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Siegfried Schnabl: Der Sexualaufklärer des Ostens

Sein Buch "Mann und Frau intim" klärte Generationen von DDR-Bürgern auf, er beriet bei Orgasmusstörungen und Potenzproblemen. Nun wird Sexualforscher Siegfried Schnabl 80 Jahre alt - und lacht über die Frage, wie sich Sex in Ost und West unterscheidet.

Bei DDR-Bürgern im gewissen Alter werden Erinnerungen wach. "Mann und Frau intim" von Siegfried Schnabl, der am 27. Februar seinen 80. Geburtstag feiert, war für sie das Buch der Bücher. Dort erfuhr der vom Westen abgeschottete pubertierende Jugendliche Basiswissen über alles, was mit Sex zusammenhängt. "Fortgeschrittene" lernten dort, wie Sex erfüllender gestaltet werden kann. Das Standard-Nachschlagewerk erschien in der DDR von 1970 bis kurz nach der Wende in 18 Auflagen von mehr als einer Million Exemplaren. Dazu kamen eine halbe Million in sieben weiteren Ländern, darunter in der Bundesrepublik.

Der in Sachsen lebende Psychotherapeut Schnabl hat wie kein anderer zuvor das Sexualleben der Ostdeutschen untersucht. "Es gibt so viele Sexualitäten, wie es Menschen gibt", sagt der Mann, der den Spitznamen "Kolle des Ostens" erhielt. Oswalt Kolle hatte in den 60er Jahren im Westen mit Schriften und Filmen über Sex für Aufsehen gesorgt und war dort als "Aufklärer der Nation" bezeichnet worden.

Wissen aus erster Hand

Als Leiter einer Ehe- und Sexualberatungsstelle im damaligen Karl-Marx-Stadt - heute Chemnitz - war Schnabl über Jahre im Einsatz. "Aus erster Hand erfuhr ich bei Gesprächen mit Patienten, was hinter geschlossenen Schlafzimmertüren zwischen Ahlbeck und Zinnwald geschah oder nicht geschah", sagt er. Die meisten Männer suchten Rat wegen Potenzstörungen, bei Frauen waren es häufiger Orgasmusprobleme. Aber auch partnerschaftliche Zwistigkeiten oder gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden thematisiert.

Diese Beratungsstellen waren Ende der 60er Jahre in der DDR mit einem neuen Familiengesetz entstanden. "Zunächst ordnete man sie den Abteilungen Inneres zu", sagt Schnabl. Dort wurden aber auch Ausreise-Anträge behandelt. "Das Interesse, bei Sexproblemen die Behörde aufzusuchen, hielt sich verständlicherweise in Grenzen", sagt er. Erst als die Beratungsstellen zum Gesundheitswesen wechselten, kamen vermehrt Rat suchende.

DDR fürchtete "Ausspähen der intimen Sphäre"

Für seine Habilitation stellte Schnabl in anonymen Fragebogen Fragen zu Sex und Partnerschaft. "Ich hatte aber vermieden, dafür eine Genehmigung zu beantragen", erzählt er, wie die DDR-Bürokratie dann das "Ausspähen der intimen Sphäre ihrer Bürger" befürchtete. Er musste die Untersuchung beendeten. "Niemand hatte mir aber gesagt, dass ich die bereits ausgewerteten mehrere tausend Fragebogen vernichten sollte", sagt er schmunzelnd. "Und der Report kam als Buch durch die Zensur."

"DDR-Bürger waren freizügiger als die in anderen sozialistischen Ländern", sagt Schnabl, der weitere Werke wie "Intimverhalten - Sexualstörungen - Persönlichkeit" oder "Der Liebe Lust - der Liebe Leid" geschrieben hat. Auch im DDR-Fernsehen und im Radio war der Autor in Ratgebersendungen eine Koryphäe. Immer ganz Gentleman in hellem Anzug strahlte er bei Zuschauern und Patienten Seriosität aus, so dass sie ihm das Intimste anvertrauten. "Ich wollte aber nie Patentrezepte, sondern nur Denkanstöße geben", sagt Schnabl, der verständlich und einfühlsam über Sex und Co. schrieb.

Strichzeichnungen statt Fotos

Das populäre Werk "Mann und Frau intim" musste anfangs ohne Fotos auskommen. Ein paar Strichzeichnungen waren die einzige Illustration. "Ich regte mit meiner Sprache die Phantasie der Leser an", sagt er. Mancher Rat wie Sex in zwei über Eck stehenden Betten ist nicht optimal, klingt vielleicht betulich. Andererseits setzte sich Schnabl gegen die Diskriminierung von Homosexuellen ein und warb um Verständnis für diese sexuelle Orientierung. Schnabls Werke waren in der DDR Bestseller. "Im SED-Politbüro dachte man vielleicht: wenn die Menschen miteinander und im Bett glücklich sind, dann kommen sie nicht auf dumme politische Gedanken."

Schnabl winkt immer ab, wenn er nach Unterschieden in Partnerschaftsverhalten und Sex bei Ost- und West-Deutschen gefragt wird. "Es gab keine wesentlichen", betont er amüsiert. "Seien Sie doch froh, dass die Einheit auf diesem Gebiet schon vor dem Mauerfall vollzogen war."

Gudrun Janicke/DPA/DPA
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