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Jobsuche "Der Arbeitsmarkt ist nicht fair": Ein Bewerbungs-Ghostwriter verrät seine Tricks

Bewerbung
Bilal Zafar, 30, leitet die Firma richtiggutbewerben.de
© richtiggutbewerben.de GmbH / Getty Images
Bilal Zafar leitet eine Firma, die professionell Bewerbungen für andere schreibt. Im Interview verrät er, welche Berufsgruppen seinen Service nutzen, was der häufigste Fehler in Bewerbungen ist und wie er mit Lücken im Lebenslauf umgeht.

Herr Zafar, Sie leiten eine Firma mit 20 Ghostwritern, die professionell Bewerbungen für andere Menschen verfassen. Wie erleben Sie den Jobmarkt im Moment?

Ich habe den Eindruck, dass es auf weniger Stellen mehr Bewerbungen gibt. Wir bekommen derzeit sogar etwas mehr Aufträge als vor Corona und schreiben annähernd 1000 Bewerbungen im Monat. Darunter sind auffällig viele Leute, die selbständig waren, und sich jetzt auf sichere Angestelltenjobs bewerben. Es gibt auch mehr Quereinsteiger und Initiativbewerbungen.

Für welche Berufe bewerben sich Ihre Kunden?

Im Moment sind besonders krisensichere Jobs gefragt: im öffentlichen Dienst, bei der Bundeswehr oder bei Supermärkten. Das gilt übrigens auch für Führungskräfte - wir hatten zum Beispiel einen Restaurantbetreiber, der jetzt einen Leitungsposten bei einem Discounter anstrebt.

Gibt es Branchen, in denen Jobsuchende generell eher auf einen Ghostwriter bei der Bewerbung zurückgreifen als in anderen?

Unsere Kunden kommen aus allen möglichen Bereichen. Wir haben viele kaufmännische Bürojobs, aber auch Bewerber aus dem medizinischen Bereich, da ist die Krankenschwester genauso dabei wie der Arzt. Im technischen Bereich geht es vom Kfz-Mechaniker bis zum Diplom-Ingenieur. Es gibt sogar Leute, die beim Jobcenter als Berufsberater arbeiten wollen und sich dafür die Bewerbung schreiben lassen.

Sogar Ärzte und Ingenieure schreiben ihre Bewerbung nicht selbst?

Sogar manche Chefärzte. Ärzte haben oft keine Zeit und viele Ingenieure schreiben nicht gerne. Aber auch von Menschen, die für ihren Beruf überhaupt nicht gut schreiben können müssen, erwartet man in Deutschland eine formal korrekte Bewerbung. Deswegen buchen die das bei uns.

Wie schreibt man eine Bewerbung für jemanden, den man persönlich gar nicht kennt?

Wir versuchen, die Person und ihren Werdegang optimal darzustellen. Dabei geht es vor allem um die Hard Skills im Lebenslauf: also Qualifikationen und Berufserfahrung. Da ist die persönliche Komponente erstmal nicht so wichtig. Die Soft Skills sind dann im Vorstellungsgespräch relevant.

Was muss der Kunde bei Ihnen liefern und was bekommt er dafür?

Das geht bei uns alles online. Man gibt seine beruflichen Daten ein, die Branche, die Wunschstelle, lädt das alles hoch. Wir erstellen dann ein Deckblatt, ein Anschreiben und einen Lebenslauf. Das kostet für einen normalen Angestellten 99 Euro.

Wie lange sitzt einer Ihrer Schreiber an einer Bewerbung? Und wie individuell ist die dann?

Eine Bewerbung zu schreiben, dauert ein bis zwei Stunden. Bestimmte Formalien sind natürlich immer gleich. Anrede, Grußformel oder ein Satz wie "Ich stehe ab Zeitpunkt X zur Verfügung". Aber darüber hinaus arbeiten wir nicht mit Textbausteinen. Wir versuchen immer authentisch zu bleiben, passend zum Bewerber, passend zum Job.

Aber fühlt sich eine Ghostwriter-Bewerbung nicht trotzdem leicht wie ein Fake an?

