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Fettleibige Kinder: Mampfen, bis der Arzt kommt

Drastisches Übergewicht lässt Deutschlands Kinder viel zu schnell altern: Während ihre Blutgefäße verkleben, schlingen sich schon Minderjährige dem vorgezogenen Altersdiabetes entgegen.

Von Burkhard M. Zimmermann

Es sind Krankheiten, die mit dem Alter so kommen: Der Patient legt Gewicht zu, der Fettstoffwechsel gerät aus der Balance, der Blutdruck steigt, mit zunehmender Unempfindlichkeit gegenüber seinem eigenen Insulin nähert sich der Körper dem Diabetes - vier Krankheiten, die in ihrer Summe als Metabolisches Syndrom bezeichnet werden. Sie sind auch bekannt als "tödliches Quartett", denn sie bereiten den Boden für eine schleichende Verstopfung der Blutgefäße, die häufig zu Schlaganfall oder Herzinfarkt führt.

Nur: Das Alter stimmt nicht, denn viele der Patienten sind keine Rentner, sondern - Schüler. Deutsche Kinder werden immer dicker, nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) hat sich der Anteil der übergewichtigen Kinder zwischen 1985 und 1999 um die Hälfte erhöht, im selben Zeitraum hat sich die Häufigkeit von extremer Fettleibigkeit (Adipositas) sogar verdoppelt. Insgesamt bringt heute jedes sechste Kind zuviel auf die Waage.

Mit wachsenden Fettdepots beschleunigt sich jedoch der Alterungsprozess von Gefäßsystem und Stoffwechsel (Metabolismus, daher das Metabolische Syndrom): "Adipöse Kinder haben oft die Blutgefäße von Fünfzigjährigen", warnt Thomas Reinehr, Sprecher der AGA: "Mit dem Ultraschallgerät können wir häufig schon an den Halsschlagadern von Kindern eine Verdickung der innersten Schicht der Gefäßwand nachweisen."

Der Teufel steckt im Speck

Von den Kindern mit Übergewicht zeigen schon jetzt rund 30 Prozent einen zu hohen Blutdruck, bei 25 Prozent von ihnen ist der Fettstoffwechsel gestört, ebenso viele leiden am Diabetes vom Typ II (Altersdiabetes) oder einer seiner Vorformen. Der Teufel steckt im Speck - während Fettdepots lange als unschöne, aber harmlose Energiereserven galten, weiß man heute um ihre fatale Aktivität. "Das Fettgewebe ist ein Organ, in dem gefährliche Hormone entstehen, die sogenannten Adipozytokine," erklärt Reinehr. "Sie rufen die drei anderen Erkrankungen des Metabolischen Syndroms ins Leben." Polster an Beinen und Hüften, die häufig bei erwachsenen Frauen zu beobachten sind, fördern den Prozess jedoch nicht. Entscheidend ist das Fett am Bauch.

Wie aber kommt die Wampe ins T-Shirt? Oft ist der "Tatort" der Tatort: "Übergewichtige Kinder sehen im Durchschnitt doppelt so viel fern wie normalgewichtige, bis zu zehn Stunden am Tag," weiß Wieland Kiess, Direktor der Kinderklinik der Universität Leipzig. "Dadurch senkt sich der Energiebedarf drastisch - beim Fernsehen werden sogar weniger Kalorien verbraucht als im Schlaf."

Häufig überlagern sich dann zwei Effekte: Körperliche Aktivität durch Sport oder Spielen im Freien bleibt aus, gleichzeitig werden Mahlzeiten mit hohem Fettgehalt, Süßigkeiten und gezuckerte Limonaden verzehrt. Dadurch entsteht ein gewaltiger Energieüberschuss, der schnell in die Depots wandert. Veranlagung, lange als Ausrede verhöhnt, spielt durchaus eine Rolle; Gene allein machen zwar nicht dick, eine erbliche Vorbelastung kann aber die Gewichtszunahme stark begünstigen.

