Fest in Weimar am 1. Mai
KZ-Überlebender Andrej Moiseenko feiert 100. mit Punk-Rock

Bei allem, was er erlebt hat: Verbitterung ist Andrej Moiseenko nicht anzumerken. Er erzählt gerne und lacht viel. Foto: Martin
Bei allem, was er erlebt hat: Verbitterung ist Andrej Moiseenko nicht anzumerken. Er erzählt gerne und lacht viel. Foto
© Martin Schutt/dpa

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Andrej Moiseenko überlebte das KZ Buchenwald und blickt trotz schwerster Erfahrungen mit Lebensfreude auf seinen 100. Geburtstag. Was er der Welt wünscht und welche Party ihn erwartet.

Andrej Iwanowitsch Moiseenko ist ein zugewandter Mann. Er redet gerne und lacht viel. Wer ihn trifft, mag erstaunt sein, dass dieser aufgeweckte Mann am 1. Mai 100 Jahre alt wird. Und was mit noch mehr Erstaunen zurücklassen dürfte: Dass dieser Mann die Abgründe der Menschheit überlebt hat und zu einem lebensfrohen Menschen ohne Verbitterung werden konnte. 

Wenige Tage nach dem Gespräch mit dpa kehrt er zum Ort seiner biografischen Zäsur zurück – wie jedes Jahr seit einiger Zeit. In der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar nimmt er, der in Minsk lebt, als einer von zwei Überlebenden an der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers vor 81 Jahren teil. "Ich kann mich an Gedenkfeiern erinnern mit deutlich mehr Überlebenden", sagt Moiseenko. "Eigentlich gibt es fast keine mehr."

Es falle ihm nicht schwer, jedes Jahr zurückzukommen. Die Gedenkfeiern seien für ihn immer mit vielen Möglichkeiten verbunden, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Er spreche dann mit Schülern bei Vorträgen und Filmvorführungen. So lange wie möglich möchte er von seinem Schicksal berichten. "Ich bin dankbar, dass es Leute gibt, die sich für meine Geschichte interessieren." Lange Zeit in seinem Leben habe er mit niemandem darüber gesprochen.

"Ich kann es bezeugen"

Inzwischen sei ihm bewusst, wie bedeutend seine Arbeit als Zeitzeuge ist: "Manche Menschen können es sich überhaupt nicht vorstellen, manche wollen es sich vielleicht auch nicht vorstellen, dass das wirklich wahr ist, was die SS-Leute damals in den Lagern gemacht haben. Ich kann es aber bezeugen." 

Beim Gespräch übersetzt Moiseenkos Freund Hannes Farlock. Als dieser in den Raum kommt, zeigt sich, wie wach und wendig Moiseenko noch ist. Kaum erblickt er seinen Freund, springt er regelrecht auf und läuft ihm schnellen Schrittes entgegen. Beim Sprechen gestikuliert er, spitzt die Ohren, um die auf Deutsch gestellten Fragen zu verstehen. Seit einiger Zeit lernt er die Sprache.

Farlock hat über Moiseenko einen Dokumentarfilm gedreht, gerade arbeitet er an dem nächsten Filmprojekt mit ihm. Solche Filme, aber auch Berichte über ihn, würden die Erinnerung an Schrecken der NS-Zeit wachhalten, meint Moiseenko. Auch dann, wenn er selbst nicht mehr davon berichten könne.

Für Zwangsarbeit verschleppt

Geboren wurde Moiseenko 1926 in der Sowjetunion auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Seine Mutter verlor er früh, sein Vater starb 1941 im Krieg. Als er verzweifelt nach Essen für sich und seine jüngeren Geschwister in seiner von der Wehrmacht besetzten damaligen Heimat suchte, wurde er im Alter von 15 Jahren zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. 

Dort wurde er zur Arbeit beim Rüstungsbetrieb HASAG in Leipzig gezwungen. Weil er verdächtigt wurde, im Widerstand zu sein, wurde er schließlich ins KZ Buchenwald verschleppt. Im Steinbruch leistete er schwerste körperliche Arbeit. Später wurde er im KZ-Außenlager Wansleben weiter zur Arbeit für die Rüstungsindustrie gezwungen. 

Amerikanische Truppen haben ihn am 14. April 1945 befreit – kurz bevor die SS seine Gruppe erschießen wollte, wie Moiseenko es in einem älteren Video auf der Website der Gedenkstätte Buchenwald beschreibt. "Bis zu unserem Tod fehlten nur noch 500 bis 800 Meter. Durch einen Zufall blieb ich am Leben."

