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Allergien: Impfung mit Stall-Luft

Aus dem Dreck an Stallwänden isolieren Forscher Stoffe, die Allergien unterdrücken könnten. Am Ende steht vielleicht eine Impfung für Stadtkinder.

Von Dr. Erich Lederer

Der Versuchs-Kuhstall für Mäuse ist eine Plexiglas-Kammer von der Größe eines Schuhkartons. Zwanzig Minuten lang atmen hier die Mäuse einen Sprühnebel ein, der echten Dreck aus alpenländischen Viehställen enthält. Diese Therapie, die Forscher um Professor Albrecht Bufe zurzeit an der Ruhr-Universität Bochum erproben, könnte vielleicht schon in wenigen Jahren Kleinkindern aus der Stadt helfen, weniger Allergien als bisher zu entwickeln.

Auf den Spuren der Hygiene-Hypothese

Denn dass Stadtkinder weitaus stärker mit Allergien zu kämpfen haben als ihre Altersgenossen vom Land, beweisen zahlreiche Untersuchungen. So zeigte eine Studie in der renommierten Fachzeitschrift "Lancet" aus dem Jahr 2001, dass nur eines von hundert Kindern, die von der Mutter schon im ersten Lebensjahr in den Stall mitgenommen wurden, später an Asthma erkrankte. Bei Kindern, die nicht aus Bauernfamilien stammten, waren es zwölf.

Erika von Mutius von der Haunerschen Kinderklinik in München ist seit Jahren auf den Spuren der so genannten "Hygiene-Hypothese". Sie fand heraus, dass selbst in der Nachbarschaft von Bauernhöfen erheblich mehr Kinder an Allergien leiden als auf dem Bauernhof selbst. Damit scheint sich die Annahme zu bewahrheiten, dass Allergien zunehmen, wenn unsere Umgebung sauberer und steriler wird. Lernt unser Immunsystem nicht schon im frühesten Alter die Keime kennen, die ihm im späteren Leben begegnen, hat später es weniger Chancen, angemessen zu darauf zu reagieren.

Drei Kilo Dreck von Stallwänden gekratzt

Welche Keime in der Stall-Luft aber schützen vor späteren Allergien? Bei der Suche nach der Antwort auf diese Frage gehen die Forscher ungewöhnliche Wege. Die Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gingen in dreißig Kuh- und Ziegenställe von alpenländischen Bauernhöfen. "Wir haben rund drei Kilogramm Dreck von den Wänden gekratzt", erzählt Erika von Mutius.

Im Körper gelangt der Stallstaub zunächst in die Atemwege: Während feinste Härchen die unlöslichen Partikel wieder nach außen transportieren, wandern die löslichen Anteile über die Schleimhäute ins Blut, um dort unser Immunsystem anzukurbeln. Um diese löslichen Anteile zu gewinnen, verwendeten die Biochemiker eine Kochsalzlösung in genau der gleichen Konzentration, wie sie auch in unserem Körper vorkommt. An Mäusen testeten sie die Wirkung der Stallstaublösung.

"Kuhstall-Mäuse" waren unempfindlich

Eine Injektion des Eiweißstoffs Ovalbumin sensibilisiert die Tiere für eine spätere Allergie gegen den Stoff. Treffen sie später in ihrer Atemluft auf ihn, antwortet ihr Immunsystem mit einer überschießenden allergischen Reaktion. Vor allem in den Atemwegen reagieren die Mäuse ganz ähnlich wie Menschen mit allergischem Asthma.

Eine regelmäßige "Luftkur" mit reiner Stall-Luft unterdrückt die Reaktion fast vollständig. Auch der Anteil der entsprechenden weißen Blutkörperchen und Entzündungsfaktoren im Blut der "Kuhstall-Mäuse" ähnelt viel mehr dem von gesunden Tieren als von allergischen.

Die Bochumer Forscher haben sogar schon Hinweise, dass die "Luftkur" auch beim Menschen funktionieren müsste. Im Labor testeten sie die Aktivierung von humanen Immunzellen mit entsprechenden Faktoren. Das Ergebnis: Die extrahierte Stall-Luft verhinderte, dass diese Faktoren das Immunsystems scharfmachten.

Versuche am Menschen schon bald geplant

Welche Substanzen als Allergiebremse wirken, wissen die Forscher noch nicht genau. "Mit großer Wahrscheinlichkeit sind Erreger aus Mikroorganismen für diesen Allergieschutz verantwortlich", wagt Erika von Mutius eine Prognose. Dabei könnte es sich Bestandteile von Bakterien oder Pilzen handeln. In den nächsten Monaten wollen nun die Forscher den Stallextrakt immer weiter in seine Bestandteile auftrennen, um den entsprechenden Molekülen auf die Spur zu kommen. Schon in ein bis zwei Jahren, hofft das Team der Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, soll dann am Menschen ausprobiert werden, ob sich allergische Reaktionen unterdrücken lassen.

Am Ende könnte eine Impfung stehen, die den Nachteil ausgleicht, nicht auf dem Bauernhof aufgewachsen zu sein. Am wirkungsvollsten wäre eine Immunisierung im ersten Lebensjahr, während sich das Immunsystem des Kindes noch entwickelt, harmlose Substanzen seiner Umgebung kennenlernt und toleriert. Der Grundstein für die Allergie-Unempfindlichkeit wird sogar noch früher gelegt: Im Säuglingsalter ersetzen Abwehrstoffe der Muttermilch das fehlende eigene Immunsystem; beim Stillen gibt dann die Bäuerin den Schutz vor Allergien an ihr Kind weiter.

Einmalige Impfung könnte ausreichen

Dennoch wäre es äußerst riskant, Kleinkinder aus der Stadt regelmäßig in den Stall mitzunehmen: Die vielfältige Bakterienflora im Kuhstall könnte die ungeschulte Immunabwehr umgehen und zu einer gefährlichen Infektion führen. Wie bei anderen Immunisierungen wird die Allergie-Schutzimpfung daher wohl aus Bestandteilen von Mikroorganismen bestehen, die sich selbst nicht mehr vermehren können.

Möglicherweise reicht sogar eine einmalige Impfung beim Kinderarzt. Eine finnische Studie scheint zu beweisen: Selbst nach zwanzig Jahren haben Allergien bei ehemaligen Bauernkindern noch wesentlich weniger Chancen als bei Stadtkindern.