Überhaupt nicht. Es geht ja nicht darum, jemanden überzuverkaufen, sondern herauszustellen, was er oder sie wirklich kann. Eine Krankenschwester muss gute Arbeit im Krankenhaus leisten, aber sie muss nicht gut schriftlich formulieren können und da helfen wir ihr, ihre Unterlagen zu strukturieren und das gut zu Papier zu bringen.

Wie unterscheidet sich die Krankenschwester-Bewerbung von der Chefarzt-Bewerbung?

Das unterscheidet sich gar nicht so groß. Man hat beim Chefarzt vielleicht noch ein paar Anhänge mehr, die auf Qualifikationen und Berufserfahrung verweisen. Wir hatten mal einen ausländischen Arzt, der hatte sich vorher immer nur mit einer Excel-Tabelle beworben, in der seine Operationen aufgelistet waren. Sowas sorgt in Deutschland für Lacher. Aber im Grunde haben wir das nur zusammengefasst und in die richtige Form gebracht.

Was ist Ihrer Erfahrung nach der häufigste Fehler in Bewerbungen?

Viele listen im Lebenslauf einfach nur auf, wo sie gearbeitet haben – aber schreiben nicht dazu, was sie da gemacht haben. Bitte nicht einfach nur hinschreiben: Angestellter in Firma X, Abteilungsleiter in Firma Y. Sondern: Welche Aufgaben hatten Sie? Welche Erfolge? Wie viele Mitarbeiter und welches Budget waren in Ihrer Verantwortung?

Lebenslauf oder Anschreiben - was ist wichtiger?

In den meisten Fällen ganz klar der Lebenslauf. In manchen kreativen Berufen mag das Anschreiben als eine Art Arbeitsprobe gelten. Aber in den meisten Fällen führt es eher nüchtern zum Lebenslauf, wo dann das eigentlich Entscheidende drinsteht.

Gibt es einen ersten Satz, der gar nicht geht?

Der erste Satz, der gar nicht geht, ist leider der, der auch am häufigsten verwendet wird. "Mit großem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen." Das ist sehr mittelalterlich. Lieber direkt einsteigen, mit dem, was man sagen will.

Wie gehen Sie mit Lücken im Lebenslauf Ihrer Bewerber um?

Zunächst mal sollte man es vermeiden, kurze Phasen von Arbeitslosigkeit als eigenen Punkt auch noch hervorzuheben. Übergangsphasen von einigen Monaten sind völlig in Ordnung, da muss man nichts zu schreiben. Wenn es längere Phasen sind, ist es schon gut, wenn man da zumindest irgendwas angeben kann – zum Beispiel ehrenamtliche Arbeit. Letztlich liegt es am Bewerber, solche Lücken im Bewerbungsgespräch zu erklären.

Ist es legitim, bestimmte Daten wegzulassen, die einem zum Nachteil ausgelegt werden können?

Man kann Dinge aus strategischen Gründen weglassen. Ein Foto ist heute zum Beispiel nicht mehr zwingend gefordert. Wir hatten mal eine Arzthelferin, die immer abgelehnt wurde, obwohl sie gut qualifiziert war, Berufserfahrung und Weiterbildungen aufweisen konnte. Aber weil die Frau Kopftuch trug, haben viele sich die Bewerbung wohl nicht näher angeschaut. Wir haben ihr geraten, das Bild einfach mal wegzulassen, damit sie zumindest zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Da hat sie dann persönlich überzeugt und den Job bekommen.

Welche Tricks helfen noch gegen Diskriminierung?

Man kann Alter oder Geburtsort weglassen. Oder sogar beim Namen tricksen. Ein Freund von mir hat einen sehr langen indischen Namen, der für Deutsche schwer auszusprechen ist. Dem habe ich empfohlen, in der Bewerbung einfach eine Kurzform zu verwenden und das ist auch vollkommen legitim. Wenn man gut qualifiziert ist, kann man solche kleinen legalen Tricks nutzen. Denn der Arbeitsmarkt ist gerade gegenüber Menschen mit ausländischen Wurzeln nicht immer fair.


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