Sprechstunde Flipper im Zunahmi


Im Alter wird es spannend für den Delfin auf der Hüfte. Unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen warnt vor Tätowierungen, die ins Auge gehen.

Die moderne deutsche Frau trägt ihre Haut gern bedeckt. Mit Tattoos. Wenn der Sommer naht, lugen wieder ganze Schwärme von Delfinen über Schulterblätter, in jeder Couleur. Aus dem Wunsch nach etwas Besonderem ist so sehr Massenkultur geworden, dass, wer sich heute mittels Tattoo wirklich aus der Masse herausstechen lassen will, dazu schon etwas wirklich Ausgefallenes brauchte, ein Kreuzworträtsel aufs Kreuzbein etwa oder ein Fragezeichen auf die Stirn.

Einst waren Tätowierungen das Privileg rauer Seefahrer, heute lassen sich Mädchen in einem Alter bekritzeln, in dem sie selber noch ein unbeschriebenes Blatt sind. Da kann die Mutter noch so lange warnen, dass auch die 15-Jährige Mutter werden könnte, mit allen Folgen für Sozialstatus und Bindegewebe. Dann doch lieber Piercings, die kann man wieder entfernen. Aber permanent verunstalten lassen für ein flüchtiges Lebensgefühl? Keins dieser Girlies käme auf die Idee, seine Zimmerwand statt mit einem Poster, das man beizeiten wieder abhängen kann, gleich in Freskentechnik für die Ewigkeit zu verschönern.

Delfin in den Gezeiten des Bauchfettes

Schüchterne wählen für ihr Tattoo die sogenannte Bikini-Zone, die je nach dem Flächenverhältnis von Stoff und Haut sehr unterschiedlich breit ausfallen kann. Ist der Delfin indes - um schamhaft den Schambereich zu vermeiden - zu weit nach oben gerutscht, sieht er sich den Gezeiten des Bauchfettes unterworfen, und da ist mit fortschreitendem Alter immer seltener Ebbe. Sollte eine Schwangerschaft erschwerend hinzugekommen sein, wird aus dem delikaten Delfin ein gestrandeter Buckelwal.

Noch vorsichtigere Frauen wählen deshalb die Knöchelregion. Als Arzt muss ich warnen, dass auch diese zu dramatischen Veränderungen ihrer Form fähig ist: Wer weiß, ob die Schmetterlings-Lady von heute sich nicht in 30 Jahren als Kassiererin die Beine in den Bauch und das Wasser in die Beine steht? Da könnten die zarten Schmetterlingsflügel aufs Äußerste gespannt werden.

Für mich haben Knöchel-Tattoos immer den Beigeschmack des Kleingedruckten. Da unten steht irgendwas. Aber was? In welcher Position soll man, ohne den Anstand zu verlieren, so nah an die Zeichnung herankommen, dass man ihre Botschaft würdigen kann? Unauffällig beim Schuhzubinden? Ich frage mich auch, ob Tätowierungen am Knöchel ein Versprechen sind, dass es irgendwo weitergeht. Eine buchstäbliche Fußnote - der eigentliche Text steht auf einem anderen Schulterblatt.

Wenn man einmal anfängt, hört man nicht mehr auf

Da lobe ich mir doch den Umgang der Männer mit ihren Tattoos. Unvergessen ein Patient in England, der wohl schon ahnte, dass seine Beziehungen nicht von Dauer sein würden. Statt sich auf dem Unterarm auf einen Namen festzulegen, ließ er tätowieren: "Ich lebe und sterbe für alle, die ich liebe!" Ich stellte mir vor, wie er nachts in der Kneipe den Ärmel hochkrempelt und versucht dem Objekt seiner Begierde verständlich zu machen: Das hab ich nur für dich gemacht! Neulich lernte ich jemanden kennen, der mir offenbarte: Wenn man einmal mit dem Tattoostechen angefangen hat, hört man nicht mehr auf. Aus verschiedenen Epochen seiner ästhetischen und finanziellen Entwicklung demonstrierte er mir Muster von Engel über Teufel bis Tribal, also Zeichen bestimmter Stammeszugehörigkeiten. Als er mich fragte, ob ich eine Idee für sein Rückentattoo hätte, schlug ich ihm den Satz vor: "Hier könnte Ihre Werbung stehen!"

Im Ernst: Wirklich verstehen werde ich diesen Kult wohl nie. Ich kaufe mir lieber Aktien von Firmen, mit deren Lasern man Tätowierungen entfernen kann. Denn ich wette, irgendwann werden die spätpubertierenden Rebellinnen wie auch die harten Jungs entdecken, was sie heute nicht zu schätzen wissen: die Schönheit reiner Haut.


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