Ursachen sind so komplex wie die Gesellschaft

Weniger essen, mehr bewegen: Die Lösung des Problems klingt einfach. Doch die Ursachen sind so komplex wie die Gesellschaft, in der die Kinder aufwachsen - Deutschlands schleichende Bildungserosion schlägt sich nicht nur in der PISA-Studie nieder, sondern auch im Hosenbund. "Je geringer das Bildungsniveau von Menschen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie dick sind", erläutert Kiess: "Nach einer Studie aus den USA liegt bei einem Akademiker mit einem beliebigen Doktortitel die Wahrscheinlichkeit, dass er regelmäßig joggt, bei 37 Prozent. Hat jemand einen Bildungsstand, der unserem Hauptschulabschluss entspricht, so liegt die Wahrscheinlichkeit, dass er überhaupt Sport treibt, bei sechs Prozent."

Aber es kommt nicht nur auf die Einsicht in Zusammenhänge von Bewegung, Ernährung und Gesundheit an. Entscheidende Bedeutung hat auch die psychologische Aufladung des Themas "Essen", wie Reinehr in seinem Alltag als Kinderarzt der Vestischen Kinder- und Jugendklinik der Universität Witten/Herdecke täglich beobachtet: "Mehr als drei Viertel der übergewichtigen Kinder stammen aus Familien, in denen sich die Eltern getrennt haben. Hier soll Essen oft Trost spenden oder Gefühle des Mangels ausgleichen." Auch unerfüllte Liebe geht durch den Magen. Darum bringt es wenig, auf politischer Ebene regelmäßige Bewegung und ausgewogene Nahrung zu propagieren. Wirklich erfolgreiche Programme klären zuerst die Frage nach den psychischen Ursachen für den Lebensstil des Kindes: Leben die Eltern zusammen oder getrennt? Sind sie berufstätig oder arbeitslos? Ist die Familie eher bildungsfern? Gibt es Suchtprobleme? Auf dieser Grundlage wird von Anfang an das Umfeld des Kindes eingebunden, wenn es durch Ernährungskurse und Bewegungstherapie neues Verhalten erlernt.

Obwohl es wichtig sein kann, als ersten Schritt den gestörten Fett- und Zuckerstoffwechsel mit Medikamenten zu behandeln, bleibt ein verringertes Körpergewicht das Ziel. Auch für die Seele eines Kindes ist es entlastend, wenn es in einem Gruppenprogramm seine Zeit mit anderen dicken Kindern verbringt und sich nicht vor Normalgewichtigen schämen muss. "Für diese Kinder ist die Sporthalle ein Ort der Schmach", bedauert Reinehr, "sie hassen ihre Körper: Wenn so ein Kind sich selbst malt, bildet es nur sein Gesicht ab und lässt den Rest weg."

Kinderwerbung ist ein "Skandal"

Um so bedauerlicher ist es, dass ein Teil der Misere eine sehr banale Ursache hat: Marketing. Längst sind Kinder zu einem ergiebigen Absatzmarkt für Süßwaren und Erfrischungsgetränke geworden; nach der aktuellen Kids-Verbraucheranalyse des Ehapa-Verlags (Micky Maus, Wendy, Disney-Taschenbücher) hatten die 5,8 Millionen deutschen Kinder zwischen 6 und 13 Jahren im Jahr 2006 eine Kaufkraft von knapp 5,9 Millarden Euro.

Doch nicht nur in Druckmedien, auch über Werbespots im Fernsehen versuchen Hersteller, ihre Produkte an das Kind zu bringen. So ist es für Wieland Kiess ein "Skandal, dass Fernsehwerbung genau auf diese Zielgruppe zugeschnitten wird" - ein Skandal, den unsere Gesellschaft bislang nicht wahrnimmt, wie Thomas Reinehr zusammenfasst: "Wir müssen uns fragen, ob wir die Jobs in Werbung und Lebensmittelindustrie behalten oder gesunde Kinder haben wollen."

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