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Reportage der Woche

Arbeitsvermittler im Knast : Schreibtisch hinter Gittern: Warum Herr Topfstedt lieber im Gefängnis arbeitet als im Jobcenter

Michael Topfstedt ist Arbeitsvermittler für ganz harte Fälle. Seine Kunden sind Schwerverbrecher. Sein Schreibtisch steht nicht im Jobcenter, sondern im Gefängnis. Der stern hat ihm einen Tag lang bei der Arbeit über die Schulter geschaut.

JVA Tegel

Kein Job für Zartbesaitete: Arbeitsvermittler Michael Topfstedt vor dem Haupteingang der JVA Tegel

Um 7 Uhr morgens betritt Herr Topfstedt das größte Gefängnis Deutschlands durch den historischen Haupteingang, Tor 1. Die eigentlich obligatorische Durchsuchung muss er nicht über sich ergehen lassen. Die Justizbeamten kennen den Mann, der hier dreimal die Woche ein- und ausgeht. Die schweren Schlüssel an dem metallenen Bund, den die Torwächter ihm aushändigen, sehen aus wie Requisiten aus einem Historienfilm.

Ein Arbeitsamt mag schon in freier Wildbahn nicht unbedingt ein Ort der reinen Freude sein. Doch der Arbeitsplatz von Michael Topfstedt ist nochmal eine ganz andere Nummer. Sein Büro ist eine spartanische Zelle in der Justizvollzugsanstalt Tegel in Berlin. Seine Kundschaft: Mörder, Totschläger, Vergewaltiger. Sein Auftrag: Diesen Menschen zu helfen, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Kein Job für Zartbesaitete.

"Manche halten das psychisch nicht aus"

Die JVA Tegel ist ein altes Gefängnis, seit 1898 sitzen hier männliche Schwerverbrecher ihre Haftstrafen im geschlossenen Vollzug ab. Ein Großteil der denkmalgeschützten Backsteingebäude auf dem 130.000 Quadratmeter großen Gefängnisgelände stammt noch aus dieser Zeit. Wer hier einsitzt, ist nicht nur einmal zu oft schwarz gefahren. Nach Tegel kommen nur die härtesten Fälle, die meisten Gefangenen sitzen mehrjährige Haftstrafen ab.

Die trostlosen alten Mauern, die menschlichen Abgründe, das ständige Rasseln der Gefängnisschlüssel: "Manche halten das psychisch nicht aus", sagt Arbeitsvermittler Topfstedt. Ein Kollege, den er vor einiger Zeit anlernen sollte, schmiss schon in der Probezeit wieder hin.

JVA Tegel

Hinter den Mauern der JVA Tegel sitzen rund 800 Gefangene ihre Haftstrafen ab

Topfstedt selbst, 39 Jahre alt, verheiratet, Vater zweier kleiner Töchter, scheint das bedrückende Ambiente erstaunlich wenig auszumachen. Seit 2012 arbeitet er als Resozialisierungsberater der Arbeitsagentur ausschließlich mit Inhaftierten. Er ist einer von vier hauptamtlichen Reso-Beratern, die das Land Berlin in seinen Gefängnissen einsetzt - ein bundesweit einmaliges Modell, das bereits seit den 70er Jahren praktiziert wird. Jeder aus dem Spezialteam der Arbeitsagentur ist für eine oder zwei Haftanstalten zuständig. Topfstedt kommt Montag, Dienstag und Donnerstag nach Tegel, Mittwoch und Freitag fährt er in die JVA Düppel, eine Anstalt für den offenen Vollzug.

