Sex oder nie Linderndes Potenzial

Kopfschmerzen können mit sexueller Aktivität zusammenhängen
Kopfschmerzen können mit sexueller Aktivität zusammenhängen
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Sex kann Schmerz und Verspannung lösen. Wird er verbissen betrieben, sorgt er womöglich für das Gegenteil.
Von Ulrich Clement

Es ist mehr ein sarkastischer Spruch, den sich Herr M. angewöhnt hatte, wenn seine Frau ihn - wieder einmal - sexuell zurückwies. Er bezog sich auf das Klischee zahlreicher Witze, die das Kopfschmerz-Argument durchweg als faule Ausrede für sexuelles Desinteresse darstellen. In Wahrheit hatte Frau M. ihm nur ein einziges Mal Kopfschmerzen als Grund dafür genannt, dass sie keine Lust hatte, sich sexuell auf ihn einzulassen. Aber dieses eine Mal wurde für ihren frustrierten Mann das vorwurfsvolle Kürzel für ihre Begründungen, die er doch allesamt als kränkend empfand.

Dabei hätte Frau M. sogar die Wissenschaft auf ihrer Seite. Die Kopfschmerzforschung kennt schon lange das Phänomen, dass Kopfschmerzen mit sexueller Aktivität zusammenhängen können. Sie unterscheidet sogar verschiedene Typen des sexuellen Kopfschmerzes. "Präorgastische Kopfschmerzen" nehmen mit der Erregung ebenfalls zu. Die als "explosiv" bezeichneten orgastischen Kopfschmerzen setzen plötzlich mit dem Orgasmus ein und klingen erst in der Entspannungsphase ab.

Zusammenhänge sind nicht simpel

Auch das Gegenteil ist möglich. Es gibt Migränepatienten, die nach dem Geschlechtsverkehr zumindest eine gewisse Erleichterung ihrer Beschwerden feststellen. Freilich ist der Zusammenhang nicht so simpel, dass man jedem Migränepatienten nun zu "heilsamer sexueller Aktivität" raten könnte.

Diese gegensätzlichen Zusammenhänge führen zu der Frage, wann sexuelle Aktivität eher zu (Ver-)Spannung führt, wie im ersten Fall der präorgastischen oder orgastischen Kopfschmerzen, und wann sie spannungslösend wirkt, wie im Fall der Migräne. Sexualität hat dieses doppelte Potenzial. Sie kann unangenehme und belastende Spannungen erzeugen. Und sie kann - im sexuellen Spiel und im Orgasmus - zu wohltuend erlösender Spannung führen. Aber welche Wirkung aus welcher Aktivität resultiert, lässt sich nicht ganz so einfach steuern.

Das musste eine Patientin erfahren, von der mir eine Kollegin berichtete. Diese Patientin versuchte, ihre Orgasmusschwierigkeiten dadurch zu überwinden, dass sie mit erhöhter Anstrengung und Konzentration bei der Selbstbefriedigung den Orgasmus erzwingen wollte. Das gelang ihr sogar hin und wieder. Häufig bekam sie dabei leichte Kopfschmerzen, die sie aber nicht davon abhielten, auf diese mühsame Art weiterzumachen. Auch die Empfehlung der Therapeutin, ihren sexuellen Genuss nicht nur vom Orgasmus abhängig zu machen, blieb wirkungslos.

Mit zusammengebissenen Zähnen Orgasmus erarbeiten

Ähnlich ging es dem Paar L. Die beiden waren beim Versuch, ihr sexuelles Problem zu lösen, in ein neues Problem hineingeraten. Frau L. hatte Orgasmusschwierigkeiten, die beide Partner dadurch noch belastender empfanden, dass Herr L. die Neigung zu frühzeitigem Samenerguss hatte. Herr L. war nun auf die Idee gekommen, in einer Art Zwei-Schritte-Programm vorzugehen. Da er beim zweiten Geschlechtsverkehr nicht mehr so schnell zum Höhepunkt kam, setzte er darauf, dass er dann auch seine Partnerin eher zum Orgasmus bringen könne.

So verstand er den ersten Verkehr als eine Art Vorspiel zum "eigentlichen" Sex. Ungewollt lastete dadurch aber auf dem zweiten Durchgang eine immense Erfolgserwartung. Von Entspannung und Spaß konnte nicht mehr die Rede sein. "Das war reiner Kopf-Sex", meinte Frau L. Genau genommen war es Kopfschmerz- Sex, denn den spürte Herr L., wenn er mit zusammengebissenen Zähnen den Orgasmus seiner Frau geradezu erarbeiten wollte. Überflüssig zu sagen, dass die Anstrengung erfolglos blieb.

Was von außen so offensichtlich scheint, war den beiden Partnern lange nicht so klar. Es brauchte eine Weile, bis die beiden sich eingestanden, dass sie eine Problemlösung eher verhinderten als ermöglichten. Mit dieser Einsicht wurde sein Kopf wieder frei. Frei vom Orgasmusdruck. Und frei vom Kopfschmerz.


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