Niemand hat es kommen sehen, dass im Jahr 2026 ausgerechnet ein feministisches Thema die Öffentlichkeit erschüttern wird. Wir hatten uns daran gewöhnt, nur noch über Trump, Putin und Autokraten zu reden. Der Backlash für Frauen und Minderheiten wurde von vielen Menschen achselzuckend akzeptiert. Doch nun ist unser Alltag wieder auf der Tagesordnung: Collien Fernandes' Kampf gegen Deep-Fakes hat durch die Dimension der digitalen sexuellen Gewalt ein Erdbeben ausgelöst. Nun heißt es: So kann es nicht weitergehen. Woher diese Wucht?
Fernandes' Geschichte kommt keineswegs aus dem Nichts. Auch Femizide finden vor allem in nahen Beziehungen statt. Für Frauen gibt es keinen sicheren Raum. Fernandes' Anklage erreicht die Öffentlichkeit, nachdem wir bereits mit Gisèle Pelicot in Frankreich gelitten und sie bewundert haben. Mit ihr lernten viele: Den Kampf gegen das Patriarchat kann man gewinnen.
Es folgten die Epstein-Files in den USA und mit ihnen eine Ahnung über das Ausmaß der Strukturen, in denen Reiche und Prominente Kinder und Frauen misshandelten und dabei einander deckten. Jetzt sind da Collien Fernandes und ihr Mut. Sie macht aus dem Begriff Deep-Fake eine Geschichte, die Menschen nachvollziehen können, die sie erschüttert.
Ganz gleich, ob die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann sich erhärten, es ist klar geworden: Jede kann zum Opfer werden. Der weibliche Körper, das Mädchen, die Frau: Überall ist es gefährlich für uns. Sei es das Dorf in Frankreich, das scheinbare Traumhaus mit dem Ehemann, die Insel des Geldadels oder das Netz.
Natürlich gibt es Berichte über schwerreiche Frauenhasser wie etwa Andrew Tate. Doch hier geht es um die Männer mitten unter uns. 30 Männer aus dem beruflichen und privaten Umfeld von Fernandes sollen Fotos erhalten haben, die ihr zum Verwechseln ähnlich sahen, sollen sich an Vergewaltigungsfantasien ergötzt haben. Zu viele Männer können in einer Frau nur Ware sehen, selbst wenn sie mit ihr in enger Beziehung stehen.
Unsere Würde ist antastbar.
Fall Collien Fernandes: Was ist los mit euch Männern?
Ich habe im vergangenen Jahr immer wieder auf die Bewegung „4 Nos“ geblickt, die in Korea begann und sich in den USA ausbreitet. Diese jungen Frauen wollen mit Männern nichts mehr zu tun haben. Ich hielt das für überzogen, für ein Produkt des Internets, in dem alles extremer zu werden scheint. Jetzt sehe ich ein: Das Netz macht die reale extreme Gewalt gegen Frauen nur sichtbar und greifbar. Junge Frauen bemerken diesen Hass früher. Wie sollen wir euch Männer noch lieben?, fragen sie. Ich weiß es gerade nicht mehr.
Nachdem Collien Fernandes ihre Vorwürfe öffentlich gemacht hatte, waren sich Männer auf der Plattform LinkedIn tatsächlich nicht zu schade, massenweise „Collien Fernandes nackt“ einzugeben. Was ist los mit euch?, frage ich mich. Was hat euch so werden lassen? Eine Mutter zumindest müsstet ihr alle haben, schuldet ihr dieser Frau nichts? Wie armselig sind eure Beziehungen unter Jungs, wenn Frauenhass der gemeinsame Nenner ist?
Es ist jetzt die Zeit für alle Männer: Jeder von ihnen muss etwas gegen Gewalt gegen Frauen tun. Wie wenig ihr untereinander gegen das Patriachat tut, widert viele von uns an. Wir sind ungeschützt. Um beschützt zu sein, brauchen wir Frauen Mehrheiten, die es nur mit Männern gibt. Ist es ein Zufall, dass ein Mann als Justizminister in der Ampel-Regierung, Marco Buschmann von der FDP, strengere Gesetze gegen Deep-Fakes verhindert hat?
„Die Scham muss die Seite wechseln!“, forderte Gisèle Pelicot und schrieb Geschichte damit, weil sie sich nicht schämen wollte, ihr Gesicht zu zeigen, wenn die Täter ihre Gewaltdelikte gestehen müssen. Ihr Satz ist ein Auftrag. Jede einzelne von uns Frauen muss die Scham von sich weisen, wenn sie zum Opfer wird. Wir sollten andere Frauen dabei unterstützen, wenn sie die Scham von sich weisen. Und jeder einzelne Täter sollte lernen, die Scham anzunehmen. Andere Männer sollten sie ihm zuweisen.
