Schnelltipper Kampf gegen das 10-Finger-System

Matthias Koch ist ein Virtuose auf der Tastatur: In seiner Berufsschulklasse kann niemand so schnell tippen wie er. Trotzdem hat er gehörigen Ärger mit seinen Lehrern. Denn Koch tippt nur mit zwei statt mit zehn Fingern.

Die Zeigefinger und ab und an die Daumen reichen Matthias Koch, um an seiner Schule in Norderstedt bei Hamburg Rekorde im Schnelltippen aufzustellen. Über 400 Anschläge pro Minute schafft er mit seiner Technik, fehlerfrei. Die meisten seiner Mitschüler kommen nicht über 60 Anschläge hinaus - sie nutzen das Zehn-Finger-System.

Auch die Lehrer können mit dem Tempo nicht mithalten. Sie werfen dem 18-Jährigen nun "Schummeln" vor. Nun ist ein Streit entbrannt, der vor Gericht entschieden werden muss.

Koch tippt zwar rasant und fehlerfrei, aber nicht systemkonform. Der Lehrplan für die Ausbildung zum Kaufmann der Bürokommunikation schreibt nämlich das Zehn-Finger-System vor. Und die Berufsschule pocht auf dessen Einhaltung. Bleibt Koch bei seiner Technik, droht ihm die Note Sechs, und sein Abschluss ist gefährdet - ganz gleich, wie schnell seine Finger über die Tastatur flitzen.

Note "sehr gut" in der Simulation

"Wenn ich das 'A' nicht mit dem kleinen Finger tippe, gibt es Ärger", berichtet Koch. "Man stellte mich unter Sonderbeobachtung, dass ich ja die Grundstellung annehme." Seit seinem sechsten Lebensjahr, als er einen Computer bekam, kommt er auf der Tastatur mit zwei Fingern bestens zurecht. Die Tasten findet er blind, er kann sich voll auf die Vorlage konzentrieren genau so wie die Zehn-Finger-Tipper.

stern TV schickte Koch in eine simulierte Abschlussprüfung für Europasekretärinnen, die unter realen Bedingungen stattfand. Ergebnis: 411 Anschläge pro Minute, kein Fehler, Note "sehr gut". Von Fachfrauen für Büromanagement werden nur 230 Anschläge gefordert. So ist auch Kochs Arbeitgeberin sehr zufrieden mit ihrem Auszubildenden. Gabriele Maiwald, Chefin eines kartographischen Studios, bezeichnet das Einschreiten der Schule als "Erbsenzählerei".

Kein Anrecht auf eigenen Lehrplan

Die Lehrer bleiben dennoch unerbittlich: "Wir haben nicht zu entscheiden, ob zwei oder zehn Finger besser sind", sagt die Schulleiterin. "Wir haben nur dafür zu sorgen, dass der Lehrplan mit Leben gefüllt wird." Koch stellte einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung beim Verwaltungsgericht Schleswig-Holstein. Werde er gezwungen umzulernen, würde sich seine Schreibtechnik in jedem Fall verlangsamen, meint der Schüler.

Doch das Gericht lehnte den Antrag ab: Koch habe kein Anrecht auf einen eigenen Lehrplan. Von der deutlichen Abfuhr lässt sich der Azubi aber nicht entmutigen. Prompt hat er eine Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht einlegen lassen. Er ist sich sicher, diesmal zu gewinnen, weil er eine Anwältin zur Seite hat.

Derweil versucht die Schule, die Situation zu entschärfen: Der Rebell wurde in eine andere Klasse versetzt, zu einer Lehrerin, die laut Koch nicht ganz so penibel auf den Lehrplan achtet wie seine erste Lehrerin.

Auch im Falle einer erneuten Niederlage im Kampf für Tippfreiheit an deutschen Berufsschulen will sich Koch dem vorgeschriebenen System nicht beugen: "Ich würde dann die Note Sechs in Kauf nehmen."


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