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Rücktritt von Wowereit: Aus der Klaus

Berlins Bürgermeister hat seinen Rücktritt für Mitte Dezember angekündigt. Für Klaus Wowereit gilt: Wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Klaus Wowereit packt zusammen. Auf einer Pressekonferenz hat Deutschlands wohl schillerndster Spitzenpolitiker seinen Rücktritt erklärt.

Klaus Wowereit packt zusammen. Auf einer Pressekonferenz hat Deutschlands wohl schillerndster Spitzenpolitiker seinen Rücktritt erklärt.

Nun ist es raus und sozusagen amtlich. Ende des Jahres wird der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit Geschichte sein. Es wäre ein Leichtes, ihm nun im Voraus nachzurufen: Und das ist auch gut so. Es wäre aber auch sehr billig, viel zu billig. Denn der Berliner, der so gern nörgelt, wird den Mann, der ihn eine Generation lang regierte, schneller vermissen als er knorke sagen kann. Und nicht nur der Berliner.

Dass der SPD-Politiker seinen Rückzug jetzt verkündet hat, ist einigermaßen überraschend. Aber für Überraschungen war Wowereit immer gut. Langweilig war es nie mit ihm. Und nach einem Moment des Durchatmens bleibt vor allem: Bedauern. Bedauern darüber, dass die deutsche Politik nun eine ihre letzten schillernden Figuren verliert, die am Ende aber eher matt glänzte als schillerte und zwischen Kraftmeierei (wenn's ums Austeilen ging) und Mimosenhaftigkeit (wenn's ums Einstecken ging) oszillierte. Vor allem aber Bedauern, dass es wieder einer nicht geschafft hat, sich selbst einen ordentlichen Abgang zu verschaffen, so wie vor ein paar Jahren Ole von Beust. Der fühlte sich bereits nach zehn Jahren Bürgermeisterei im vergleichsweise behaglichen Hamburg "durchgenudelt". In Berlin dreht sich nicht die Teigwalze, da rotiert der Fleischwolf.

Wer zu spät geht ...

Nun gilt für Klaus Wowereit: Wer zu spät geht, den bestraft das Leben, zumindest aber der oberflächliche Blick auf seine Leistung. Denn was momentan vom nur noch sporadisch zu regieren scheinenden Bürgermeister in Erinnerung ist, kann man mit einem Wort beschreiben: Versagen. Am Ende war Wowereits politische Leben nur noch eine Baustelle und der BER war dabei nur die größte, teuerste, peinlichste von allen. Nur ein paar weitere Beispiele, die erklären, warum der einst so Beliebte zuletzt in lokalen Umfragen bis auf den letzten Platz durchgereicht wurde: die chaotische und erfolglose Schulpolitik, fehlende Wohnungen, explodierende Mieten und Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung.

"Ich gehe freiwillig"

An nicht allem ist Wowereit Schuld, schon gar nicht allein. Aber er trägt die Verantwortung dafür. Womöglich war seine Zeit einfach auch vorbei. Vielleicht bräuchte die Stadt nach den Zeiten des Aufbruchs, des Aufruhrs, einfach einen anderen Typen an der Spitze: einen eisenharten Administrator. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass Berlin, so wie es heute ist, nur so werden konnte dank eines Bürgermeisters wie Wowereit. Als er 2001 zu regieren begann, war Berlin weit entfernt davon, die hippste Stadt der Welt zu sein. Es war auch Wowereit, der mit dafür gesorgt hat, dass Berlin wieder zur Touristenattraktion wurde und zum Anziehungspunkt für Künstler und Startups. Und es war Wowereit, der es schaffte, eine Kommune, die pleiter war als pleite, mit Hilfe manchmal schräger, aber sparsamer Finanzsenatoren zu sanieren.

Ganz nebenbei hat er bewiesen, dass man mit der PDS beziehungsweise der Linken regieren kann, ohne ein Gemeinwesen ins Chaos zu stürzen. Im Gegenteil: Seine rot-rote Regierung hat geholfen, die Spaltung in der Stadt zu überwinden, die bei seinem Amtsantritt lange nach dem Fall der Mauer in den Köpfen noch geteilt war. Und sein Outing als erster Spitzenpolitiker hat vermutlich mehr zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Schwulen beigetragen als die Homo-Ehe.

Einige Jahre lang war dieser Klaus Wowereit nicht nur einfach Bürgermeister, er war Berlin – beliebt auch im Rest der Republik und für manche sogar ein denkbarer SPD-Kanzlerkandidat. Im Prinzip war er ein typischer Berliner: Immer etwas zu großmäulig und großmannsüchtig, schlagfertig und lebensbejahend, nur nach außen dickfellig, in Wirklichkeit sehr empfindlich und empfindsam. Auch deshalb holte er für seine Partei Wahlergebnisse, von denen sie künftig wohl erst mal nur noch wird träumen können. Da sollten sich die Salehs und Stößens dieser Stadt, die sich nun um seine Nachfolge balgen, keine Illusionen machen. Was er von deren ständigen Störmanövern aus persönlichen Karriereinteresse hält, hat Wowereit mit seinem Rücktritt deutlich gemacht: "Man muss auch aufpassen, dass das Amt keinen Schaden nimmt." Sein Dank an den SPD-Landesvorsitzenden hatte dabei etwas Tragikomisches.

"Ich gehe freiwillig", sagt Wowereit. Den Glauben daran hat er ziemlich exklusiv. Er hätte einen besseren Abgang verdient, aber das hat er sich selbst verbaut. Man wünscht ihm allerdings, dass seine Leistung irgendwann einmal rückblickend ehrlich gewürdigt wird. Er hätte es verdient, und das wäre auch gut so.

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