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Oben ohne: Zu fast jeder Frau mit Brustkrebs gehört auch ein Mann

2009 knallte der Krebs in das Leben von Uta Melle und ihrem Mann Hendrick. Eine Belastungsprobe - auch für die Beziehung. Was Krebs für den Partner bedeutet, hat er in einem Buch festgehalten.

„Kannst du bitte mal meine linke Brust anfassen? Ich stand vom Küchentisch auf. Uta hatte ihr Top hochgezogen. Ihre kleinen Brüste leuchteten weiß im hellen Licht. Ich legte meine rechte Hand auf ihre linke Brust und spürte es sofort; es war klein, hart und gehörte da nicht hin. Es fühlte sich böse an.“

Mir kommen noch heute die Tränen, wenn ich die ersten Zeilen des
Buches meines Mannes "Die Amazone vom Kollwitzplatz" lese. Es beschreibt das Jahr, in dem der Krebs in unsere Beziehung knallte.

Ja – so war es Ende März 2009 in unserer Küche. Es folgte das heftigste Jahr unseres Lebens: Parallel zur Diagnose verstarb meine Mutter, das gesamte Leben wurde absolut auf den Kopf gestellt. Kein Alltag mehr, Wut, Liebe, Hass, Ärger – alle Gefühle waren unterwegs. Alles spielte verrückt: ich war ungerecht, gefühlskalt, liebevoll, großartig, fürchterlich...- nur eines war ich nicht: gelassen.

Dieser Zustand ist für den Partner kaum zu ertragen. Meiner Erfahrung nach haben Männer grundsätzlich ein großes Problem mit Hilflosigkeit – und nun musste Hendrick zusehen, wie ein geliebtes Wesen neben ihm ein Jahr lang jeden Tag auf’s neue leidet – hilflos, wehrlos. Wie geht man damit um, wenn es das Leben deiner Liebsten und dein Leben zerlegt? Wenn es plötzlich mehr Schmerz als Freude zu teilen gibt? Wenn das Teilen selbst zum Problem wird?

Alles, was er tun konnte, hat er getan: er kümmerte sich um die Kids, den Haushalt, die Liebe wenn sie mir fehlte – er hielt alles mit seiner einmaligen kaum enden wollenden Energie und Tatkraft zusammen.

2 oder 3-mal haben wir unseren Paartherapeuten hinzugezogen, weil wir festgefahren waren. Ich erinnere mich sehr gut an den tollsten Rat, den wir von ihm in der Situation bekamen: „im Moment könnt ihr eh nichts ändern – vereinbart doch einen Waffenstillstand“. Manchmal kann es so einfach sein. Noch heute, wenn wir uns in einem Streit total verrannt haben rufen wir einen kurzen Waffenstillstand aus, und die Gemüter fahren runter: man kann wieder reden.

Hendrick hat die volle Wahrheit aufgeschrieben, zusätzlich haben wir Tagebucheinträge von mir hinzugefügt, die zeitlich und inhaltlich übereinstimmen, deren Sichtweisen aber komplett unterschiedlich sind

Irgendwann sagte er zu mir: „Babe, sei auch mal dankbar, dass ich bei dir geblieben bin“ – zuerst war ich empört, doch dann dachte ich über das erste Jahr nach, über all den Mist, den er miterlebt hat. Heute bin ich unglaublich dankbar! Du bist wundervoll, Hendrick! Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne Deine Hilfe, Deine Liebe, Deine Güte aber auch Deiner Wut und Deinem Ärger gewesen wäre. Wir sind noch mehr zusammengewachsen!

Ich wünsche mir, dass das Buch auch andere Menschen und Paare inspiriert. Vielleicht hilft es auch dem einen oder anderen Mann, besser mit der Situation fertig zu werden, vielleicht alleine schon durch das Wissen, dass man damit nicht allein ist.

Hendrick, ich liebe Dich!

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