Ein Wirtschaftswissenschaftler der University of Oxford hält eine Bewerbung Hamburgs um Olympische Spiele für eine "riskante Wette". Die Spiele seien als Event großartig, daran bestehe kein Zweifel, sagte Alexander Budzier der Wochenzeitung "Die Zeit". "Doch wenn wir über zehn Milliarden Euro sprechen, stellt sich die Frage, ob dieses Geld nicht an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt wäre – etwa für funktionierende Krankenhäuser, Pflegeheime oder gut instand gehaltene Straßen."
Budzier forscht zu Kosten und Risiken von Großprojekten
Budzier forscht seit Jahren zu Kosten und Risiken von Großprojekten, hat mit seinem Kollegen Bent Flyvbjerg mehrere Olympische Spiele untersucht. Die vom rot-grünen Senat genannten Organisationskosten für Spiele in der Hansestadt in Höhe von rund 4,8 Milliarden Euro hält er noch für plausibel. Allerdings fehle ein Inflationszuschlag um 10 bis 15 Prozent. Schließlich plane der Senat eine Bewerbung um die Spiele 2036, 2040 oder 2044. Auch bei den reinen Betriebskosten könnten sich die Spiele selbst tragen.
"Anders verhält es sich mit den Investitionen rundherum", sagte Budzier. Der Bau oder Umbau von Stadien, die Verkehrsinfrastruktur, das olympische Dorf, aber auch viele temporäre Maßnahmen wie Straßensperrungen oder Medienzentren kosteten viel Geld. "All das ist nach Ansicht des IOC Sache der Gastgeber." Und genau dort lägen die eigentlichen finanziellen Risiken.
Budzier: Realistische Kosten bei zehn Milliarden Euro und mehr
Bislang veranschlagt der Senat für zusätzliche Posten wie Sportstätten und Verkehrsmaßnahmen rund 1,3 Milliarden Euro - aus Budziers Sicht viel zu wenig. "Realistischer wäre es wohl, für Durchführung und Infrastruktur insgesamt mit rund zehn Milliarden Euro zu rechnen – oder mehr, wenn man Inflation und den langen Planungshorizont berücksichtigt." Besonders die Idee des Senats, das Olympiastadion gar nicht in die Kostenkalkulation aufzunehmen, weil der HSV ohnehin ein neues Stadion braucht, hat aus Sicht der Forschers "schon ein Geschmäckle".
"Seit mindestens 1960 hat jeder olympische Gastgeber mehr ausgegeben als geplant", sagte Budzier. Paris 2024 sei zwar tatsächlich deutlich günstiger ausgefallen als etwa die Spiele in Rio de Janeiro 2016. "Doch auch in Paris sind die Kosten am Ende deutlich gestiegen – auf etwa 7,5 Milliarden Euro, das ist mehr als doppelt so viel wie ursprünglich veranschlagt." Für Budzier ist die französische Hauptstadt kein ideales Vorbild, denn "dort hat sich eher gezeigt, dass die Umrüstung vorhandener Wettkampfstätten auf olympische Standards deutlich teurer war als gedacht".
"Der vermeintliche Gewinn ist ein Rechentrick"
Paris habe bei den Spielen selbst tatsächlich einen kleinen Gewinn gemacht. Aber sobald man die öffentlichen Ausgaben für Infrastruktur und Begleitmaßnahmen einrechne, sei das Plus verschwunden. "Der vermeintliche Gewinn ist ein Rechentrick." Und mit Blick auf Hamburg sagte Budzier: "Wenn wir insgesamt über Investitionen in Höhe mehrerer Milliarden Euro sprechen, dann sind 100 Millionen Euro Überschuss kein großer Betrag."
Die Erwartungen an wirtschaftliche Effekte, vor allem im Tourismus, würden oft überschätzt. So seien in Paris während der Spiele viele Touristen weggeblieben, die Hotelbelegung habe trotz der Olympia-Besucher rund 20 bis 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau gelegen. Langfristig könne es aber positive Effekte geben. So sei Australien nach den Spielen in Sydney als Reiseziel international sichtbarer geworden, Barcelona sei zu einem der wichtigsten Reiseziele Europas geworden.
Paris veranstaltete die Spiele mitten in der Stadt. Hamburg plant das auch. Der lokalen Wirtschaft in Frankreich habe das jedoch keinen Schub gebracht, sagte Budzier. "Im Gegenteil: Wegen weiträumiger Sicherheitszonen und gesperrter Straßen waren viele Viertel schwer erreichbar, Läden und Restaurants hatten weniger Kundschaft als sonst." Die Einbußen seien so erheblich gewesen, "dass die Stadt Händler entschädigen musste – Kosten, die in der offiziellen Olympia-Kalkulation wieder nicht auftauchten".