Eine war Krankenpflegerin, eine Managerin, eine Kosmetikerin. Eine liebte Mittelalter-Rock, eine den HSV, eine andere Sekt in Dosen. Eine freute sich auf ein neues Leben nach der Trennung. Eine war frisch verliebt. Eine hatte große Angst. Viele von ihnen hatten Kinder, manche Enkelkinder.
Sie alle waren Frauen, die im vergangenen Jahr umgebracht wurden. Von ihrem Partner, ihrem Ex-Partner oder von einem Mann, der gern ihr Partner gewesen wäre. Mindestens jeden vierten Tag starb deshalb im vergangenen Jahr in Deutschland eine Frau.
Wie soll sich eine Gesellschaft verhalten, wenn Frauen im eigenen Zuhause getötet werden? Wenn sie überfahren werden, erschlagen oder angezündet?
Wie soll sich eine Gesellschaft verhalten, wenn Frauen das Leben genommen wurde, weil sie sich trennen wollten? Weil sie sich nicht oder nicht mehr von einem Mann kontrollieren ließen? Weil sie einen neuen Partner hatten? Weil sie sich nicht verhielten, wie es von ihnen erwartet wurde?
Ein häufiger Reflex ist es, sich für die Täter zu interessieren, für ihre Motive. Die Frauen, ihr Leben, ihre trauernden Kinder oder Freunde mit ihrem Verlust verschwinden dagegen schnell hinter Zahlen, in Kriminalstatistiken. Und meist, vor allem in Deutschland, sind diese Statistiken lückenhaft, unvollständig und deshalb nur bedingt aussagekräftig.
Das ist der Grund für diese Serie. Ein Team des stern hat versucht, alle Partnerschaftstötungen des Jahres 2025 und ihre Hintergründe zu dokumentieren. Mit einer exklusiven Datenanalyse hat es Gerichtsurteile von Fällen aus dem Jahr 2024 ausgewertet, um die Hintergründe und die Rechtsprechung aufzuarbeiten.
Vor allem aber wollen wir von den Opfern erzählen, nicht von den Tätern. Von Franziska, Sarah, Aleyna, nicht von Stefan, Dragan, Marvin. Dafür haben unsere Reporterinnen und Reporter mit Freundinnen, Geschwistern oder Müttern gesprochen. Was wollten die getöteten Frauen anfangen mit ihrem Leben? Wovon träumten sie? Was machte sie wütend? So sind zehn Nachrufe entstanden, die das Leben der Frauen zeigen wollen und nicht nur ihren Tod.
Ein Kalender visualisiert die traurige Bilanz des zurückliegenden Jahres. Er dokumentiert die Todestage – und die Fälle, die sich dahinter verbergen.
Die Datenanalyse von Fällen aus dem Jahr 2024 zeigt einige Muster, die auch eine heikle Frage aufwerfen:
Haben deutsche Gerichte das gesellschaftliche Problem hinter diesen Fällen verstanden? Laut der Analyse werteten sie die Fälle von Partnerschaftstötungen häufig als Totschlag. Zusätzlich zeigt die Auswertung, welches Motiv in den meisten Fällen am wahrscheinlichsten war: die Trennung der Frau.
Das gesamte Rechercheteam: Ingrid Eißele, David Holzapfel, Jana Luck, Johanna Wagner, Isabelle Zeiher
Verifikation: Michael Lehmann-Morgenthal, Christian Schwan, Andrea Wolf
Grafik: Catharina Cerny, Nikolas Janitzki
Digitales Storytelling & Datenvisualisierung: Tatjana Anisimov-Wippermann, Nils Erich, Patrick Rösing
Koordination: Johanna Wagner, Isabelle Zeiher
Leitung: Félice Gritti, Marc Neller
Was die Politik tun kann, um die Lage für Frauen zu verbessern, dazu haben wir Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) interviewt. Sie sagt: "Wir haben in Teilen der Gesellschaft immer noch ein Frauenbild, das sehr traditionell und altmodisch ist. Und natürlich ist auch die Justiz ein Spiegel der Gesellschaft."