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Jagoda Marinić Warum suchen wir die Nähe zur Prominenz?

Unsere Kolumnistin macht sich Gedanken über die zunehmende Distanzlosigkeit vieler Menschen gegenüber Berühmtheiten
Unsere Kolumnistin macht sich Gedanken über die zunehmende Distanzlosigkeit vieler Menschen gegenüber Berühmtheiten
© getty images
Wir Normalbürger behandeln Prominente oft wie alte Bekannte. Aber warum sind wir dann nicht wenigstens nett zu ihnen?

Kürzlich fiel eine absurde kleine Nachricht in dieses Sommerloch: Deutschlands berühmter Virologe Christian Drosten soll auf einem Campingplatz beleidigt worden sein. Zwei Frauen und ein Mann im mittleren Alter sollen ihn und seine Familie an der Mecklenburgischen Seenplatte zudem gefilmt haben, woraufhin Drosten Anzeige erstattete. Die Ermittler beschlagnahmten die Handys und fanden Bilder von Drosten und seiner Familie.

Den Beleidigungen nach zu urteilen handelte es sich bei den Angezeigten nicht um die hellsten Camper vor dem Herrn. Da hat das Land einen Top-Wissenschaftler, der trotz seiner heimlichen Connections zu Bill Gates, wie Verschwörungsfans raunen, zu Hause Urlaub macht statt in den abgehobenen Hotelresorts dieser Welt. Und die Camper wollen ihm zeigen, wie irrsinnig die Idee ist, sich unters Volk zu mischen. Man schimpft gern über „die da oben“, aber wenn sie nebenan auf dem Campingplatz grillen, will man sie nicht als seinesgleichen akzeptieren. Lieber straft man den aus Funk und Fernsehen bekannten Mann. Den peinlichen Versuch, Drosten im Gegenzug anzuzeigen, erstickte die Staatsanwaltschaft im Keim: Er habe auf vorangegangene Beleidigungen spontan reagiert.

Warum suchen wir die Nähe zur Prominenz?

Wann fing das an, dass man Menschen, die medial präsent sind, ein Stück ihres normalen Menschseins verwehrt? Im Schlechten, wie hier bei Drosten, aber auch im Guten: Viele tun so, als hätten sie ein Zugriffsrecht auf Prominente. Ich versteh das, auch ich tendiere zum Starkult. Einmal, als Armin Mueller-Stahl durch die Hauptstraße meiner Stadt flanierte, wurde ich deswegen von einem Freund angerufen: „Achtung, wenn du vorne stehen bleibst, kommt er geradewegs auf dich zu.“ Natürlich blieb ich stehen. Vermutlich habe ich so neugierig in sein Gesicht gestarrt, dass er mir einen Blick und ein kleines Zucken aus den Augenwinkeln schenkte. Vielleicht hat er auch nur geblinzelt. Jedenfalls kann ich den Hang zum Bewundern gut nachvollziehen, das Bedürfnis, die Talente anderer Menschen zu verehren. Aber diese Distanzlosigkeit, die viele an den Tag legen, die verstehe ich nicht.

Jagoda Marinić
© Gaby Gerster

Jagoda Marinić

Die Schriftstellerin und Politologin Jagoda Marinić („Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“, „Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“) schreibt alle zwei Wochen – im Wechsel mit Micky Beisenherz – im stern.

In einem längst vergangenen Sommer in Kroatien saß ich in der Hauptstadt Zagreb mit vier berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern der alten Garde im Restaurant. Es war auch eine jüngere Schauspielkollegin dabei. Unser Dinner wurde ständig unterbrochen, weil die Jüngere um ein Autogramm gebeten wurde; jeder Zweite kannte sie aus einer dieser Sternchen-tanzen-Sendungen, bei der sie gerade mitgemacht hatte. Es war ihr unangenehm, neben diesen großen Kolleginnen und Kollegen zu sitzen und die Autogrammfragen zu kassieren. Der Älteste sagte: „Mach dir nichts draus! Bei uns war das nicht so. Man hat uns von Weitem geliebt.“ Das sei für alle gut so gewesen. Er habe mit seiner Familie immer normal leben können: Kaffee trinken, wo ihn alle trinken, baden, wo alle baden. Nie habe man sie angesprochen oder mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Der Starkult sei erst später gekommen: diese Fans, die schreien, die in Ohnmacht fallen und ein Foto brauchen, auf dem der Name draufsteht.

Mehr Miteinander statt nebeneinander

Seither frage ich mich, woher das Bedürfnis kommt, bekannte Menschen anzusprechen. Warum lässt man sich nicht freundlich in Frieden, lächelt in sich hinein? Übergriffigkeiten, bis alle nur noch in Parallelwelten leben, jeder für sich?

Heute, da sich dank Instagram eh jeder Dritte wie ein Star fühlt und da Stars auch so normal tun wie wir, könnten wir uns doch alle wieder halbwegs liebevoll ignorieren, damit jeder sein Leben leben kann.

Auch nebeneinander.


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