"Menschlich Unvorstellbares"

"Das, was in Buchenwald geschehen ist, übersteigt eigentlich das menschlich Vorstellbare", sagt er im Gespräch und schildert, wie er den Großteil der Zwangsarbeiter erlebte. "Es waren Gestalten, aus denen alles Menschliche, alles Geistige, ausgelöscht wurde. Sie waren wie eine dunkle Masse, sie waren ein Schatten ihrer selbst." 

Nur wenige Monate nach seiner Befreiung wurde Moiseenko im Juli 1945 als Soldat in die Rote Armee eingezogen. Er habe dort gedient, nicht gelebt, sagt er heute. Nach seinem Militärdienst im heutigen Belarus blieb er dort. "Ich hatte sonst keinen Platz mehr, wo ich zurückkehren konnte."

Mit viel Beachtung für Details berichtet der Zahlen-affine von seiner Arbeit, seiner Schulbildung und seinem Studium nach dem Militärdienst. "Von 8.00 bis 17.00 Uhr musste ich arbeiten, ab 18.00 bis 22.00 Uhr musste ich lernen." Später wurde er Ingenieur, war an der Entwicklung von Straßenbau-Maschinen beteiligt. "Ich hatte ein sehr schweres Leben und habe nie Freizeit gehabt, entweder habe ich gearbeitet, oder studiert." 

"Die Hoffnung stirbt zuletzt"

Seine Söhne, seine Ehefrau und andere Verwandte hat er längst überlebt. "Seit 25 Jahren bin ich allein." Verbitterung ist ihm aber auch an der Stelle nicht anzuhören. Inzwischen freue er sich, über Möglichkeiten, die Welt zu bereisen. Im vergangenen Jahr war er etwa auch für den neuen Dokumentarfilm in Japan unterwegs, wo er auch Hiroshima besuchte und sich mitgenommen von den Folgen des Atombombenwurfs der USA im August 1945 zeigte.

Angst machten ihm die aktuellen Konflikte in der Welt. Dabei dürfe man aber Regierungen nicht mit der Bevölkerung gleichsetzen, sagt er. "Ich hoffe, dass unsere Nachkommen schlauer agieren als wir. Die Hoffnung stirbt zuletzt." Für die Welt wünsche er sich das, was aus seiner Sicht vermutlich alle möchten: "Frieden und Gerechtigkeit und dass die Menschen mit gewisser Barmherzigkeit miteinander umgehen." 

"Da bin ich der Chef, da bin ich frei"

Auf Belarus, wo er schon so lange lebt, blickt er mit Zwiespalt. Er schätze die Solidarität unter den Leuten dort. In seiner Wohnung in Minsk versuche er dennoch, so wenig wie möglich zu sein. Lieber ist er in seiner Datsche mit großem Garten weiter außerhalb, mit Wald drumherum. "Da guckt keiner, was ich so treibe, da bin ich der Chef, da bin ich frei." 

Überhaupt der Garten. Der erfüllt seinen Alltag mit Aufgaben und mit Leben. Mit Begeisterung zählt Moiseenko die Gemüse- und Obstsorten auf, die dort durch seiner Hände Arbeit gedeihen: Kohl, Rote Bete, Brombeeren und vieles mehr. 

Auf die Frage, ob er die Gartenarbeit körperlich noch schaffe, reagiert er mit einem entspannten Lachen: "Ich arbeite zwei Stunden, dann mache ich eine Stunde Pause, dann wieder zwei Stunden Arbeit und dann wieder Pause." Vielleicht seien seine Sommer im Wald auch der Grund, dass er noch lebe, überlegt er laut.

Geburtstagsfeier mit Punk-Rock

Und wie wird er seinen 100. Geburtstag feiern? In Weimar, wo er wie viele andere Buchenwald-Überlebende, Ehrenbürger ist, ist ein großes Fest geplant. Im Deutschen Nationaltheater soll er auf einer wie ein gemütliches Wohnzimmer hergerichteten Bühne Freunde und Gäste begrüßen können. 

Es soll eine Würdigung des Menschen werden, heißt es von der Gedenkstätte Buchenwald und anderen Organisatoren. Mit dabei wird ein Chor sein, der Lieder aus Belarus singt und ein musikalischer Überraschungs-Act aus der Polit-Punkrock-Ecke, so Weimars Stadtverwaltung. Moiseenko habe sich einen Beitrag aus dem Bereich gewünscht.

dpa