VG-Wort Pixel

Plagiate? Diskussion um Baerbock-Buch: Wie Ghostwriter Bücher von Politikern schreiben

Das Buch von Annalena Baerbock "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" ist vor dem Bundeskanzleramt zu sehen
Das Buch der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" ist vor dem Bundeskanzleramt zu sehen
© Christoph Soeder / DPA
Auch wenn der Name auf dem Cover steht: Oft schreiben Politiker:innen ihre Bücher nicht selbst – denn nicht jede:r kann es oder hat die nötige Zeit dazu. Dafür gibt es Ghostwriter. Doch wie arbeiten sie?

Hat die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in ihrem Buch plagiiert? Diese Frage beschäftigt gerade viele. Es seien "Kleinigkeiten aufgebauscht" worden, monierte etwa der Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner am Freitag im ZDF-"Morgenmagazin".

Der Medienwissenschaftler Stefan Weber hatte Baerbock mehrere wörtliche Übernahmen in ihrem neuen Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" vorgeworfen. Weber sprach dabei von Urheberrechtsverletzungen. Die Partei hatte daraufhin von versuchtem Rufmord gesprochen und einen Anwalt eingeschaltet. Bei den beschriebenen Passagen handele es sich um allgemein zugängliche Fakten oder bekannte grüne Positionen. 

Ghostwriter übernehmen oft das Schreiben

Baerbock hatte sich selbst am Donnerstagabend bei "Brigitte live" gegen die Vorwürfe verteidigt. "Ich habe ein Buch geschrieben, in dem ich deutlich machen wollte, wer ich bin, was mich antreibt und was ich verändern möchte." Sie habe "viele Gespräche geführt und auch Ideen von anderen sind mit eingeflossen", fügte die Kanzlerkandidatin hinzu. Sie habe deutlich gemacht, dass sie die öffentlichen Quellen nehme, die es gebe. Aber sie habe kein Sachbuch, keine wissenschaftliche Arbeit geschrieben. Deswegen gebe es auch keine Fußnoten. 

Viele Prominente, Politiker:innen oder Wirtschaftsbosse veröffentlichen gerne Bücher über sich, ihre Gedanken, Weltsicht und Erlebtes. Doch meistens haben diese ihre Werke nicht von Anfang bis Ende selbst verfasst. Das übernehmen oft Ghostwriter.

Wie arbeiten diese Schreiberlinge? Das erklärt der Journalist und Autor Hajo Schmumacher. Er selbst hat eigene Bücher geschrieben, aber auch für Politiker:innen wie Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, und Klaus Wowereit, den ehemaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin. 

Enge Zusammenarbeit zwischen Schreiber:in und Protagonisten

"Wir haben Stunden um Stunden zusammengesessen und sie hat mir alles aus ihrem Leben und ihrer Politik erzählt", berichtet Schumacher über die Arbeit mit Dreyer an ihrer Biografie im Podcast "heute wichtig" von stern und RTL. So sei es auch bei Wowereit abgelaufen. Schumacher nennt es "betreutes Biografie-Schreiben".

Dabei gibt es oft eine "Ghostwriter-Vereinbarung". Damit verpflichtet sich der Urheber, bzw. Ghostwriter, die eigene Urheberschaft zu verschweigen. Dem Namensgeber – also der- oder diejenige, die als Autor:in auf dem Buchcover genannt wird – ist es dadurch gestattet, das Werk als eigenes zu veröffentlichen. 2009 urteilte das Oberlandesgericht Frankfurt, dass eine solche Vereinbarung "nicht sittenwidrig" sei.

Der Verlagsgründer und ehemalige Ghostwriter Bernhard Salomon beschrieb der österreichischen Zeitung "Die Presse" im Jahr 2012 Ghostwriting so: "Ghostwriting hat unterschiedliche Abstufungen. Das beginnt mit normalem Lektorat – der Lektor greift schließlich auch ins Textliche ein – und geht so weit, dass ein Buch auf Basis von Interviews geschrieben wird." Zum Teil kämen Menschen mit Geschichten mit einem Konzept auf die Verlage zu, manchmal sei es auch umgekehrt.

"Viele Ghostwriter sind Lektoren, die ihren Handlungsspielraum erweitert haben. Auch Journalisten und Schriftsteller übernehmen häufig die Autorenschaft für andere", so Salomon. 

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Partei Bündnis 90/Die Grünen, stellt sich den Fragen in der Gesprächsreihe "Brigitte Live".

"Gut so", dass die meisten Politiker:innen nicht selbst schreiben

Wichtig sei aber die Chemie zwischen Ghostwriter und der Person, die die Geschichte hat, erklärte Andrea Fehringer der "Presse": "Zu Beginn trifft man sich und lernt sich kennen. Nur wenn die Chemie stimmt und Vertrauen da ist, setzt man einen Vertrag auf und beginnt mit der Vorarbeit in Form von Interviews."

Die meisten Politiker:innen würden ihre Bücher nicht selbst schreiben – und das sei auch gut so, meint Schumacher. "Politiker haben aus guten Gründen Presseleute, Redenschreiber und auch Ghostwriter. Wenn die den ganzen Tag Bücher schreiben sollten, die sollten regieren."

Am Beispiel Baerbock erklärt er weiter, warum sie nicht selbst das Geschriebene überprüft: "Du kannst dieses Buch erst in Druck geben, wenn du weißt, dass sie Kanzlerkandidatin ist. Vorher kann man schon was vorbereiten, aber dann wirds ja auch hektisch. Weil das Handwerk verlangt es, dass du dann die Nominierung, diesen Moment da auf der Bühne mit Habeck – das muss ja der Einstieg sein. (…) Dann muss das ja rasend schnell gehen: Dann müssen die Manuskripte in die Druckerei, dann muss das alles gesetzt und gemacht und vertrieben und beworben werden. Das heißt, da ist ein riesiger Zeitdruck." Faktencheck-Teams würden dann das Geschriebene überprüfen.

Schreiben ist ein Handwerk, das man beherrschen muss

"Du musst als Annalena Baerbock – oder Roland Koch oder Ole von Beust oder Olaf Scholz, wer auch immer – dich darauf verlassen können, dass die Leute sauber arbeiten", so Schumacher.

Aber warum schreiben die Politiker:innen ihre Bücher nicht selber? "Wenn Angela Merkel so schreiben würde, wie sie spricht, oder Olaf Scholz, dann würde man diese Menschen zur Seite nehmen, vielleicht auch in den Arm nehmen, und sagen 'Ey, ich sehe die Schönheit deiner Gedanken, ich sehe auch die edle Absicht, aber hör auf, das aufzuschreiben.'", erklärt Schumacher. Denn Schreiben sei ein Handwerk, das man beherrschen müsse.

Vielen Politiker:innen würde Hajo Schumacher vom Schreiben eines Buches abraten. Viele hätten auch gar nicht die Geduld dazu. Fehringer sagte zu der Arbeit als Ghostwriter: "Wir sind für die Personen, die uns ihr Leben erzählen, die Hände an der Tastatur. Oft ist es schwer, Tonfall und Stil des Gesprochenen auf Papier zu bringen."

Quellen: Nachrichtenagentur AFP, "heute wichtig", "Die Presse", OLG Frankfurt

rw

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker