Erhebung Armut: 13,3 Millionen Menschen gefährdet

Die Tafeln in Deutschland versorgen Hunderttausende mit sehr wenig Geld. (Symbolbild) Foto: Sina Schuldt/dpa
Die Tafeln in Deutschland versorgen Hunderttausende mit sehr wenig Geld. (Symbolbild) Foto
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Bei sehr vielen Menschen reicht das Geld hinten und vorne nicht. Die jüngste Statistik zeigt eine deutliche Zunahme. Die Opposition fordert Konsequenzen.

In Deutschland ist die Zahl der armutsgefährdeten Menschen binnen eines Jahres um 200.000 auf 13,3 Millionen gestiegen - das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung. Dies teilte das Statistische Bundesamt mit. Als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht galten 2025 sogar 17,6 Millionen Menschen oder 21,2 Prozent der Bevölkerung. Linke, BSW und Sozialverbände warnten angesichts der Zahlen vor Einschnitten ins soziale Netz.

Die Statistiker werteten für die neuen Zahlen den Mikrozensus aus. Dafür wurden nach Angaben des Bundesamts 47.444 Haushalte und 81.255 Menschen ab 16 Jahren zu Einkommen und Lebensbedingungen befragt. Armut wird in der Statistik im Vergleich zum Wohlstand der gesamten Bevölkerung gemessen. 

Hohes Armutsrisiko bei Alleinlebenden

Als armutsgefährdet gilt nach Definition der Europäischen Union eine Person, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung hat. Bei Alleinlebenden lag diese Grenze bei netto 1.446 Euro im Monat (2024: 1.381 Euro). Für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag sie bei 3.036 Euro (2024: 2.900). Grundlage ist das Jahreseinkommen. 

Singles haben laut Statistik ein hohes Armutsrisiko: Laut Bundesamt lag bei Haushalten von Alleinlebenden die Gefährdungsquote bei 30,9 Prozent. Bei Alleinerziehenden waren es 28,7 Prozent. Die höchste Quote von Armutsgefährdung haben laut Statistik Arbeitslose mit 64,9 Prozent. Bei Menschen im Ruhestand sind es 19,1 Prozent.

Die Kategorie "von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht" ist weiter gefasst. Laut EU-Definition gilt dies, wenn mindestens eine von drei Bedingungen zutrifft: wenn das Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegt, wenn ein Haushalt von erheblicher materieller und sozialer Entbehrung betroffen ist oder die Person in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung lebt. Es geht also auch darum, ob Menschen genug Geld haben, am sozialen Leben teilzunehmen. Der Anteil war 2025 mit 21,2 Prozent der Bevölkerung praktisch genauso hoch wie ein Jahr zuvor (21,1 Prozent).

"Nicht nur eine abstrakte Zahl"

Der Paritätische Gesamtverband äußerte sich besorgt. "Armut ist nicht nur eine abstrakte Zahl", erklärte Geschäftsführerin Katja Kipping. "Für die Betroffenen bedeutet Armut: Kinder ohne Winterjacke, Familien, die bei der Heizung sparen müssen, Menschen, die den Zahnarztbesuch aufschieben." Armut bedeute Existenzängste. Die Zahlen seien deshalb der Auftrag an die Regierung, Armut abzubauen und nicht zu verschärfen.

Ähnlich äußerte sich der Sozialverband Deutschland. "Die Zahlen zeigen deutlich, wie unverzichtbar ein starker Sozialstaat ist", sagte SoVD-Chefin Michaela Engelmeier. "Statt über Kürzungen zu sprechen, braucht es eine gerechte Besteuerung hoher Vermögen und verlässliche soziale Absicherung."

Frauen "nicht zufällig" betroffen

Darauf drangen auch die Oppositionsparteien Linke und BSW. Die Linken-Vorsitzende Ines Schwerdtner wies darauf hin, dass Armut nicht zufällig vor allem Frauen treffe, die in Teilzeit erwerbstätig seien und zusätzlich unbezahlte Sorgearbeit leisteten. "Wer diese Arbeit leistet, zahlt dafür noch immer einen zu hohen Preis", sagte Schwerdtner. "Die neuen Zahlen zeigen klar und deutlich, was wir brauchen: ein bezahlbares Leben durch existenzsichernde Löhne, verlässliche Leistungen und Mieten, die sich die Menschen leisten können."

Der Bundesvorsitzende des Bündnisses Sahra Wagenknecht, Fabio De Masi, nannte die Zahlen ein Armutszeugnis für die Bundesregierung und kritisierte die Sozialstaatsdebatte. "Wir brauchen keine Vorschläge, die das Land in Vor-Bismarck-Zustände versetzt, wenn sogar der Zahnarztbesuch privatisiert werden soll", meinte De Masi. Nötig sei eine Politik, die die Wirtschaft in Gang bringe und Aufstieg organisiere.

dpa

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