HOME

Kaminweine: Seelenwärmer und Gaumenschmeichler

Die Krise quält. Es knirscht im Staatsgebälk. Ans Fenster prasselt starker Regen. Was tun? Wacker gewehrt bei Tage! Und abends Entspannung gesucht, bei einem Glas Wein am offenen Feuer. Passende Kaminweine finden Sie hier - vom stern getestet und gewürdigt.

Von Christian Wenger

Rot sollten sie sein und trocken. Ihr Alter, ihre Herkunft, die Rebsorte, das alles spielte keine Rolle, selbst nicht der Preis. Wenngleich von Geld noch zu reden sein wird. Hauptsache war, dass die Weine jetzt, hier und heute, in den nahenden Weihnachts- und Wintertagen optimalen Trinkgenuss bieten, dass sie Lust machen auf den nächsten Schluck. Wir nannten sie: Kaminweine. Im Oktober verkostete eine 22-köpfige Jury im Hamburger Anglo-German Club in einer Blindprobe mehr als 200 davon, um für die stern-Leser eine Vorauswahl der guten wie der günstigen Weine zu treffen - und die zu finden, die womöglich beides sind: gut und günstig. Nicht nur Punkte waren zu vergeben (maximal 100 pro Wein), die Juroren sollten auch sagen, wie viel ihnen persönlich jede Flasche im Laden wert wäre.

Man sollte ihn als Solisten trinken wollen, ohne dass er ein Gericht als Begleiter benötigt. Weder sollte er marmeladig dick sein noch von tief schwarzer Farbe, dafür aber Mehrdimensionalität bieten und ein möglichst vielschichtiges Geschmacksund Geruchserlebnis vermitteln - und dazu die Leichtigkeit, mit der Karajan dirigierte. Ein solcher Wein verströmt idealerweise Ruhe und Langsamkeit.

Alter ist keine Garantie für höchsten Trinkgenuss

Die stern-Jury probierte Weine zu Preisen zwischen 4,50 Euro und 140 Euro für die 0,75-l-Flasche, der Durchschnitt lag bei 23,89 Euro. Der älteste Wein war aus dem Jahrgang 1979, der jüngste von 2007. Dass die teuersten Weine auch die meisten Punkte bekommen würden, erwartete niemand. Ebenso wenig, dass Alter und damit Reife eine Garantie für höchsten Trinkgenuss sein würden; oder umgekehrt extreme Jugend, fruchtige Frische und ein Preis pro Flasche knapp über dem für drei Liter Benzin.

Das Ergebnis bestätigt: Die 49 Weine ganz oben auf dem Treppchen (mit über 88 Punkten, die als internationales Level für eine Goldmedaille gelten) sind definitiv nicht zu Preisen zu bekommen, die bei fünf Euro liegen: Gerade mal vier der Weine aus der Topliga liegen unter 10 Euro, 14 weitere zwischen 10 und 20 Euro, der Rest kostete bis zu 119 Euro.

Auch Reife scheint den Weinen gut zu bekommen, neun der Gewinner stammen aus dem vergangenen Jahrhundert. Alle vorn platzierten Weine kommen von Herstellern, die seit vielen Jahren für gute bis erstklassige Qualität bekannt sind. Auffällig dabei, wie gut sich Frankreich schlägt, insbesondere Bordeaux.

Einige Weinhändler und -versender reichten Weine ein, die die Anforderungen der Probe nicht erfüllten, die entweder zu jung waren oder den optimalen Reifepunkt bereits überschritten hatten.

Neben den berühmten und teils (über)teuren Blue Chips und Hochgewächsen aus den fünf Klassifikationslagen im Bordeaux machen auch weniger glamouröse Châteaux Weine, die eigentlich längst unter die klassifizierten Grand Crus gehören: Die beiden Bordeaux Château de Pez und Poujeaux, die in der stern-Probe hervorstachen, spielen zwar nur in der Liga der sogenannten Crus Bourgeois, können aber, wie noch eine Reihe weiterer Bordeaux-Betriebe, wesentlich mehr - und das zu deutlich freundlicheren Preisen.

Nicht weiter von Bedeutung scheint für einen Kaminwein die Herkunft oder die Rebsorte der verarbeiteten Trauben. Auch schneidet nicht, wie vielleicht mancher vermutet, die Alte Weinwelt besser ab als die Neue. Verblüffend dagegen oft die Relation von Qualität und Preis, die Frage: Bei welchem Wein kostet ein Qualitätspunkt am wenigsten? Hier sind die 25 besten Weine alle unter zehn Euro zu haben! Zwar schaffen nur vier davon so eben die 88 Punkte fürs Gold, doch alle punkten in Silber und Bronze. Gleich fünf dieser Weine schätzten die Juroren aufgrund der Qualität teurer ein, als sie es tatsächlich waren.

Insgesamt nahm die Jury bei 219 getesteten Weinen 130-mal einen höheren Preis an. Ab einem bestimmten Preis scheinen Nase und Gaumen keine qualitativen Unterschiede mehr wahrnehmen zu können. Da muss erst das Wissen um den Wein und den Markt dazukommen, um ein Erzeugnis als besonders edel einzuordnen.

Wie teuer das Image eines Weines werden kann, ist seit Langem bekannt. Auch bei besten Bedingungen und aufwendigster Herstellung, bei eifrigem Marketing und viel Werbung kann eine Flasche Wein in der Produktion eigentlich nicht teurer sein als 28 Euro. Der Rest ist Image und eine Sache von Angebot und Nachfrage. Bislang wurden die Preise durch die neuen Etikettentrinker in Russland und Asien hochgetrieben. Jetzt, in der Krise, kann sich das ändern. Hoffentlich.

print
Themen in diesem Artikel