Das war knapp. Am 15. November 2021 bangten sieben Astronauten, darunter der Deutsche Matthias Maurer, an Bord der Internationalen Raumstation (ISS) um ihr Leben. 400 Kilometer über der Erde entkam ihr Gefährt gerade noch einem Hagel aus Schrottteilchen. Für ein Ausweichmanöver wäre der Besatzung keine Zeit geblieben. Zu plötzlich waren die Bruchstücke auf ihrer Flugbahn aufgetaucht. Die Teile stammten von einem alten Satelliten, den eine russische Rakete absichtlich getroffen hatte. Durch den Aufprall war der künstliche Himmelskörper explodiert und hatte sich in eine galaktische Schrotladung verwandelt.
Mehr als 650 Explosionen, Kollisionen und missglückte Raketenstarts haben Satelliten in unzählige Trümmerteile zerlegt
Als gäbe es nicht genug gefährlichen Müll im Erdorbit. „Der Weltraum um unseren Planeten ist nicht mehr die unberührte Leere, die wir uns vorstellen“, sagt die italienische Fotografin Fiorella Baldisserri. Nachdem sie einen Vortrag über Weltraummüll gehört hatte, beschloss sie, durchs Land zu reisen und Forscher sowie Unternehmer zu besuchen, die gefährliche künstliche Objekte im All aufstöbern und beseitigen wollen.
Mehr als 140 Millionen große und kleine Überreste von Raketen, Satelliten und Raumfahrzeugen umkreisen den Planeten. Einige, wie die ausgebrannten Stufen von Raketen, sind bis zu zehn Meter lang, andere nur Bruchteile von Millimetern klein. Doch selbst Staubkörnchen können Schaden anrichten, wenn sie mit rund 30.000 km/h auf ein Hindernis treffen.
Alle künstlichen Objekte im Erdorbit zusammen wiegen rund 15.800 Tonnen
Lange machten sich die Raumfahrtorganisationen keine großen Gedanken darüber, denn der Weltraum schien unendlich weit und das Risiko eines Zusammenpralls verschwindend gering. Das änderte sich 2009, als der russische Satellit Kosmos 2251 mit dem amerikanischen Satelliten Iridium 33 zusammenstieß. Beide zerbarsten und verdoppelten auf einen Schlag die Zahl der gefährlichen Fragmente.
Außerirdische Müllabfuhr
So könnte die Schrottsammlung im Erdorbit künftig ablaufen
Ortung
Satelliten suchen selbsttätig nach gefährlichen Überbleibseln von künstlichen Himmelskörpern
Einfangen
Der „Müllabfuhr-Satellit“ schießt ein Netz in Richtung des Schrottteilchens und fängt es ein
Sicherung
Netz und Müllteilchen werden an Bord gezogen; gegebenenfalls wird die Sammelaktion an anderer Stelle wiederholt
Bremsen
Mithilfe eines Segels bremst der Satellit seine Geschwindigkeit und tritt in die Erdatmosphäre ein, wo er mitsamt dem Müll verglüht
Heute beobachten Weltraumüberwachungssysteme mithilfe von Observatorien und Radaranlagen die rasenden Trümmer; so sollen weitere Kollisionen möglichst verhindert werden. Die Aufpasser ermitteln Flugbahnen und raten den Betreibern von Satelliten zu Kurskorrekturen, wenn sich zwei Objekte zu nahe kommen könnten. Ohne solche Ausweichmanöver könnte in den Umlaufbahnen die Zahl umherschwirrender Teile dramatisch ansteigen – eine Kettenreaktion der Zerstörung wäre die Folge.
Doch viele der ausgedienten Satelliten sind manövrierunfähig. Bis diese von alleine so weit absinken, dass sie in der Atmosphäre verglühen, vergehen Jahrzehnte. Daher muss eine überirdische Müllabfuhr gerufen werden. 2017 testeten Astronauten von der ISS aus, wie diese funktionieren könnte. Dazu setzten sie einen Satelliten aus, der mithilfe eines Netzes Müll einsammelte und anschließend per Bremssegel gezielt in die Erdatmosphäre abstürzte und verglühte.
16.910 Satelliten, aktuell im All: ca. 44.870 regelmäßig beobachtete Müllobjekte
Kleinere Teilchen könnten sich auch mit einer Technik namens Elektroadhäsion einfangen lassen. Ingenieure des italienischen Start-ups Adaptronics entwickeln dazu Folien, die von feinen Leitungen durchzogen sind und per Stromzufuhr andere Materialien anziehen können.
Selbst wenn die Müllabfuhr im All gelingen sollte, wird das Risiko für Zusammenstöße zunehmen. Schon heute umkreisen rund 17.000 Satelliten die Erde. Vor allem durch sogenannte Megakonstellationen wie Starlink von SpaceX und Amazon Leo könnte sich im kommenden Jahrzehnt die Zahl der Flugobjekte vervierfachen, schätzen Experten. Verkehrsregeln wie auf der Erde existieren da draußen bisher nicht. Immerhin haben sich die europäischen Nationen vorgenommen, das Chaos im All nicht weiter zu vergrößern. Das ESA Space Debris Office berät Forscher und Firmen, wie sie sichere Flugbahnen für ihre Satelliten finden und Kollisionen im All vermeiden können.
Anzahl der Raketenstarts seit 1957: 7170
Raumfahrt soll laut der Europäischen Weltraumorganisation auch nachhaltiger werden. Spezielle Tanksatelliten könnten anderen Satelliten zu einem längeren Leben verhelfen, Reparatursatelliten sollen defekte Gefährte reparieren. Die Ingenieure des italienischen Unternehmens Gauss bauen bereits in ihre Mikrosatelliten Bremssegel ein, die sie am Ende ihrer Mission gezielt abstürzen lassen.
Dennoch braucht es klare Regeln fürs All. „Der Weltraum ist ein kostbares und zerbrechliches Gut. Ihn zu schützen, ist unerlässlich, wenn wir weiterhin von seinen Möglichkeiten profitieren wollen“, sagt Fiorella Baldisserri nach 18 Monaten der Recherche.