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Einweg-E-Zigaretten Der gefährliche Elf-Bar-Hype der Generation Z

Elf Bar Werbung
 Elf Bar setzt in seiner Werbung auf junge Menschen, bunte Farben und Leichtigkeit. Dabei ist das Produkt keineswegs so harmlos, wie es daherkommt
© Elf Bar
Lange galten E-Zigaretten bei jungen Menschen als peinlich. Inzwischen ist um die Einweg-Vapes der chinesischen Marke Elf Bar ein regelrechter Hype entstanden. Die Hintergründe einer gefährlichen Erfolgsgeschichte.

Während klassische Zigarettenschachteln und vollgestopfte Aschenbecher immer seltener das Stadtbild von deutschen Metropolen prägen, kommt man in diesem Sommer an einem Trend kaum vorbei: bunten Einweg-Vapes. Die E-Zigaretten ähneln der Form eines Textmarkers und wirken mit ihren bunten Farben und Geschmacksrichtungen äußerst harmlos. Jugendliche wissen, dass sie mit ihren Elf Bars nicht dieselbe Ästhetik haben wie Westernhelden oder Rockstars mit einer lässigen Kippe im Mundwinkel. Sie wissen auch, dass es gesundheitlich keine guten Folgen für sie haben wird. Trotzdem folgen viele dem Trend, wenn auch ein wenig ironisch.

Dass die Elf Bar in diesem Sommer als das Accessoire der Generation Z gilt, ist erstaunlich. Schließlich standen herkömmliche E-Zigaretten und Vaper in diesem Umfeld lange Zeit für das ultimativ Uncoole. Kurz nach deren erster Verbreitung vor fünf Jahren verspottete man die Dampfgeräte im Netz mit dem Bild des klassischen "Vape Bros" – lange Haare, karierte Cargoshorts, umgeben von einem Nebel aus "Strawberry Cheesecake".

Heute kann man den süßen Wolken auch an den angesagtesten Spots der jungen Generation kaum noch entkommen. Besonders in Bars und Diskotheken ist der Dampf so präsent, dass Erinnerungen an Axe Dark Temptation in der Schulumkleide geweckt werden. Wie konnte sich die totgeglaubte Technologie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen also doch noch durchsetzen?

Elf Bars enthalten Nikotin

Für Christina Schadt von der Fachstelle Suchtprävention Berlin liegt der Hype der Einweg-E-Zigaretten vor allem im Produktdesign. "Sie sind bunt, sehen aus wie Textmarker aus der Stiftemappe und werden in jugendaffinen Geschmacksrichtungen wie Melon, Zuckerwatte, Cola oder Lemon angeboten. Eltern und Pädagog:innen erkennen die E-Zigaretten oft gar nicht als ein Rauchprodukt, wenn sie es bei Jugendlichen finden." Die Einweg-Vapes seien zudem leicht zugänglich. Sie müssen weder aufgeladen noch aufgefüllt werden, sondern können direkt konsumiert werden. Eine E-Zigarette beinhaltet bis zu 600 Züge. Der Preis von sieben bis zehn Euro ist daher im Vergleich zu einer herkömmlichen Schachtel Kippen erschwinglich.

