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Sex oder nie Zu dick - aber nur im Kopf


Eine Frau mit einer normalgewichtigen Figur. Intelligent, beruflich erfolgreich, sympathisch, attraktiv. Trotzdem hasst sie oft ihr Spiegelbild. Die freude am Sex vergeht ihr - wie überkritische Selbstbetrachtung die Lust zersetzt.
Von Ulrich Clement

Ob Sie als Mann das verstehen können?" Die 42-jährige Frau J. sieht mich zweifelnd an. Sie war zu mir gekommen, weil sie Schwierigkeiten hatte, sich sexuell auf den Mann einzulassen, in den sie sich nach zwei Jahren Single-Dasein verliebt hatte. Dass dabei ihre Figur eine zentrale Rolle spielte, sprach sie erst nach einigem Zögern an.

Sie habe Probleme mit ihrem Aussehen, fühle sich an bestimmten Stellen zu dick. "Ich hasse meinen Spiegel." Sie habe halbherzig Diätprogramme versucht, habe mit Sport angefangen, es aber wieder aufgegeben. Die Waage meide sie, seit sie dort vor ein paar Wochen 62 Kilo gesehen habe. "Und sagen Sie jetzt bloß nicht, dass man das nicht sieht!"

Sie sprach aus, was ich dachte: Man sieht es nicht. Eine Frau mit einer normalgewichtigen Figur. Intelligent, beruflich erfolgreich, sympathisch, attraktiv. "Mein Selbstwertgefühl hängt an meinem Körper. Ich weiß, es ist irrational, aber es ist so. Und wenn ich mich schlecht fühle, habe ich auch keine Lust und kann mich nicht auf Sex einlassen. Obwohl ich eigentlich will." Der neue Partner gehe liebevoll auf sie ein, an ihm könne es nicht liegen. Er finde sogar ihre Figur toll, und sie wolle ihm gar nicht sagen, dass sie das Problem habe.

Sie akzeptierte sich selbst nicht

Das war die Klemme, aus der sie sich schwer befreien konnte. Nicht die Reaktionen des Mannes, in den sie sich verliebt hatte, nicht die Kommentare der Freundinnen, lediglich ihr eigener innerer Zensor macht es ihr schwer, sich zu akzeptieren.

Sie ist nicht prüde, nicht sexuell verklemmt. Aber wenn sie mit dem Partner sexuell intim ist, gerät sie ungewollt in eine sehr störende Selbstbeobachtung. Dann gibt sie sich nicht ihren sexuellen Wünschen hin, sondern ist von dem Gedanken gefesselt und abgelenkt, als wie unvollkommen sie ihren Körper empfindet.

Körpergewicht und sexuelle Befriedigung

Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist bei Frauen ein weit verbreitetes Phänomen. Sie hat einen starken Einfluss auf das sexuelle Erleben, auf Lust, Erregung und Befriedigung.

Allerdings haben Studien gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen dem objektiven Gewicht und der sexuellen Unzufriedenheit nur schwach ist. Das heißt: Es gibt viele Frauen, die trotz einer normalen Figur und trotz durchschnittlichen Gewichts mit ihrem Körper unzufrieden und durch die ständige Selbstbeobachtung in ihrer Sexualität beeinträchtigt sind. Und umgekehrt haben viele übergewichtige Frauen ein durchaus befriedigendes Sexualleben. Nicht das objektive Gewicht ist das Problem, sondern der bewertende eigene Blick.

Den Körper akzeptieren: 80 Prozent sind besser als 100

Wir sprachen über ihre Ansprüche, in allen Lebensbereichen perfekt zu sein, auch für diesen Mann die perfekte Geliebte zu sein. Mindestens so wichtig wie die therapeutischen Gespräche war die Initiative ihrer Freundin mit einer "Wellness-Offensive". Die Freundin verstand ihr Problem. Sie war wenig zurückhaltend und nahm sie in freundlich bestimmter Art dorthin mit, wo der Körper direkt behandelt wird: Kosmetikerin, Wellness-Oase, Fitnessstudio. Und das war genau das Richtige.

Gespräche und Wellness ergänzten sich für Frau J. wohltuend. Und sie konnte sich mit dem Gedanken anfreunden, dass sie als 80-prozentige Geliebte mit einem 80 Prozent perfekten Körper viel besser leben konnte als mit dem 100-Prozent-Anspruch. Ganz frei wurde sie von ihrer Tendenz zur kritischen Körperselbstbeobachtung nicht. Aber als großen Erfolg erlebte sie, dass sie sich sexuell besser auf den Mann einlassen konnte. "Er nimmt mich so, wie ich bin", meint sie und lacht über ihren mehrdeutigen Satz.


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