Ein Büro, kahl wie eine Zelle

In Tegel liegt Topfstedts Büro in einem alten Zellentrakt, der aussieht wie die Gefängnisse, die man aus US-Filmen kennt. Auf beiden Seiten des Gangs reiht sich Zelle an Zelle, die Etagen des nach oben offenen Flurs sind über Metallgittertreppen verbunden. Das modernisierungsbedürftige Gebäude steht derzeit leer, nur ein Zimmer von der Größe einer Doppelzelle ist belegt: An der Tür hängt ein DINA4-Zettel, auf dem das Wort "Arbeitsamt" steht. Topfstedts Büro besteht aus einem Schreibtisch mit Computer, Drucker und Telefon, drei Stühlen und einer Topfpflanze auf einem Sideboard. Dazu kahle weiße Wände, Neonröhren an der Decke, keinerlei Familienfotos oder sonstige persönliche Gegenstände.

JVA Tegel

Das "Arbeitsamt" der JVA: Das Büro von Michael Topfstedt enthält keinerlei persönliche Gegenstände

Hier empfängt Topfstedt vormittags die Straftäter zum Beratungsgespräch. Ein Vollzugsbeamter bringt die Inhaftierten jeweils einzeln her und liefert sie an der Tür ab. Dann sitzen sich der Arbeitsvermittler und der Insasse unter vier Augen gegenüber. Der erste Kandidat ist ein redseliger Schnauzbartträger um die 50 im Blaumann. Er soll im Frühjahr entlassen werden und will mit Topfstedt schon mal nach passenden Stellen als Schuster suchen. Der Mann ist motiviert und wirkt kompetent. Einziges Problem: Ein Vorstellungsgespräch könnte er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht wahrnehmen, denn dafür müsste er das Gefängnis verlassen. Topfstedt verabredet mit ihm, die konkrete Stellensuche noch ein paar Monate zu verschieben.

Der nächste Gefangene ist ein Künstlertyp mit grauem Pferdeschwanz, der wegen wiederholter Körperverletzung in Tegel gelandet ist. Ausführlich erzählt er seinen Werdegang als Bühnen- und Kostümbildner, auch als Buchbinder hat er schon gearbeitet. Kein einfacher Fall, doch ein Blick in den Computer verrät Topfstedt, dass in Berlin immerhin zehn Stellen für Buchbinder zu besetzen sind. "Das ist doch mehr als gedacht", ruft Topfstedt aus. Dann ist erst mal Zigarettenpause. Auf dem Gefängnishof unterhält er sich mit einer Sozialarbeiterin über einen ihrer Schützlinge, den er vermitteln soll.

Angenehmer als im Jobcenter draußen

Früher hat Michael Topfstedt als Fallmanager in einem ganz normalen Jobcenter gearbeitet. Der menschliche Umgang sei dort wesentlich schlimmer gewesen, sagt er. "Das Klientel und das Umfeld sind im Gefängnis zwar schwieriger, aber die Arbeit ist angenehmer als draußen." Hier müsse er nicht auf Sanktionen prüfen und niemandem sein Arbeitslosengeld II kürzen. Die Inhaftierten kommen freiwillig zu ihm, nicht weil sie müssen, und sie sind froh über jede Hilfe, die er ihnen bieten kann. Denn eine berufliche Perspektive erhöht ihre Chancen, in den offenen Vollzug verlegt oder vorzeitig entlassen zu werden. Dass jemand ihn bedrohe, komme selten vor, sagt Topfstedt. Körperlich angegriffen wurde er noch nie.

JVA Tegel

Der Besucherparkplatz vor den Mauern der JVA Tegel

30 bis 40 Beratungsgespräche mit Gefangenen führt Topfstedt in der Woche. Dabei hält er sich vorrangig an zwei Strategien: "Humor oder harte Kante". Mit seiner lockeren aber verbindlichen Art schafft er es in der Regel, eine entspannte und konstruktive Gesprächsatmosphäre herzustellen. Wird jemand doch mal verbal übergriffig, bedroht ihn oder versucht ihn für Schmuggeldienste einzuspannen, beendet er sofort das Gespräch.

Was jemand auf dem Kerbholz hat, das weiß Topfstedt erstmal nicht, wenn der Gefangene durch seine Tür tritt. Und er will es in der Regel auch gar nicht so genau wissen. "Wenn jemand anfängt, mir die Details seiner Tat zu schildern, sage ich: Stopp." Auf manche Bilder in seinem Kopf kann er gut verzichten. Zwar kann die Straftat am Ende auch relevant für die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben sein, denn bestimmte Delikte sind für bestimmte Berufe ausgeschlossen. Einen Sexualstraftäter etwa schickt man nicht in die Kita und einen Betrüger nicht in die Bank. Aber das zu prüfen, ist Sache der Gefängnisleitung. "Ich behandle hier alle am Tisch gleich", sagt Topfstedt.

Smalltalk mit dem Dreifachmörder

Natürlich weiß er bei Inhaftierten, mit denen er sich häufiger auseinandersetzt, doch irgendwann Bescheid. Schließlich kennt er manche über Jahre. So wie bei dem Gefangenen, der kurz nach der Zigarettenpause bei ihm auf der Matte steht und im Plauderton vom Ausgang seines jüngsten psychologischen Gutachtens berichtet. Topfstedt hört zu und bestellt noch schöne Grüße an die Frau. Ganz normaler Smalltalk, könnte man meinen. Dass Topfstedt weiß, dass der Mann seine Eltern und seine Schwester ermordet hat, lässt er sich nicht anmerken.

Damit ihm solche Geschichten nicht ständig im Kopf herumspuken, nimmt Topfstedt die Arbeit generell nicht mit nach Hause. Am Abendbrottisch der Topfstedts wird nicht übers Gefängnis gesprochen. Die Töchter wissen über Papas Beruf nur, dass er Männern, die etwas Böses gemacht haben, dabei hilft, sich zu bessern. Viel mehr will seine Frau auch nicht wissen. Sie hat bisher jede Einladung, die JVA zumindest einmal von innen zu sehen, ausgeschlagen.

JVA Tegel

Auf dem Anstaltsgelände (hier der Blick von außen) verbergen sich nicht nur Zellen und Verwaltungsgebäude, sondern auch zahlreiche Handwerksbetriebe

An die 800 Straftäter sitzen in Tegel ein und das Thema Arbeit spielt nicht nur für diejenigen eine Rolle, die bald in den offenen Vollzug verlegt oder ganz entlassen werden. Auch das tägliche Gefängnisleben wird von Arbeit bestimmt, schließlich herrscht in Berliner Anstalten eine Arbeitspflicht. Auf dem Gelände der JVA Tegel gibt es mehr als ein Dutzend Handwerksbetriebe, in denen sich die Inhaftierten Geld dazu verdienen und berufliche Qualifikationen erwerben können. So gibt es unter anderem eine Tischlerei, eine Bäckerei, eine Gärtnerei, eine Malerei und sogar eine Kfz-Werkstatt. Der Arbeitstag für die Gefangenen beginnt um 6:45 Uhr und endet um 15 Uhr.

Qualifizierung für den regulären Arbeitsmarkt

Mit Bildungsgutscheinen kann Topfstedt Aus- und Weiterbildungen finanziell fördern, sodass die Inhaftierten mehrjährige Haftstrafen nutzen können, um sich für den regulären Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Viele schließen hier sogar zum ersten Mal in ihrem Leben eine ordentliche Ausbildung ab. Und sie haben anschließend durchaus gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, denn Handwerker, Reinigungs- oder Küchenkräfte werden derzeit händeringend gesucht. Einige Zeitarbeitsfirmen und Handwerksbetriebe tauchen mittlerweile sogar direkt in der JVA auf, um Elektriker oder Kfz-Mechatroniker bei einem Kennenlerntreffen anzuwerben.

Für die Inhaftierten führt der Weg zurück ins normale Arbeitsleben in aller Regel über den offenen Vollzug. Wer einen geregelten Job in Aussicht hat, hat gute Chancen, von Tegel in eine andere Anstalt verlegt zu werden, die er dann tagsüber verlassen darf, um seiner Arbeit nachzugehen. Natürlich haben manche Arbeitgeber Vorbehalte gegenüber Inhaftierten, erzählt Topfstedt. Anderen gelten Häftlinge dagegen als ausgesprochen vorbildliche Mitarbeiter. Pünktlich, diszipliniert und selten krank – schließlich ist die Alternative zum Arbeiten kein Tag mit Netflix auf dem Sofa, sondern in der Gefängniszelle.

