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Die Hamburger haben gewählt Der Triumph des Anti-Guttenberg


Olaf Scholz hat der SPD einen grandiosen Sieg beschert. Die Partei hat nun einen neuen Star. Will sie auch im Bund wieder Siege feiern, sollte sie von Scholz lernen.
Ein Kommentar von Florian Güßgen

Es ist purer Zufall: Just in dem Moment, in dem der Politstar Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der charismatische Liebling der Massen, arg strauchelt, fährt ein Politiker eines komplett anderen Typs einen grandiosen Sieg ein: Olaf Scholz. Vertrauen durch Nüchternheit, lautet sein Erfolgsrezept, nicht Vertrauen durch große Worte. Ausgerechnet der sperrige Scholz, in Sachen Charisma und Zugänglichkeit ein echter Anti-Guttenberg, holt der SPD nach den ersten Hochrechnungen also die Macht an der Elbe zurück - und das mit einem sensationellen Ergebnis. 40 Jahre hatten die Sozialdemokraten in der Hansestadt die Oberhand, bevor sie, aufgebraucht und verfilzt, das Rathaus 2001 an den CDU-Mann Ole von Beust verloren. Als Erster Bürgermeister wird der Anwalt Scholz künftig wohl alleine regieren können, die Grünen gucken in die Röhre. Sie müssen in die Opposition, sind nach der CDU der zweite große Verlierer der Wahl.

Der Sieg steht nicht für einen Trend. Noch nicht.

Das Hamburger Wahlergebnis steht dabei sicher nicht für einen Bundestrend, für eine wie auch immer geartete Renaissance der SPD. Dazu ist der Sieg zu vielen Hamburger Besonderheiten geschuldet: Die CDU an der Elbe ist peinlich schwach, der Kandidat Christoph Ahlhaus war eine schwere Hypothek. Im Bund ist das anders, da ist die Union stärker, nicht nur in den Umfragen, auch personell. Die Wahlkampfthemen hatten einen rein regionalen Charakter - und Scholz hat es schlicht vermocht, diese historisch extrem günstige Konstellation maximal zu nutzen, und zwar mehr durch sein Auftreten als durch Inhalte oder gar eine politische Mission. Er gab den ehrbaren Hanseaten, den Staatsmann, den nüchternen, entschlossenen Macher, den Mann der Mitte - und luchste so der CDU die Stimmen im bürgerlichen Lager ab.

Und dennoch hat diese Wahl für die Sozialdemokraten Bedeutung. Zum einen personell: Die SPD hat mit Scholz einen neuen Star. Er ist jetzt so etwas wie das ultimative Comeback Kid der Sozialdemokratie. Er hat Niederlagen einstecken müssen, als früherer Hamburger SPD-Chef, als Innensenator, für die Agenda 2010 wurde er als SPD-Generalsekretär geprügelt. Aber er hat sich nie kleinkriegen lassen, ist zurückgekommen, als Parlamentatischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, als Arbeitsminister, als SPD-Vize. Seinen pragmatischen Kurs hat er dabei nie verlassen. Und jetzt hat er für die Genossen Hamburg zurückerobert. Das macht ihn, Kanzlerkandidatur hin oder her, zu einem starken, vielleicht sogar zum stärksten Mann bei den Sozialdemokraten. Frank-Walter Steinmeier? Sigmar Gabriel? Keiner von den führenden Berliner Großgenossen hat bislang eine Wahl gewonnen, im Gegenteil. Ohne Scholz wird künftig also nichts gehen in der deutschen Sozialdemokratie.

Scholz hat der SPD-Klientel zugehört

Zum zweiten aber kann die Bundes-SPD von Scholz lernen - lernen, wie sie vielleicht tatsächlich irgendwann eine Renaissance feiern könnte, wie sie aus ihrem Loch herauskommt. Denn Scholz hat es geschafft, an der Elbe eine Stimmung zu erzeugen, die besagt: "Mit denen kann man's eigentlich auch mal wieder probieren". Scholz hat den Eindruck vermittelt, dass er die Wähler ernst nimmt. Er ist nicht nur durch die Wahlkreise getingelt und hat so Volksnähe angedeutet. Er hat der klassischen SPD-Klientel zugehört - und seine wenigen inhaltlichen Positionen darauf ausgerichtet. Bezahlbarer Wohnraum, bezahlbare Kita-Gebühren, ein Schuss mehr Sicherheit durch mehr Polizeianwärter, keine finanziellen Wagnisse mit umstrittenen Großprojekten wie der Hamburger Stadtbahn. Scholz Kernbotschaft lautete: Wir wissen schon, wir haben euch in der Vergangenheit verprellt. Aber wir haben gelernt. Wir wissen jetzt, in welche Richtung es gehen muss. Und jetzt, jetzt probiert's doch einfach mal wieder mit uns. Für die Bundes-SPD ist das eine wichtige Blaupause. Zwar hat auch Sigmar Gabriel schon mehrfach deklariert, er wolle von den Wählern lernen. Aber noch vermittelt die SPD nicht den Eindruck, dass sie weiß, in welche Richtung es gehen soll.

Und so beginnt mit dem heutigen Abend ein spannendes Experiment. In jener Zeit, in der der charismatische Politiker-Typ sich zerlegt, kommt ein Exemplar der nüchternen Typs an die Macht. In den kommenden vier Jahren muss sich erweisen, ob der tatsächlich mehr Vertrauen verdient.


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