HOME

Stern Logo Ratgeber Schlaf

Kinderschlaf: Das einkalkulierte Geschrei

Junge Eltern finden nachts oft keine Ruhe. Das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" soll helfen. Funktioniert das Schlafprogramm? stern.de hat eine leidgeprüfte Mutter gefragt.

Von Dorothea Palte

Endlich wieder durchschlafen zu können - darauf warten viele übernächtigte Eltern

Endlich wieder durchschlafen zu können - darauf warten viele übernächtigte Eltern

Die zweijährige Katharina aus Norderstedt hielt ihre Mutter Barbara seit ihrer Geburt auf Trab, rund um die Uhr: "Mindestens zwei Stunden musste ich jeden Abend bei ihr sein, bis sie sich endlich beruhigt hatte und einschlief. Ich habe alles versucht, habe sie herumgetragen, ihr etwas zu trinken gegeben, ihr vorgesungen und vorgelesen. Meist habe ich sie irgendwann ins Ehebett geholt, damit ich selbst ein wenig liegen konnte. War sie endlich eingedöst, hat es kaum eine Stunde gedauert, bis sie wieder bitterlich weinte. Dann ging das Ganze von vorne los, bis zu fünf Mal pro Nacht. Jede Nacht, zwei Jahre lang", erzählt die 36-jährige Mutter.

Das Paradoxe: Oft sind es gerade die liebevollen Einschlafrituale, die das Durchschlafen der Kinder verhindern. Eltern wollen ihrem Kind das Gefühl geben, geborgen und beschützt zu sein. Doch im Hinblick auf das Schlafverhalten kann das verheerend sein. Wenn Eltern ihren Kind kuschelnd, wiegend oder an der Brust einschlummern lassen, vermitteln sie ihm: Nur so kann ich sicher einschlafen. Bedenkt man, dass auch der kindliche Nachtschlaf von 6-10 kurzen Aufwachphasen unterbrochen ist, kann man sich vorstellen, was dann los ist: Wo ist der Herzschlag, die Wärme, die Aufmerksamkeit meiner Mutter?

Überladene Fürsorge

Ein Ansatz des Buches ist daher, Eltern Einblicke in das kindliche Schlafverhalten zu vermitteln und etwa auf gut gemeinte, aber übertriebene Einschlafrituale hinzuweisen. Katharinas Mutter Barbara war sich immer sicher, das beste für ihre Tochter zu tun. Erst als sie selbst körperlich und psychisch völlig am Ende war, traute sie sich an den Schlafratgeber. "Ich dachte, es wäre eine Art Anleitung zum Kindesmissbrauch und hatte den schrecklichen Tipp meiner Oma vor Augen: Lass sie doch einfach schreien. Wie kann man versuchen, die Bedürfnisse und Wünsche seines Kindes so zu beeinflussen, seinen Willen so zu brechen?"

Tatsächlich enthält das Buch neben vielen anderen Informationen und Tipps einen "Plan zum Schlafenlernen", der sich als kontrolliertes Schreien-lassen umschreiben lässt. Die Autoren empfehlen ihn ausdrücklich nur bei starkem Leidensdruck und erst für Kinder ab 6 Monaten. Die Kleinen sollen innerhalb weniger Tage lernen, alleine in ihren Bettchen einzuschlafen, statt zum Beispiel auf dem Arm der Mutter. Jeder Erwachsene, der schon einmal versucht hat, eine Gewohnheit abzulegen, weiß, wie schwer das ist. Kein Wunder, dass auch Kinder dazu nur unter lautstarkem Protest bereit sind. Das Problem dabei: Weint das Kind, stehen die Eltern häufig gleich am Bettchen, nehmen es in den Arm und trösten es. Das Kind wird für das Schreien belohnt. Wartezeiten einzuhalten und die Zuwendung einzuschränken soll diesen Teufelskreis aus Schreien und Belohnung durchbrechen - ohne dass das Kind unter Verlustängsten leiden muss.

Minuten werden zu Stunden

In der Praxis kein leichtes Unterfangen: Der Plan sieht vor, das Kind alleine im Zimmer zurückzulassen und selbst bei schlimmen Weinkrämpfen drei Minuten zu warten, bis man wieder hinein geht, um es mit Worten und eventuell leichtem Streicheln zu trösten und dann wieder hinauszugehen. Barbara berichtet, dass ihr jede Minute vorkam wie eine Stunde. Sie saß im Wohnzimmer, die Stoppuhr in der einen Hand, mit der anderen hielt sie den Arm ihres Mannes umklammert. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, während ihre Tochter in ihrem Zimmer immer lauter schrie. Nach zwei Minuten hielt sie es nicht mehr aus, ging hoch, legte das aufgebrachte Kind zurück ins Bett, sprach einige beruhigende Worte und verließ das Zimmer wieder, um dann nach Plan frühestens in fünf, tatsächlich aber schon nach vier Minuten zurückzukehren.

"Wir sind dem Rat des Buches gefolgt und haben die Wartezeiten individuell etwas verkürzt, sonst hätte ich das nicht durchgestanden. Aber ich merkte, wie Katharina jeden Abend etwas schneller ruhig wurde, wie sie begann, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Dabei war sie tagsüber noch aufgeweckter als vorher. Auch wenn mir die Sache sehr an die Nieren ging: Ich hatte nie das Gefühl, dass die Veränderungen Katharina geschadet haben - im Gegenteil", fasst Barbara die zwei Wochen zusammen, die es bei Katharina gedauert hat. Und fügt ernst hinzu: "Ich musste selbst erst begreifen, dass mich meine Tochter mit zwei Jahren nicht mehr so sehr braucht, wie als Baby. Ich dachte, ich wüsste intuitiv, was für mein Kind richtig ist, und konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich möglicherweise gerade mit meiner übertriebenen Aufmerksamkeit dazu beitrage, dass sie uns noch als Zweijährige jede Nacht tyrannisiert. In dem Punkt hat mir das Buch besonders geholfen."

Das Buch


Annette Kast-Zahn und Dr. med. Hartmut Morgenroth:
"Jedes Kind kann schlafen lernen"
Gräfe und Unzer Verlag, 17,90 Euro
ISBN: 978-3-7742-7409-9

Themen in diesem Artikel