Cold Case
Mord verjährt nicht – Aufklärung nach Jahrzehnten

So sieht der Fundort der Leiche heute aus. (Archivbild) Foto: Thomas Frey/dpa
So sieht der Fundort der Leiche heute aus. (Archivbild) Foto
© Thomas Frey/dpa
Was geschah nahe der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz vor mehr als drei Jahrzehnten? Ein alter Fall steht möglicherweise vor der Aufklärung. Wie ist das den Ermittlern gelungen?

Wie kann ein lange im Dunklen liegender Mord später noch aufgeklärt werden? Eine DNA-Analyse spielt dabei oft eine Rolle, wenn nach Jahrzehnten neue Ermittlungen zu bis dahin ungelösten Fällen aufgenommen werden. Das könnte auch im Fall einer US-amerikanischen Touristin, die vor fast 32 Jahren in Koblenz ermordet wurde, so gewesen sein. Ein mittlerweile 81 Jahre alter Deutscher wurde am Montag festgenommen. 

Was ist über die Tat bekannt?

Die damals 24 Jahre alte Amy Lopez wurde am 26. September 1994 unterhalb der Festung Ehrenbreitstein ermordet. Das Opfer war nach Angaben der Staatsanwaltschaft weitgehend entkleidet und wies schwere Kopfverletzungen, mehrere Messerstiche am Oberkörper und Strangulationsmerkmale auf.

Laut der Koblenzer Staatsanwaltschaft war die junge Frau damals zu einer Besichtigung der Festung, die regelrecht über dem Rhein thront, aufgebrochen. Dort kam sie aber nie an. 

Kurz nach der Tat fanden spielende Kinder die Leiche der sexuell missbrauchten 24-Jährigen am Aufstieg – genauer gesagt am sogenannten General-von-Aster-Zimmer, dem früheren Arbeitszimmer des preußischen Generals Ernst Ludwig von Aster (1778-1855), einer Art Lost Place an einem Pfad auf halber Höhe. Der General war Ingenieur und Festungsbaumeister und ließ sich einst am Südhang einen Turm errichten, in dem er arbeitete.

Wie kam es zu den neuen Ermittlungen?

Die Polizei ging nach der Tat davon aus, dass die Frau Opfer eines Sexualverbrechens war. 2024 teilten die Ermittler dann mit, dass bei der Überarbeitung des Falls mit modernen Methoden männliche DNA-Spuren an Asservaten gefunden worden seien. 

Im September 2025 veröffentlichten die Ermittler Fotos von Gegenständen, die der Täter an sich genommen haben könnte. Dazu gehörte ein silbernes Armkettchen, eine Brille und eine weiße Bauchtasche.

Es gebe ein Täterprofil, nach dem der Mann "mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Einzeltäter zwischen 18 und 35 Jahren war, ohne persönlichen Bezug zum Opfer, aber mit Vorerkenntnissen in Gewalt- oder Sexualdelikten". 

Für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen, wurde eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro ausgesetzt.

Was ist eigentlich ein Cold Case?

Eine bundeseinheitliche Definition gibt es laut Landeskriminalamt (LKA) nicht. Die Ermittlungsbehörden in Rheinland-Pfalz verstehen darunter ein vollendetes oder versuchtes Delikt oder einen Vermisstenfall, bei dem es nach kriminalistischer Erfahrung um ein Tötungsdelikt gehen könnte, wie ein LKA-Sprecher sagt.

Gemeinsam ist diesen Fällen, dass sie bislang nicht aufgeklärt werden konnten, obwohl teils umfangreich ermittelt wurde. Das LKA spricht von rund 250 sogenannten Cold Cases in Rheinland-Pfalz. 

Wie oft wird ein Cold Case nach Jahren noch aufgeklärt?

Eine statistische Erhebung dazu gibt es beim LKA nicht. Meist ermöglichen neue kriminaltechnische Möglichkeiten eine überraschende Aufklärung. 

Wer wird in diesem Fall über die Details der Festnahme berichten?

Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft wollen sich am Mittwoch im Koblenzer Polizeipräsidium zum Stand der Ermittlungen im Fall der amerikanischen Touristin, zu Hintergründen der Tat und zu Gründen für die Wiederaufnahme der Tätersuche äußern. Spezialisten für Cold-Case-Fälle aus dem Präsidium werden ebenfalls Informationen liefern. 

Welche spektakulären Aufklärungen gab es schon?

29 Jahre lang wurde Lolita Brieger aus Frauenkron in der Eifel vermisst, bis man im Oktober 2011 ihre sterblichen Überreste auf einer ehemaligen Mülldeponie fand. Hier hatte ein Zeuge, der dem Täter bei der Beseitigung der Leiche half, in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" den entscheidenden Tipp gegeben. Der Täter wurde später vor dem Landgericht Trier des Totschlags überführt – aber freigesprochen, weil Totschlag nach 20 Jahren verjährt war.

Welche ungeklärten Fälle gibt es noch in Rheinland-Pfalz?

Im Oktober 1994 wurde eine Frau aus Portugal im Trierer Eros-Center getötet. Die Obduktion ergab laut Kriminalpolizei massive Gewalt gegen Kopf und Hals als Todesursache. Der Täter konnte bis heute nicht ermittelt werden. 

Ungeklärt ist auch ein Mordfall vor mehr als 40 Jahren in der Eifel. Die verbrannte Leiche eines 19-Jährigen war 1982 in einer Lavagrube bei Pelm gefunden worden. Die Polizei geht davon aus, dass der Mann an einem anderen Ort getötet, sein Körper in die Grube transportiert und dann angezündet worden war.

Internationale Fälle

In Großbritannien wurde Mitte vergangenen Jahres ein 92 Jahre alter Mann wegen eines beinahe 60 Jahre zurückliegenden Mordes verurteilt. Dabei soll es sich um den ältesten sogenannten Cold Case der britischen Polizeigeschichte gehandelt haben. Eine Jury befand den Mann schuldig, eine 75-jährige Frau 1967 in ihrem eigenen Haus vergewaltigt und erwürgt zu haben. 

Spermaspuren auf dem Rock des Opfers führten zu dem Mann, der bereits wegen Vergewaltigung anderer älterer Frauen vorbestraft war. Seine DNA war bei einem anderen Vorfall im Jahr 2012 in die Datenbank der Polizei gelangt.

Prozess in Bad Kreuznach

Unter den 42 Cold Cases im Bereich des Polizeipräsidiums Mainz ist auch der Überfall auf ein Juweliergeschäft von 2013 in Bad Kreuznach. Dabei wurde auf den Sicherheitsmann geschossen. Der Täter, der die Schüsse abgegeben haben soll, wurde zwölf Jahre später – also im vergangenen Jahr – in Österreich gefasst mit Hilfe einer DNA-Spur. 

Dabei kam ein neues DNA-Profil zum Tragen, das aufgrund eines Betäubungsmitteldelikts angelegt worden war. Gegen den Mann wird derzeit in Bad Kreuznach verhandelt. Zwei Hintermänner standen schon 2017 vor Gericht, einer von ihnen wurde wegen Beihilfe zu schwerem Raub zu zwei Jahren Bewährungsstrafe verurteilt.

dpa