Die mit Abstand beliebtesten Einweg-Vapes stammen von der chinesischen Marke "Elf Bar". Auf dem deutschen Markt werden sie vom Importeur und Großhändler Fumatul Distribution GmbH vertrieben. Deren Inhaber und Projektleiter Reyis Can Tirpan bestätigte vor Kurzem in einem Interview mit dem YouTuber "tomatolix" bundesweit rund drei bis vier Millionen Elf Bars im Monat zu verkaufen. Die Nachfrage würde derzeit zudem exponentiell steigen.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Zigaretten wird bei E-Zigaretten kein Tabak verbrannt. Stattdessen wird eine spezielle Flüssigkeit durch eine Heizspule verdampft. Allerdings enthalten auch sie Nikotin, selbst wenn es einem durch Werbung oft anders suggeriert wird. "Nikotin ist schädlich für das Herz-Kreislauf-System und erhöht das Risiko für Krebserkrankungen", erklärt Schadt. Zudem erzeugen die Einweg-E-Zigaretten inhalierbare Aerosole, die eine Reihe von entzündungsfördernden, sensibilisierenden und gentoxischen Substanzen, wie Propylenglykol, enthalten. Deren Langzeitfolgen sind noch nicht erforscht. Der Verband des eZigarettenhandels widerspricht erwartungsgemäß auf Anfrage des stern. Das Risiko beim Rauchen von E-Zigaretten an Krebs zu Erkranken sei etwa 99 Prozent niedriger als bei herkömmlichen Zigaretten. Geschäftsführer Oliver Pohland betont zudem erneut die Rolle der E-Zigarette beim Rauchstopp. 

Erfolg bei Jugendlichen über soziale Medien

Besonders zu dem Erfolg beigetragen haben wie bei den meisten jugendlichen Trends auch hier soziale Medien, insbesondere Instagram und TikTok. Hier präsentieren Minderjährige und junge Erwachsene stolz ihre bunten Sammlungen von Elf Bars und rezensieren neue Geschmacksrichtungen. Das wohl prominenteste Beispiel ist der Streamer MontanaBlack. In seinen Auftritten auf Twitch taucht er immer wieder mit Elf Bars auf und verkündet, so von herkömmlichen Zigaretten runtergekommen zu sein. Jede:r der schon mal einen "Monte"-Stream gesehen hat weiß, dass das nicht leicht gewesen sein kann. Spätestens durch den Hype auf Twitch gingen die bunten Stifte schließlich auch in Deutschland durch die Decke.

Insbesondere junge Erwachsene finden immer mehr Gefallen an den bunten E-Zigaretten. Im Gespräch mit dem stern teilt die 22-jährige Fanny ihre Erfahrung. "Ich habe zum ersten Mal von Elf Bar durch eine Freundin aus Amsterdam erfahren. Dort gibt es das schon etwas länger als hier in Deutschland", erzählt sie. "Ich finde es einfach praktisch und lecker. Ich habe mal geraucht, aber inzwischen schmecken mir normale Zigaretten nicht mehr. Deshalb bin ich auf Elf Bars umgestiegen."

Dem 25-jährigen Cedric erging es ähnlich. Er schwankte in der Vergangenheit immer wieder zwischen den Stadien Ketten- und Partyraucher. Irgendwann war er von dem Gestank genervt und wurde durch einen Twitch-Stream auf die Einweg-E-Zigaretten aufmerksam. "Ich habe normale E-Shishas immer verabscheut", meint er. "Elf Bars waren da anders: klein, handlich und es kam kein Wüstensturm heraus." Eigentlich war sein Ziel, mit Elf Bars vom Rauchen wegzukommen, doch schnell kam er in eine ganz neue Form der Abhängigkeit. Nach dem ersten Ausprobieren waren die E-Zigaretten direkt ständiger Begleiter. "Es hat irgendwann einfach überhandgenommen. Auf dem Hin- und Rückweg zur Arbeit, am Schreibtisch im Homeoffice, abends im Bett. Im Urlaub und beim Feiern habe ich teilweise mehr geraucht als geatmet." Irgendwann bemerkt Cedric, dass er immer häufiger unter Zahnschmerzen leidet und schafft es, wieder aufzuhören. Heute rät er von den Einweg-Zigaretten ab und ist schockiert, wie viele minderjährige Elf-Bar-Raucher:innen das Stadtbild prägen.