Positive Rückmeldungen von Unternehmen, die ehemalige Gefangene beschäftigen, freuen Topfstedt ganz besonders. Schließlich ist eine feste Arbeit der beste Schutz gegen erneute Straffälligkeit. "Meine Aufgabe ist der Schutz der Gesellschaft", sagt Topfstedt. "Wenn ich durch meine Arbeit die Rückfallquote minimiere, sehe ich meinen Auftrag als erfüllt."

Offizielle Statistiken über den Erfolg der Berliner Reso-Berater gibt es nicht. Aber hin und wieder trifft Topfstedt einen ehemaligen Inhaftierten auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn. Dann grüßt er schön - und hofft, dass sie sich nie wieder in seinem Büro begegnen.

VERNUFT -- grundsätzlich als KRIMINELL definiert ??
Kinder und Hartz4-Empfänger werden „zur Vernunft“ diszipliniert. Persönliches Fortkommen, ohne Stillstand, ist das, was man vorgibt. Zweifel seien unvernünftiges Verhalten; Widerspruch, krankhaftes. Rationales oder pragmatisches Verhalten wird nur der „Führung“ (also dem Regierungs- und Verwaltungsapparat) zugebilligt. Nirgends ist ein demokratische Verhalten hinsichtlich der „Führung“ definiert. Demokratie bedeutet: man gibt der gewählten Führung den Auftrag, dem Volk (exakt dem Wohl des Einzelnen) zu dienen. Statt dessen werden Gruppeninteressen vertreten, die ein starkes Veto einlegen oder die Richtung (eigene Vernunft) straffrei umsetzen dürfen. Was ist Vernunft ? Wir kennen nur „unsinnige“ Gruppeninteressen, wie a) den Bau eines Schutzwalles gegen Imperialisten b) den Bau eines weltbedeutenden Drehkreuz-Flughafens (als Abschreckung der Konkurrenz) c) die Einführung von Hartz4 (Motto: nur Billig-Arbeit macht reich) d) eine Mobilität, wo Jedem erlaubt wird so schnell zu fahren, wie er sich es finanziell leisten kann e) ein gewinnorientiertes Verhalten, das „Schwache“ (entgegen der Gesetzeslage) „übertölpelt und ausraubt“; 1) Menschen werden kaufsüchtig / spielsüchtig / sexsüchtig gemacht, mit staatlicher Förderung >> Vogelfreiheit 2) der Enkeltrick ist eine Ableitung des kapitalistischen Systems >> SUB-Randgruppe gegen SUB-SUB-Randgruppe Vernunft heißt ursprünglich: „den eigenen Trieben Einhalt zu gebieten -- Anderen Freiheiten zu geben !!“ (Antikes Rechtsmotto) „Vernunft heißt, Anderen Frieden zu gewähren und Selbst im Gegenzug zu beziehen“ (Biblisches Gemeinwohl ) Warum geht das nicht in einer DEUTSCHEN Demokratie ? Fehlt den Deutschen die Einsicht ? Fehlt den Deutschen ein demokratisches Verständnis ? .. oder sogar Beides ? Oder kann sich in Deutschland nur jemand (verhaltensgestörtes Egozentrisches) politisch an die Spitze setzen, der BEIDES eben gerade nicht praktiziert und umsetzt, gegen die Schwächeren „vernünftig Handelnden“ ???? ... ähnlich, wie das bei kriminellen Banden die Regel ist ? Ist kriminelle Egozentrik nicht die beste Vernunft ? ... Resumee: das sollten die Kinder und Hartz4-Empfänger angeleitet werden, solches ebenfalls umsetzen ? ... sich nicht manipulirren / ausnutzen zu lassen, um nicht in einer Endlosschleife einer Opferrolle zu verharren ?