Archäologie
Rund 7.000 Jahre alter Kopfschmuck belegt Schamanismus

Kuratorin Josefine Biedinger zeigt Rehgeweihkopfschmuck aus einer jungsteinzeitlichen Siedlung. Foto: Heiko Rebsch/dpa
Kuratorin Josefine Biedinger zeigt Rehgeweihkopfschmuck aus einer jungsteinzeitlichen Siedlung. Foto
© Heiko Rebsch/dpa
Schamanismus hat es in der Steinzeit Mitteldeutschlands über mehrere Jahrtausende gegeben. Darauf lässt die Untersuchung eines Rehgeweih-Kopfschmucks schließen.

Ein neu bewerteter rund 7.000 Jahre alter Rehgeweih-Kopfschmuck aus der Börde liefert Hinweise auf die Tradition des Schamanismus in Mitteldeutschland. Der jungsteinzeitliche Fund stammt aus einer 1987 ausgegrabenen Grube in der Siedlung Eilsleben-Vosswelle. "Die neuen Analysen zeigen, dass das Stück überraschende Parallelen zum deutlich älteren Grab der sogenannten Schamanin von Bad Dürrenberg aufweist", sagte der an den Untersuchungen beteiligte Archäologe Oliver Dietrich. "Das Stück ist eindeutig Teil einer mittelsteinzeitlichen Tradition der Geweiharbeit."

Kopfschmuck stammt aus der Linienbandkultur

Es handelt sich den Angaben zufolge um das Geweih eines etwa zwei bis drei Jahre alten Rehs. Das Schädelfragment ist rechteckig zugerichtet und zeigt Schnittspuren, die auf eine Häutung hindeuten. Beidseitige Kerben nahe dem Geweihansatz sprechen aus Sicht der Experten dafür, dass das Stück befestigt und getragen wurde – vermutlich als Kopfschmuck oder Maske. Eine Radiokarbondatierung ergab ein kalibriertes Alter zwischen 7.291 und 7.034 Jahren. 

Der Kopfschmuck stammt aus einer Siedlung der sogenannten Linienband-Keramikkultur, der frühesten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas, die ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus aus dem östlichen Mitteleuropa nach Westen wanderte. Auffällig ist, dass die Siedlung bereits in ihrer frühesten Phase durch Wall, Graben und Zaun befestigt war, was mit ihrer vorgeschobenen Lage am nördlichen Rand der Löss-Zone - das heißt, der Verbreitung der Linienbandkeramik - in Verbindung stehen könnte.

Bauern verdrängten Jäger und Sammler

Mitteldeutschland zählt zu den Regionen, in denen die Auswirkungen des Übergangs zur Sesshaftigkeit besonders deutlich fassbar sind. Während die Jäger- und Sammlergruppen nach dem Ende der letzten Eiszeit von Jagd, Fischfang und pflanzlicher Nahrung lebten, begannen vor etwa 7.500 Jahren sesshafte Bauern mit Ackerbau und Viehzucht die fruchtbaren Lössböden zu besiedeln. Die Jäger wurden dabei vielfach in weniger ertragreiche Randlagen verdrängt.

Archäologische Befunde zu Kontakten zwischen beiden Gruppen sind allerdings selten. Die Forscher schließen nicht aus, dass der Rehgeweih-Kopfschmuck aus Eilsleben auf direkte Kontakte zu steinzeitlichen Ritual- oder Heilkundigen hinweist. 

Umso größere Bedeutung kommt der Siedlung von Eilsleben-Vosswelle zu, die seit den 1920er Jahren bekannt ist und zwischen 1974 und 1989 großflächig ausgegraben wurde. Aktuell gibt es dort erneut Ausgrabungen. Die mehrphasige Anlage gilt als einer der wichtigsten Fundplätze zur Erforschung der frühen Jungsteinzeit in Sachsen-Anhalt.

Bauern versuchten die Fähigkeiten der Schamanen zu nutzen

"Den Bauern der Linienbandkeramik waren schamanistische Vorstellungen fremd, für sie ist eher Ahnenkult anzunehmen", sagte Landesarchäologe Harald Meller. "Es ist vorstellbar, dass man in Situationen, die die eigenen medizinischen Fähigkeiten überstiegen, versuchte, die Fähigkeiten einer Schamanin oder eines Schamanen zu nutzen, die nicht nur über Kontakte ins Geisterreich, sondern auch über ein umfassendes Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen verfügten."

Allgemein sind Schamanen als Vermittler zwischen der Geisterwelt und den Menschen für viele Völker in Sibirien, am Nordpol, in der Mongolei und Nordchina belegt.

Große Ausstellung zum Schamanenkult in Halle geplant

Vom 27. März bis 1. November 2026 zeigt das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) die große Sonderausstellung "Die Schamanin". Neben den neuesten Forschungsergebnissen zur Bestattung von Bad Dürrenberg widmet sich die Schau der Mittelsteinzeit als prägender Phase menschlicher Kulturentwicklung. Auch Funde aus Eilsleben-Vosswelle, darunter das bearbeitete Rehgeweih, werden dort zu sehen sein.

dpa