Anerkennung. Doch sind die ersten Flaschen mit dem Adler auch schon beim Discounter gelandet. Jetzt gibt es Streit.

Von Bert Gamerschlag

Niemand wird bestreiten, dass man auf dem Rummel durchaus wundervolle Frauen und prachtvolle Kerle treffen kann. Sogar fürs ganze Leben. Aber suchte man einen Partner für immer, mit dem man sich bedenkenlos und sofort auch an den Tisch des nächsten Staatsbanketts setzen könnte, würde man das nicht auf dem Rummel tun. Nicht gezielt jedenfalls. Eher würde man in einer höheren Bildungsanstalt fündig.

Die erste Liga

Womit wir beim VDP wären, dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter. Dieser Verband ist, auf dem Felde des deutschen Weinbaus, das Institut mit den höchsten Weihen. Seine Mitglieder geben nichts weniger als ein "Eliteversprechen". Sie sind die "erste Liga". Abgänger dieser Schule sind zwar auch nur Flaschen, aber es sind Flaschen mit Prädikat - besonders wertvoll. Was den Inhalt betrifft. Ebenso, was den Preis angeht. Unter ihnen findet man wahre Freunde, Partner fürs Leben, brillant, stahlig, mineralisch, schlank - beneidenswert gut.

Rund 25.000 Winzer gibt es in Deutschland, nur 199 gehören dem VDP an. Auf vier Prozent der deutschen Rebfläche erntet der Verband gerade mal 2,5 Prozent der deutschen Weinmenge, erlöst dabei aber zwölf Prozent des Gesamtumsatzes. Das deutet auf höhere Preise - im Durchschnitt sind es neun Euro pro Flasche, aber diese Preise werden gezahlt, sonst gäbe es die Erlöse nicht. Der Grund dafür ist Qualität.

Wo findet man Qualität, ohne sich jahrelang durch sämtliche Flaschen schlürfen zu müssen? Nicht im Supermarkt, das ist der Rummel. Die Wareneinräumer dort weisen gern den Weg von der Gelatine zum Streuzucker. Selten aber können sie sagen, ob die Flasche 2003er Forster Ungeheuer in unserer Hand die verlangten 11,30 Euro wert ist und ob ihr Inhalt zu Lachs mit Sauerampfer passt.

Strenge Regeln

Besser, man geht direkt zum Winzer. Kennt man keinen, dann zum Fachhandel. Dort kann man sich mit ein paar Namen vertraut machen lassen, Namen von Winzerfamilien, die seit Jahrzehnten oder noch länger für anerkannte Qualität stehen. Orientierung im Dickicht der deutschen Weinnamen bietet der VDP - und das ohne viele Worte. Er nutzt lieber ein Symbol: den Traubenadler. Auf der Kapsel, die den Flaschenhals mit dem Korken umschließt, prangt ein schematisierter Greif mit einer Traube auf der Brust. Der Adler steht für deutsch, für kaiserlich deutsch - also für ganz oben. Die Traube steht für Wein. Das Symbol sagt: "Ich bin gut, vertrau mir!"

Doch kann man dem Vogel wirklich trauen? Nun, immerhin gibt es den VDP jetzt im hundertsten Jahr. Seine Mitglieder dürfen von sich behaupten, die weltälteste Winzervereinigung zu bilden. Das ist doch schon mal was. Während der sonstige deutsche Weinbau mit inflationären Gütesiegeln und Kammerpreismünzen daherkommt, steht hinter dem Traubenadler ein ernst zu nehmendes Qualitätsversprechen, das am Ende schmeckbar ist.

Natürlich gibt es auch außerhalb des VDP Spitzenwinzer, doch Massen sind es sicher nicht. Umgekehrt dümpeln im VDP immer ein paar trübe Tassen. Von 161 Weingütern, die 1990 im Verband waren, wurden bis heute 67 gegangen. Dafür kamen 105 neu hinzu. Den alten wie den neuen Mitgliedern ist ein strenges Reglement auferlegt: 1. in den besten Lagen eine krasse Erntemengenbegrenzung; 2. ein zunehmend an ökologisch nachhaltigen Erkenntnissen orientierter Anbau und 3. eine weitgehende Beschränkung auf traditionsreiche Rebsorten, besonders den Riesling. Zu 1: Je weniger Trauben ein Rebstock trägt, desto konzentrierter wird der Wein. Zu 2: Je gesünder der Boden und die Rebstöcke, desto weniger werden sie krank. Zu 3: Die traditionsreichen Rebsorten sind an unser Klima hervorragend angepasst und liefern überdurchschnittlich gute Weine.

"Ich möchte mehr Drive reinkriegen"

Ein Kataster aller Lagen, in denen "Große Gewächse" nach VDP-Richtlinien erzeugt werden dürfen, besteht schon und wird weiter ausgebaut. Es listet die Weinberge, die in Bodenbeschaffenheit, optimaler Exposition und klimatischer Bevorzugung besonders wertvoll sind. Aus ihnen, so das Versprechen, kommen unverwechselbare Weine. Knallharte Qualitätskontrollen alle fünf Jahre sollen das Niveau der Verbandswinzer aufrechterhalten - und zwar in Eigenregie der Mitglieder, wobei ihre Anforderungen die des Weingesetzes weit überschreiten.

Kein Winzer kann dem VDP einfach so beitreten. Man kann sich noch nicht einmal bewerben. Man wird gebeten beizutreten. Das ist gemein. Denn die Entscheidung trifft nicht der Verband im Ganzen, sondern der jeweilige Regionalverband, von denen es neun gibt. Das begünstigt den Klüngel. Widerborstige, charakterscharfe Winzer haben manchmal keine Chance, weil ihre Nase den regierenden Granden nicht passt. Andererseits: Das System funktioniert. Bis jetzt.

Seit zwei Jahren hat der VDP einen neuen Präsidenten, Steffen Christmann, 44. Der Pfälzer ist Aushängeschild einer neuen Generation - ohne Lodenjanker und Hirschhornknöpfe. Er schlägt andere Töne an: "Ich möchte mehr Drive reinkriegen", sagt er, "der VDP muss der Stachel im Fleisch des deutschen Weinbaus sein."

Adler vs. Aldi

Provokant gesagt. Dabei sitzt dem VDP selbst ein Stachel im Fleisch, seit der Rheingauer Verbandswinzer Hans Lang aus Hattenheim 2008 aus der Elitereihe tanzte und erstmals einen schönen Riesling samt Traubenadler an Aldi Süd vertickte - und mit ihm das mühsam aufgebaute Image: "Ich habe 60.000 Flaschen Riesling Classic geliefert, die Aldi für 7,99 Euro verkauft hat", sagt Lang stolz.

Seitdem schwelt es im Verband. Sind die Gegensätze nicht unvereinbar, die Schnäppchenjäger von Aldi und der edle Adler? Lang jedenfalls war ein viel gefragter Mann. Aldi-Fans wollten nachbestellen. VDP-Kollegen erkundigten sich, wie sie auch ein Stück vom Kuchen abbekämen. Für Lang und die VDP-Winzer, die ihm folgen werden, ist Aldi nur ein neuer Vertriebsweg. Für andere zerbricht ein Weltbild. Wir hier oben, ihr da unten - es war so schön einfach, jetzt kommt alles durcheinander.

Aber dass gute Aktionsweine ab und an nun auch bei Aldi im Regal stehen, dagegen sollte nichts einzuwenden sein. Erst recht nicht, wenn es VDP-Weine sind.

Mitarbeit: Cornelius und Fabian Lange / print
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