Buchvorstellung
Ole von Beust nimmt Politiker-Sprech aufs Korn

Ole von Beust nimmt in seinem neuen Buch den Politik-Sprech aufs Korn. Foto: Georg Wendt/dpa
Ole von Beust nimmt in seinem neuen Buch den Politik-Sprech aufs Korn. Foto
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Von 2001 bis 2010 war Ole von Beust Hamburger Bürgermeister. Als Politprofi weiß er, wie Politiker Dinge formulieren, um in allen Lagen möglichst gut auszusehen. Wie das geht, kann man nun nachlesen.

Was es bedeutet, wenn Politiker sich ehrlich machen wollen, oder wie aus einem "Wumms" und einer "Bazooka" ein "Doppel-Wumms" wird: Ole von Beust hat es aufgeschrieben. Gut anderthalb Jahrzehnte nach seinem Auszug aus dem Hamburger Rathaus nimmt der frühere Erste Bürgermeister in seinem neuen Buch "Am Ende des Tages" den Politiker-Sprech aufs Korn. 

"Politiker sind in der Regel keine Fachleute", sagte der 70-Jährige am Abend bei der Buchvorstellung in der Buchhandlung Felix Jud unweit des Rathauses. Und dies wirke sich auch auf die Sprache aus. 

Mangelnde Kompetenz wird durch Pseudo-Fachsprache kaschiert

Auch er habe als Anwalt, bevor er 2001 oberster Dienstherr von rund 80.000 städtischen Beschäftigten geworden sei, nie etwas mit Personalorganisation zu tun gehabt. Da Politiker aber immer in der Öffentlichkeit stünden, führe dies "nicht selten zu dem Bestreben, mangelnde Fachkompetenz durch eine Art Fachsprache auszugleichen".

Auch dauere vieles in der Politik sehr lange - anders als etwa beim Zahnarzt. Dort lauf es so: "Schmerz, Diagnose, Handeln, Schmerz weg", sagte Beust im Gespräch mit Johannes B. Kerner, der den Abend moderierte. In der Politik dauere es dagegen meist ewig, bis Lösungen sichtbar würden. "Um das zu überbrücken, teilweise auch zu kaschieren oder zu tarnen, wird die Tat oft durch das Wort ersetzt."

Der Scholz'sche Dreiklang: Wumms, Bazooka, Doppel-Wumms

Schnell gebe es dann ein "Zehn-Punkte-Programm", ein "Maßnahmenbündel" oder eben einen "Wumms" oder "Doppel-Wumms". Wobei von Beust bei den Worten von Ex-Kanzler Olaf Scholz, der ihm 2011 als Hamburger Bürgermeister nachgefolgt war, von einem "Dreiklang" spricht.

Zunächst sei da der "Wumms" gewesen, mit dem die Corona-Folgen finanziell ausgeglichen wurden. "Das war die erste Stufe", erklärte er. Dann habe Scholz die "Bazooka" rausgeholt, indem er noch einmal Geld auf den "Wumms" draufgelegt habe. "Und dann kam der Doppel-Wumms. Das waren die staatlichen Hilfen im Zusammenhang mit der Stützung der Energiepreise in der Ukrainekrise."

Sprachliche Bilder würden von Politikern gern und häufig genutzt - auch wenn von Leuchttürmen oder von Leuchtturmprojekten die Rede ist. "Nur wenn ein Bild offensichtlich ein Bild ist, dann ist es damit schon verbraucht, weil jeder merkt, dass das nur ein Bild und nicht die Wahrheit ist", sagte von Beust.

"Volkes Stimme" meist nicht repräsentativ

Vorsicht sei auch geboten, wenn Politiker "Volkes Stimme" zitierten. Denn meistens bewegten sie sich in ihrer eigenen Blase. "Umso mehr greift man auf Begegnungen zurück, die sich en passant mit Menschen außerhalb der Politblase ergeben, zum Beispiel mit Taxifahrern, Mitreisenden im Zug oder Bürgern, die das Gespräch an den sogenannten Infoständen der Parteien suchen."

Repräsentativ seien sie alle nicht. "Meine Erfahrung aus vielen Wahlkämpfen ist, dass die Gesprächspartner an den Infoständen zu 80 Prozent eigene Leute sind, zu 10 Prozent missionarische politische Gegner und zu weiteren 10 Prozent Menschen, die wissen, ihrem Gesprächswunsch kann sich dort keiner entziehen", sagte er. 

Gleiches gelte im Übrigen für Gespräche mit Taxifahrern, die für ihn eine ganz eigene Spezies darstellten und, "soweit sie deutschsprachig sind, eigentlich überwiegend schimpfen und kritisieren". Sie hätten allesamt allenfalls "anekdotische Evidenz", sagte von Beust - wieder so ein Politiker-Begriff.

Am Ende des Tages zählt jede Stimme

Ein wenig stört er sich auch an Anglizismen in der deutschen Sprache - wenn also etwas "Sinn macht" vom Englischen "make sense", statt Sinn zu ergeben. Und dafür stehe auch der Titel seines Buches "Am Ende des Tages" - die wörtliche Übersetzung der englischen Redewendung "at the end of the day", was resümierend eigentlich so viel wie letztendlich oder unterm Strich bedeutet. 

"Am Ende des Tages" klinge aber "weicher, geleitender und damit vermutlich sympathischer", sagte von Beust. Und genau so wollten Politiker auch wahrgenommen werden. "Wir wissen ja, jede Stimme zählt am Ende des Tages."

dpa

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