Wer flüchtig durch die Gassen im Herzen von Paris schlendert, dem dürfte der Mann mit der abgewetzten Cap, der ausgebeulten Jacke und den Zeitungen unter dem Arm kaum auffallen. Wer regelmäßig im Quartier Saint-Germain unterwegs ist, der weiß: Er gehört zu Paris wie der Eiffelturm, die Seine oder Sacré-Cœur.
Seit 50 Jahren tingelt Ali Akbar durch die Straßen und Cafés im sechsten und siebten Arrondissement mitten in der französischen Hauptstadt und bringt seine Zeitungen unter die Passanten. Obwohl das Geschäft längst nicht mehr zum Überleben reicht, macht der 72-Jährige weiter – um "die Leute zum Lachen zu bringen", wie er sagt. Wenn Ali Akbar die Schlagzeilen auf den Blättern zu langweilig sind, dann denkt er sich einfach Neue aus. Das Spiel mit Fantasie und Fake News hat Akbar zu seinem persönlichen Markenzeichen perfektioniert. Allerdings werden seine Parodien wie "Trump hat Korsika gekauft" bisweilen von der Weltlage eingeholt.
Überholt ist eigentlich auch die Arbeit, der Ali Akbar seit Jahrzehnten täglich nachgeht. Trotzdem ist der Mann mit dem breiten Lachen, der rauchigen Stimme und dem raschelnden Altpapier kaum aus den Straßen von Paris wegzudenken. Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, der Ali Akbar schon als Student an der Universität Science Po auf das ein oder andere Getränk einlud, nannte den fliegenden Zeitungshändler liebevoll den "Akzent des 6. Arrondissements, die Stimme der französischen Presse" – und zeichnete ihn Ende Januar für seinen Beitrag zur französischen Kultur mit dem französischen Verdienstorden aus.
Wohlverdient, denn: Ali Akbar ist ein Original, wie es ihn in Paris, ja womöglich sogar in ganz Europa nur noch ein einziges Mal gibt.
Ein Hauch 19. Jahrhundert im 21. Jahrhundert
Zeitungsjungen wie ihn dürften viele heute nur noch aus historischen Filmen kennen. Der Beruf ist ein Relikt aus jener Zeit, in der Radio oder Fernsehen noch nicht einmal Fremdworte waren, lange bevor es Zeitungskioske gab. Entwickelt haben sich die als "Newsboys", "Hawkers", "Newsies" oder auch "Paperboys" bekannten fliegenden Zeitungshändler wahrscheinlich Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals soll der spätere Verleger der "New York Sun", Benjamin Day, Arbeitslose und Kinder aus armen Familien rekrutiert haben, damit sie die gedruckten Blätter an die Leute brachten.
Die Jungen kauften den Verlegern eine bestimmte Menge an Zeitungen vergünstigt ab und boten sie auf der Straße an. Auf den nicht verkauften Blättern blieben die "Newsboys" allerdings sitzen. Ende des Jahrhunderts dominierten sie das Stadtbild der Metropolen weltweit und schrien den Passanten die aktuellsten Nachrichten, Sensationen und Skandale entgegen.
Der erste seiner Art soll der siebenjährige Bernard O`Flaherty gewesen sein. Bekannt wurde der Sohn einer armen irischen Einwandererfamilie allerdings unter dem Namen Barney Williams als reichster US-Schauspieler und Komiker des 19. Jahrhunderts.
Heute ist die Geschichte der Zeitungsjungen so gut wie auserzählt. Hartmut Wagner etwa verteilte die gedruckte Presse bis 2016 im Hauptbahnhof in Zürich. Das deutsche Pendant, Olaf Forner, beendete seine Rundgänge in Berlin im Jahr 2023.
Ali Akbar dürfte nun der Letzte seiner Art sein. Seine Karriere als Pariser Zeitungsjunge begann aus einer Not heraus: Geboren in Pakistan trotzte er schon als Sechsjähriger der Gewalt in der Zwangsarbeit. Mit 18 Jahren heuerte er bei der Merchant Navy an und schipperte auf einem Frachter zwei Jahre lang von Südasien bis nach Europa. Dort verdingte er sich zwischendurch an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, ehe er Anfang der 1970er-Jahre in Paris hängen blieb.
Durch Kontakte zu hiesigen Zeitungsjungen und den Gründer der französischen Satirezeitschrift "Hara-Kiri", Georges Bernier, wurde Akbar selbst zum Nachrichtenschreier, verkaufte zunächst Satirezeitungen wie "Hara-Kiri" und "Charlie Hebdo", später dann auch Blätter wie "Libération", "Le Journal du Dimanche" und "Le Monde". Seine Nachrichtenzüge führten ihn vor allem durch die Gassen des kulturellen und intellektuellen Viertels Saint-Germain zwischen der ältesten Kirche von Paris und der renommierten Universität Science Po. Jungen Intellektuellen und späteren Politikern wie Emmanuel Macron sah er dort beim Büffeln und Erwachsenwerden zu. Von Prominenten wie Elton John soll er etwa auf eine Tasse Tee mit Milch eingeladen worden sein.
Auch Paris geht mit der Zeit
Damals war der Zeitungsmarkt noch groß – und die Konkurrenz entsprechend auch: "Als ich 1973 hier begann, gab es 35 oder 40 Straßenverkäufer von uns in Paris", erzählt Ali Akbar der BBC. Mit amüsanten Schlagzeilen schrie er sich in die Herzen der Pariser. Mehrere Hundert Zeitungen habe er damals pro Tag verkauft. Alleine von "Le Monde" wurde er an besonders guten Tagen 1000 Exemplare los.
So gut läuft das Geschäft heute längst nicht mehr. "In alten Zeiten haben sich die Leute um mich geschart. Heute muss ich den Kunden nachjagen, um eine Zeitung zu verkaufen", erzählt der 72-Jährige und fügt hinzu: "Alles ist digital geworden. Die Leute wollen nur noch ihre Telefone nutzen." Trotzdem pendelt der Pakistaner jeden Tag aus den Pariser Banlieus in die Innenstadt. Um die 30 Zeitungen verkauft er noch pro Tag. Zum Leben reicht das längst nicht.
Weil Akbar aber mittlerweile als Pensionär Rente bezieht, ist sein Dasein als Zeitungsjunge ein Zeitvertreib aus Gewohnheit und zum Spaß. Ginge es nur ums Geld, sagt er, dann könne er auch etwas anderes machen. "Ich bin eine fröhliche Person. Und ich bin frei. Mit dieser Arbeit bin ich völlig unabhängig. Niemand gibt mir Anweisungen. Deshalb mache ich das."
Seine Auszeichnung mit dem französischen Verdienstorden im Elysée-Palast kommentierte er mit den Worten: "Ich hab's geschafft, jetzt bin ich Ritter!" Vielleicht winkt jetzt bald die französische Staatsbürgerschaft? Auf die wartet Ali Akbar, seitdem sein Aufenthaltsstatus vor mehr als 40 Jahren verlängert wurde. Zu wünschen wäre es dem Pariser Zeitungsjungen, der, wie Macron es formulierte, die "Welt in seinen Armen und Frankreich in seinem Herzen" trägt.