HOME

Oben ohne: Krankenkassen – Büro, Büro

Brustprothesen-BHs erstattet die Krankenkasse, schicke Korsagen nicht. Wie unflexibel, findet Uta Melle. Sie verrät ihre besten Tipps zum Umgang mit der nervigen Bürokratie im Gesundheitswesen.

Ich bin sehr glücklich und dankbar in unserem Sytem erkrankt zu sein – in anderen Ländern ist das Gesundheitssystem definitiv schlechter bis gar nicht vorhanden. Doch auch bei uns herrscht die Bürokratie und die Flexibilität ist nicht hoch.

Bürokratie in Zeiten der Erkrankung ist besonders schwer: je nach Phase steckt man noch im Diagnoseschock, in den Therapien oder in der Fatigue – keine gute Zeit, um sich hinzusetzen und 5-seitige Antragsformulare zu verstehen, geschweige denn auszufüllen. Häufig ist man einfach nur eine Mitgliedsnummer mit wechselnden Ansprechpartnern, vor allem in Großstädten. Welche Leistungen einem zustehen ist kaum ersichtlich – jeder Fall ist einzigartig. Ich habe schon beim ersten Antrag resigniert. Ich benötigte Hilfe – nur wie, was und wie bezahlen?

1. TIPP: Ich habe eine Jurastudentin um Hilfe gebeten. Unser Deal: Sie bekam 50 Euro, alle Vollmachten und 20% von allem, was sie von der Krankenkasse einfordern konnte: Kinderbetreuung in der Chemo, Taxifahrten zum Arzt in der Schweinegrippezeit (extreme Ansteckungsgefahr durch nicht vorhandenes Immunsystem in öffentlichen Verkehrsmitteln) etc. Insgesamt kamen von ca 3.300 Euro Ausgaben tatsächlich ca. 1.200 Euro zurück, die ich wahrscheinlich nie eingefordert hätte, weil ich in der Zeit zu schwach und zu dusselig war. Und meine Jurastudentin war auch glücklich, da sie die Bürokratie der Krankenkassen gelernt hat.

2. TIPP: Der Reha-Antrag ist alleine kaum zu schaffen – vor allem nicht, wenn man in eine bestimmte Klinik möchte (wer will das nicht...?). Normalerweise wird er in einer Zeit gestellt, in der man noch Krankenhaustermine hat. Hier gibt es den sozialen Dienst. So hatte ich mir für den nächsten Krankenhaustermin gleich einen Termin mit diesem wunderbaren Dienst gemacht. Vorher hatte ich mir 3 Kliniken rausgesucht, die für mich in Frage kamen und diese beim Termin genannt. Die Dame hat alles für mich ausgefüllt (ein Berg von Papieren) und 3 Wochen später hatte ich den Terminvorschlag für meine Top 1 Klinik!

3. TIPP: Medizinischer Betreuer fragen. Ich halte ab und zu Vorträge für die Abschlussklassen der medizinischen Betreuer. Darin betone ich immer wieder, dass Hilfe in bürokratischen Dingen auch sehr wichtig ist und sie sich hier bitte Wissen aneignen möchten. Bitte sprecht sie an. Meist kennen sie sich gut aus!

Ansonsten war ich ein guter Kunde für meine gesetzliche Krankenkasse: die mir zustehenden Leistungen, wie Perücke, Brustaufbau oder Brustprothesen-BH habe ich nicht in Anspruch genommen. Ich habe meine Entscheidungen schnell getroffen und keine Zweit-, Dritt- oder Viertmeinung eingeholt. Ich bin immer MEINEN Weg der Genesung gegangen: Henna-Tattoos auf der Glatze zum Wohlfühlen, Foto-Shootings zur Akzeptanz des neuen Körpers oder mein neues „Tittoo“. Natürlich unterstützt die Krankenkasse dies nicht, es ist zu fragwürdig für eine Krankenkasse – das sehe ich ein. Nun bin ich allerdings auf einen Grenzfall gestoßen: Um mal richtig schick wegzugehen, möchte ich mir eine Korsage kaufen. Echte Korsagen sind teuer und man muß sie anfertigen lassen. Die Kosten liegen ungefähr in der Höhe von Brustprothesen inkl BH’s. Da wäre es doch eigentlich nur fair, wenn ich da einen Zuschuss von der Krankenkasse bekommen könnte ... das machen die aber nicht, denn Perücken und Brustprothesen-BH’s sind medizinische Hilfsmittel – Korsagen nicht. Hätte es einen Zuschuss für einen Hut statt Perücke gegeben, wäre es auch schön gewesen.

Liebe Krankenkassen: es ist an der Zeit, euer Gesundheitskonzept zu überdenken. Meist sind Alternativen günstiger und helfen individuell besser.

Das Thema „Unterstützung von alternativen Heilmethoden oder Begleittherapien durch Krankenkassen“ muß ich hier ausklammern – das ist ein neues, langes Thema.

Wer noch Tipps im Umgang mit Krankenkassen hat: jeder Kommentar kann anderen helfen!!!

Nachtrag, 3 Tage später: Meine Krankenkasse hat sich tatsächlich gemeldet: sie sind gesprächsbereit! Wie es zum Meinungswechsel kam, weiß ich nicht! Ich finde das toll!

Wissenscommunity