Wenn Dorothea Kronenberger tanzt, dann spürt sie Lebensfreude. Anders war das, als sie die Diagnose Parkinson erhielt, erinnert sich die 67-Jährige."Das hat mir erst mal den Boden unter den Füßen weggehauen. Ich konnte damit nichts anfangen."
Das ist jetzt drei Jahre her, und Kronenberger findet ihren Weg, mit der Krankheit umzugehen. Wichtiger Bestandteil: Sport. Schon länger spielt sie Tischtennis, beim sogenannten PingPongParkinson. Und seit kurzem nimmt sie an einem Tanzprojekt in Frankfurt am Main teil.
"Connect" heißt es, und ins Leben gerufen haben es der ebenfalls an Parkinson erkrankte Christian Rietschel und seine Ehefrau Gerhild Frasch. Die Tanzgruppe trifft sich regelmäßig im Museum für Kommunikation zur Tanzstunde. Unterstützt werden sie durch die Aventis-Foundation, die Carlsstiftung und die Reiss-Stiftung.
"Geteiltes Leid ist halbes Leid"
Die Idee kam aus Zürich, wo sich das Paar einen ähnlichen Kurs angeschaut hat. "Wenn jemand tanzt, macht er was, was er vorher nicht gemacht hat und merkt dabei, dass er sich doch ganz gut bewegen kann", sagt Rietschel. Jeder solle individuell seine Möglichkeiten sehen und sehen, was er noch alles könne.
"Das Problem von Parkinson-Patienten ist, dass sie steif werden und dass die Beweglichkeit immer schlechter wird", erklärt er. "Ich hab selber Parkinson und weiß, dass Bewegung sehr wichtig ist." Tanzen sei eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Der Austausch sei für ihn wichtig. Er lerne über seine Krankheit von den anderen sehr viel. Und: "Geteiltes Leid ist halbes Leid."
Gerhild Frasch ist froh, dass der Tanzkurs auf eine große Resonanz stößt. "Weil ich einfach merke, ganz viele von denen, die hier so sitzen und fest sitzen, fangen an, sich zu bewegen und lernen noch mal neue Möglichkeiten, sich auszudrücken, neue Muster körperlich aber auch mental zu erleben", sagt sie. "Es ist eine super Laune hinterher, alle sind immer entspannt."
Gemeinsam bewegen, gemeinsam die Krankheit begreifen
Zur Tanzstunde füllt sich der Saal im Museum, zum Schluss kommen noch zwei Musikerinnen, die für Livemusik während des Kurses sorgen. Gestartet wird sitzend auf Stühlen, so dass jeder mitmachen kann. Füße heben, Arme strecken, atmen.
Miriam Karpf leitet die Stunde im Wechsel mit Elvira Thiess. Die Tanzvermittlerin beginnt mit einem Warm-up. "Dann machen wir ein paar Stretching-Einheiten. Gerade beim Parkinson ist es gut, wenn man ausladende Bewegungen macht, weil da die Muskelversteifung dabei ist und alles eher ein bisschen kleiner wird", erklärt Karpf. "Genauso gut sind auch Koordinationsübungen."
Das Tanzen bringe den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Lebensfreude, es sei auch gut für die Balance und den Gleichgewichtssinn. Neurologische Patientinnen und Patienten könnten beim Sport keinen Druck gebrauchen, sagt sie. Wichtig sei, dass der Spaß im Vordergrund stehe und die Krankheit auch mal vergessen werden dürfe.
Mediziner: "Die mentale Komponente ist ja auch immens wichtig"
Simon Baudrexel, Oberarzt an der Uniklinik Frankfurt und Leiter der Ambulanz Bewegungsstörungen, hält Bewegung bei Parkinson-Patienten für wichtig. Ein Baustein der Behandlung seien Medikamente. Aber wahrscheinlich mindestens genauso wichtig sei häufige Bewegung. "Aerobes Ausdauertraining hat einen nachgewiesen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf", sagt er. Krafttraining und Koordinationstraining seien auch bedeutend.
Ein Fitnessstudio sei nicht jedermanns Sache. Da helfen Sportarten wie Tischtennis oder Tanzen, um Spaß an der Bewegung zu haben, wie der Mediziner sagt. "Die mentale Komponente ist ja auch immens wichtig." Parkinson-Patienten neigten zu Antriebslosigkeit und Depressionen. Auch dagegen helfe Tanzen. Es gebe Studien, die gezeigt hätten, dass sich regelmäßiges Tanzen nachhaltig auf die Kognition auswirke.
"Ich hab mir meinen Optimismus bewahrt"
Dorothea Kronenberger hat nach eigener Aussage einen langsamen Verlauf. Von ihrer Diagnose war sie aber überrascht: "Zumal ich selbst die allerersten Symptome nicht so gemerkt habe. Freundinnen haben mich drauf angesprochen, ob ich merken würde, dass ich zittere oder ob ich nervös sei."
"Das macht auch was mit mir, wenn ich hier in der Gruppe sehe, wie unterschiedlich wir alle drauf sind und wo auch die Reise hingehen kann", erzählt die 67-Jährige. Die Lebensfreude aber habe sie sich nicht nehmen lassen. Und ohne die könnte sie nicht weitermachen, sagt sie.
"Ich tanz’ sowieso für mein Leben gerne", sagt Kronenberger. "Ich bewege mich sehr gerne." Parkinson sei eine sehr individuelle Krankheit. "Jeder Parkinson ist anders." Es sei aber auch ein wenig Einstellungssache, wie man mit der Krankheit umgeht, sagt sie. "Ich hab mir meinen Optimismus bewahrt."