Misogyne Strukturen durchziehen Christian Ulmens Arbeit
Ob Christian Ulmen schuldig gesprochen wird, ist offen. Gern folge ich der Aufforderung seines Anwalts Christian Schertz und äußere mich nicht über die aktuellen Vorwürfe gegen ihn. Ich kann mich aber über das System äußern, das Ulmen groß gemacht hat. Ich kann die misogynen Strukturen, die seine Arbeit durchziehen, zum Thema machen.
Ulmens TV-Schaffen ist voller Fantasien, wie sie nun Gegenstand der Anklage sind. Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Vorwürfe, die jetzt Entrüstung auslösen, uns im TV als bestmögliche Unterhaltung verkauft wurden? War das der Konsens zur Darstellung von Frauen, wenn es lustig werden sollte? Warum wurden bei uns sexuelle Erniedrigung, Dominanzgehabe und toxische Männlichkeit medial so lange normalisiert?
Wir müssen über die Strukturen reden, die Frauenhass fördern. Warum kämpfen Frauen hierzulande seit Jahren erfolglos gegen Gewalt im Netz? Während in Spanien inzwischen schon eine Anmache auf der Straße eine Straftat darstellt.
Ulmens Arbeit ist durchzogen von Herabwürdigungen, Objektifizierung von Frauen und pseudocoolem Gehabe. Frauen sind bei ihm reine Wichsvorlagen für männliche Machtgelüste. Ein Journalist hat gerade im Netz an zwei Szenen aus „Jerks“ erinnert. In der einen werden Witze gemacht über das Zusammennähen der Vagina nach der Entbindung, sie müsse für den Ehemann enger genäht werden als nötig. Haha. In der anderen Szene wurde eine Frau im Wachkoma mit etwas eingeschmiert, woraufhin sie an Wespenstichen stirbt. Haha.
Der Lohn dafür? Jahr um Jahr der deutsche Comedy-Preis oder der Deutsche Fernsehpreis. Und nieder mit den woken Feministinnen, die verstehen ja keinen Spaß! Nie ist einer wie Harald Martenstein weit, uns Frauen dann zu erklären, warum wir die Witze über uns nicht kapieren. Satire soll dieses „Jerks“ gewesen sein! Man habe den wahren Arschlöchern den Spiegel vorgehalten! Man hat vor allem uns Frauen gezeigt, wie ihr uns sehen wollt: erniedrigt.
Ich stand, wie viele Frauen, im echten Leben neben Männern, die sich verhalten wie die Typen in „Jerks“. Solche Serien haben sie geadelt und angespornt. Überhaupt, warum müssen wir Frauen mit all dem klarkommen? Die Unterordnung von Frauen hat System in diesem System, man nennt es Patriarchat. Die Herabsetzung des Weiblichen ist unser Alltag.
Im deutschen TV gehört nicht erst seit Harald Schmidt das Treten gegen Frauen zur Medienkarriere. Alles Jugendsünden, heißt es jetzt. Es gibt mittlerweile Distanzierungen, etwa von Benjamin von Stuckrad-Barre. Er schreibt, er stehe auf Colliens Seite: „Mit meinem Freund Christian konnte ich das ihm vorgeworfene herabwürdigende Verhalten überhaupt nicht zusammenbringen…“ Männer müssten sich einen Satz wirklich abgewöhnen, schreibt er: „Das kann ich mir nicht vorstellen!“
Ich glaube ihm, dass er geschockt ist, doch wenn wir sagen, Männer müssten ihr Verhalten aufarbeiten, kann es nicht sein, dass jetzt viele Männer in Bezug auf Ulmen den Aiwanger machen: Der Brudi war‘s! Wie kann man sich herabwürdigendes Verhalten nicht vorstellen, wenn Ulmens Schaffen darin bestand, Herabwürdigung von Frauen zu inszenieren? Wir brauchen keine Freunde oder Ex-Freunde, die mit dem Finger auf ihn zeigen. Sie sollten auf sich selbst zeigen.
Vielen Frauen reicht es jetzt. Wir müssen Ernst machen mit den Gesetzen und mit der Aufarbeitung. Das Paradoxe ist: Wir brauchen uns gegenseitig. Der Wandel geht nur mit Männern. Ihr seid dran.