Unter den 12- bis 25-Jährigen in der deutschen Bevölkerung ist die Zahl der Jugendlichen, welche mindestens einmal an einer E-Zigarette gezogen haben in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Während 2012 lediglich rund 15 Prozent mindestens einmal konsumierten, waren es im vergangenen Jahr bereits 27 Prozent. Dies geht aus Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZGA hervor. Der Konsum herkömmlicher Tabakzigaretten sinkt zeitgleich seit Jahren kontinuierlich.

E-Zigaretten bald wohl nur noch ohne Aromen

Auch in der Berliner Suchtprävention melden sich in den letzten Wochen immer mehr Jugendliche, Eltern und pädagogische Fachkräfte, die von Problemen mit Elf Bars berichten. Christina Schadt sieht besonders im hohen Abhängigkeistpotential von Jugendlichen eine große Gefahr. "Je früher man damit anfängt, desto schwerer ist es wieder aufzuhören. Durch die besonderen Geschmacksrichtungen wird eine neue Zielgruppe fürs Rauchen erschlossen, die keine herkömmlichen Zigaretten rauchen würden", meint die Leiterin der Suchtprävention. "Junge Menschen, die noch nicht rauchen, werden mit den Produkten an das Dampfen herangeführt. Durch den süßen Geschmack und einem Dampf, der nicht im Hals kratzt, entsteht der fälschlicherweise der Eindruck, etwas Harmloses zu konsumieren."

Nicht zuletzt deswegen sieht die EU-Kommission die E-Zigaretten äußert kritisch. Derzeit wird an einer Neufassung der Tabakproduktrichtlinie gearbeitet. Darin könnten erstmals weitreichenden Einschränkungen für E-Zigaretten festgelegt werden. Schließlich sind diese gegenüber Tabakzigaretten kaum reguliert – bei den Produkten ebenso wenig wie im Handel. Da besonders Aromen und Menthol die Attraktivität des Rauchens erhöhen und den Einstieg fördern, empfiehlt eine richtungsweisende Studie des Scientific Committee on Health, Environmental and Emerging Risks die Stoffe auch bei E-Zigaretten zu verbieten. Bis Ende des Jahres will die EU-Kommission ihre Vorschläge veröffentlichen. Einige Mitgliedsstaaten reagieren schneller. Dänemark hat bereits letztes Jahr ein weitreichendes Aromen-Verbot verhängt, 2023 sollen Schweden und die Niederlande folgen.  

Wegwerfprodukte sind schlecht für die Umwelt

Neben den negativen gesundheitlichen Folgen haben Elf Bars auch einen extrem schlechten Einfluss auf die Umwelt. Wegen des integrierten Akkus müssen die Einweg-Vapes eigentlich in einem Wertstoffhof oder im Elektroschrott entsorgt werden. Die meisten schmeißen die bunten Stäbchen allerdings einfach in den nächstgelegenen Mülleimer. So gelangen diverse Schadstoffe in die Umwelt. Online-Shops sind dazu verpflichtet, über diese Gefahr und eine gerechte Entsorgung zu informieren. Den höchsten Absatz machen die E-Zigaretten allerdings in Kiosken, wo man in der Regel nicht darauf hingewiesen wird. Daher ist selbst der Interessenverband des eZigarettenhandels nicht besonders gut auf Elf Bars zu sprechen. Sie raten zu aufladbaren und wiederfüllbaren Alternativen, um den Umwelteinfluss der Produkte so gering wie möglich zu halten.

Die Auswirkungen auf die Umwelt lassen inzwischen auch Fanny an ihrem Elf-Bar-Konsum zweifeln. Dadurch dass man sie bei Partys oder zuhause auch drinnen nutzen kann, hat ihr Dampfverhalten in den letzten Monaten schon deutlich zugenommen, erzählt die 22-Jährige. Trotzdem sagt sie im stern-Gespräch und wohl auch zu sich selbst: "Ich habe nicht vor, das besonders lange zu machen. Momentan habe ich einfach eine Elf-Bar-Phase. Ich brauch es aber nicht."

Quellen:The Independent, Welt, RBB

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